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Green Book

Ein afroamerikanischer Musiker fährt begleitet von einem italo-amerikanischen Türsteher durch die USA. Nein, das ist nicht der Beginn eines schlechten Witzes.
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Es ist ein altes Lied. Die 1960er Jahre, die Vereinigten Staaten von Amerika und ihr ewiger Rassismus gegenüber der schwarzen Bevölkerungsgruppe. Im mit fünf Oscarnominierungen ausgestatteten Genremix aus Drama und Komödie namens „Green Book“ erwartet uns nun eine weitere Iteration der Thematik. Es geht, angelehnt an eine wahre Begebenheit, um den Türsteher Tony „Lip“ Vallelonga, der im New Yorker Nachtclub Copacabana arbeitet, aufgrund eines Umbaus aber auf seinen Job verzichten muss. So nimmt er, anfangs Widerwillens, eine Anstellung als Chauffeur und Beschützer an. Der Haken an der Sache, und der Punkt, den Tony erst nicht ahnt: Sein Kunde ist ein Schwarzer, sein Name lautet Don Shirley, seines Zeichens erfolgreicher und umjubelter Musiker und studierter Doktor. Ihn soll Tony begleiten, und die Reise führt die beiden erst in den mittleren Westen, später in den stark rassistischen Süden des Landes. Aus der Abneigung, die Tony für Don Shirley übrig hat, entwickelt sich eventuell etwas Neues, dort, in den weiten Einöden und den kalten Städten Amerikas, weit entfernt von seiner Frau und den Kindern, seiner italienischen Verwandtschaft und den bekannten Orten. Tony wird auf seiner Reise mit völlig neuen Menschen konfrontiert, und je mehr Zeit er mit seinem Schützling, dem genialen Pianisten verbringt, desto klarer wird ihm die Perversität des Hasses, der ihm entgegenschlägt. Er beginnt, über sich selbst und den Einzelnen nachzudenken, seine Weltsicht ändert sich vom sprichwörtlichen Schwarz-Weiß zu einem etwas diverseren und offeneren, einem aufgeschlossenen Blick. Mehr sollte man auf der erzählerischen Seite nicht erwarten. „Green Book“ reißt keine Konventionen ein, die Geschichte bleibt von der ersten Minute an recht vorhersehbar. Was in der an sich recht düsteren Erzählung hervorsticht, ist ganz klar der Humor. Der Regisseur Peter Farrelly ist ein Kenner des Genres, und beweist hier abermals feinstes Timing für den gelungenen Witz. Der entsteht zumeist aus der Chemie zwischen den beiden sehr verschiedenen Charakteren. Auf der einen Seite steht Tony, dem Viggo Mortensen auf sehr charmante Weise Leben einhaucht. Er ist ein kantiger Typ, hat seine Prinzipien und Gewohnheiten, und schert sich nicht, bei anderen anzuecken. Tony ist ein Mann aus der Arbeiterklasse, der das glamouröse Leben des wohlhabenden Don Shirley nicht gewohnt ist und so besonders anfangs Schwierigkeiten hat, sich mit den neuen Lebensumständen zu arrangieren. Mortensen gebührt an dieser Stelle einiges an Lob für seine Darstellung. Authentisch und echt, mit einem guten Gefühl für Komik, verschmilzt der Schauspieler mit seiner Figur. Sein Spiel ist oft auch ein sehr körperliches, Mimik und Körpersprache tun ihr Wesentliches, um die Figur dem Zuschauer näher zu bringen. Auf der anderen Seite steht nun Mahershala Ali als Don Shirley, der das genaue Gegenteil seines auf dem Boden gebliebenen Beschützers ist. Der Musiker ist ein Hochwohlgeborener, er lebt in einem luxuriösen Apartment und spielt für die Reichen und Schönen des Landes. Doch abgesehen von seinen gefeierten Konzerten ist er ein einsamer Mensch. Ist sein Auftritt erstmal zu Ende, will die weiße Elite nichts mehr von dem schwarzen Virtuosen wissen. Wir schreiben das Jahr 1962, nur zur Erinnerung. Seine eigenen Leute wollen ihn wiederrum auch nicht, da er als Teil der Oberschicht zu weit von den Lebensumständen und Milieus der afro-amerikanischen Bevölkerung entfernt ist. In manchen Momenten erinnert die Konstellation der beiden Figuren an den französischen Kino-Hit „Ziemlich beste Freunde“, bloß in umgekehrter Besetzung. Gemeinsam stolpern sie durch die turbulenten 60er Jahre der USA, ihr dritter Begleiter ist der Humor, und das in einer Zeit, in der Schwarze nichts zu lachen hatten. Der Flair der Zeit wird dabei gut eingefangen, wenngleich die Geschichte der Ungerechtigkeit, an der auch Viggo Mortensen als Tony wenig ändern kann, kaum was Neues zu erzählen hat. Es ist die Darstellung einer Freundschaft, die jedoch nie den Anstrich einer solchen erhält, sondern weitestgehend eine professionelle, von Geben und Nehmen geprägte Beziehung bleibt. Don Shirley ist ein Stern, der nur kurz Leuchten darf, dann aber aus dem Universum verbannt wird. Er ist eine traurige Figur, zu der Tony im Kontrast beinahe wie eine Persiflage wirkt. Skurril wird „Green Book“ besonders dann, wenn sich die Figuren über Klischees beschweren, über Stereotypen und Vorurteile, aber der Film in seiner Gesamtheit mit Klischees nur so um sich schmeißt. Von der italienischen Großfamilie, durchzogen von Mafioso Kontakten, bis hin zum Wodka-saufenden Russen ist alles dabei.

 

Green Book - Official Trailer [HD], von Universal Pictures

 

An einer Stelle wird das Weihnachtsfest gefeiert. In der Krippe liegt ein weißer Jesus, mit blondem Haar. Es ist ein Sinnbild für die Ideologie jener Zeit, deren Spuren bis heute nachklingen. Doch es erinnert auch daran, dass „Green Book“ dem Genre nicht Neues hinzuzufügen hat. Er ist eine Symbiose aus Drama und Komödie, zumeist mehr komisch als dramatisch, doch letzten Endes nur ein Vertreter des Genres unter vielen, der höchstens durch sein historisches Setting auffällt. Es ist ein Film, der weniger will, als ihm zugesprochen wird, dabei aber trotzdem unter seinem Potenzial bleibt. Die Oscars, die dem Streifen nun vor die Nase gehalten werden, sind höchstens für Viggo Mortensen gerechtfertigt. Es ist ein altes Lied, oft gehört und dennoch unterhaltsam. Bloß keine neue Strophe.

 

 

 

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