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Salto Afternoon

Cefalù

Die Erzählung "Cefalù" ist Teil des über 500 Seiten starken Peter-Oberdörfer-Lesebuches. Sie spielt in Sizilien. Und mit Ordnungshütern.
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Der Mann stieg in einem Kaff aus dem Zug. Es war warm für November, nach über 24 Stunden Fahrt war er erstaunt. Eine seltsame Unsicherheit erfasste ihn, er war sich nicht sicher, dass er in Sizilien war, auch wenn’s am Bahnhof angeschlagen war, Cefalù, Sicilia, Sizilien, Sicily.
Vielleicht war alles nur eine Täuschung, Kulisse, wer weiß ob Sizilien überhaupt existierte.
Er schleppte sich mit seinem Gepäck aus dem Bahnhof und eine Allee entlang in Richtung Meer. Der Himmel, das Meer, alles war klar aber unintensiv. Keine Präsenz irgendwie.
Am Meer war eine Promenade mit Bänken, absurderweise in Richtung Allee und Stadt, im Rücken das Meer hinter einer niedrigen Mauer. Die Situation war lachhaft, diese Allee, die Stadt, der lasche Nachmittag, alles lächerlich.
Der Mann lachte hysterisch. Genicklachen.

Die Leute waren alle unsagbar rührend, er fühlte sich euphorisch, jedes Gesicht war lieb, jedes Gesicht erzählte, jedes Gesicht hatte seine Landschaft.

Ein Polizeiwagen fuhr vorbei, wendete wieder, hielt vor dem Mann auf der Straße, die beiden Zäpf* stiegen aus, sie wollten den Ausweis sehen, der Mann zeigte ihn, immer noch glucksend, er musste lachen über die beiden, sie war so komisch, die Situation war so absurd, alles war absurd, der Mann lachte, das Lachen kam in Stößen, im Grunde war er machtlos, und dann brach er in hysterisches Gelächter aus. Während der eine Bulle mit dem Ausweis zum Auto ging und telefonierte, stand der andere ratlos und überflüssig daneben.
Als der Mann sich beruhigt hatte, fragte er ihn aus, was er tue, woher er komme, wohin er gehe, warum gerade jetzt, wo jeder normale Mensch arbeitet oder studiert, auf jeden Fall keine Zeit für sowas hat, warum gerade hier. Der Mann antwortete ganz ehrlich, dass jetzt eine gute Zeit sei, nicht zu heiß, nicht zu überfüllt, Zeit zum Schauen, der Putz` begann sich zu ereifern, ob dem Mann Sizilien gefalle, er zählte die Sehenswürdigkeiten auf, die man unbedingt sehen musste, Monreale, Valle dei Templi, die Römervilla in Piazza Armerina, Taormina …
Der andere hatte inzwischen telefoniert, und kam mit dem Ausweis zurück, alles war in Ordnung, sie gaben dem Mann den Ausweis zurück, dann wollten sie noch seinen Arm sehen, wegen Stichen, sie untersuchten den Arm, fanden nichts verdächtiges, dann wollten sie den Inhalt zumindest der kleinen Tasche sehen.
Der Mann nahm alles heraus und legte es auf das Dach des Wagens, ein Buch und ein Heft, beide wurden Blatt für Blatt untersucht, eine winzige Geldtasche, die er öffnen und den Inhalt ausleeren musste, es war Geld drin, Kleingeld, ein paar zusammengelegte Scheine, alte zerknüllte, schmutzige Papierfetzen von irgendwelchen Eintrittskarten oder Scheinen, sogar die Papierbrösel klopfte er heraus. Dann die Mundharmonika (Maulorgl), das Etui musste geöffnet werden, die Harmonika heraus genommen, das Etui ausgeklopft, die Harmonika selbst untersucht werden.
Dann durfte er alles wieder einpacken, er tat es sorgfältig, Stück für Stück. Die Bullen gaben es auf, sie wünschten ihm sogar gute Reise und fuhren weiter, er blieb allein zurück mit der Bank, dem Gepäck, der Allee und im Rücken das Meer. Er setzte sich und überlegte, was er hier eigentlich tat, er hier, es war so lächerlich, er musste wieder lachen.
Er sah hinüber zur Altstadt, dann erhob er sich und ging in die Richtung, in einer engen Gasse wurden Oliven verarbeitet, die ganze Gegend roch olivenölig. Die Gasse führte wieder hinaus aus der Stadt und wurde dort zur Landstraße, sie verlief dem Meer entlang um einen Hügel.
Die Wellen im Meer baumelten lispelnd. Sie spritzten gegen die braunen Felsen, es erinnerte an ein junges Tier.
Es war noch ziemlich früh, drei oder vier, höchstens fünf, der Mann suchte aber schon einen Platz zum Schlafen. Er kletterte auf die andere Seite der Straße den Hügel hinauf, unten war ein Wald, weiter oben wurde der Hügel kahl, in den trockenen Felsen war etwas gehauen wie eine Festung. Um die Festung war Stacheldraht, der Mann erschrak, ein Militärgebiet, er hatte Angst, schleunigst lief er wieder den Hügel hinunter auf die Straße und zurück in die Stadt.
Er ging durch die engen Gassen, eigentlich wusste er nicht recht was anfangen, Unintensität, irgendwie ging er völlig unbeteiligt, fast unbewusst durch die Gässchen, nichts klang, er setzt sich vor der Kirche auf eine Bank, es schien das Zentrum hier zu sein, alles stand, oder ging oder diskutierte herum, es war was los.
Der Mann setzte sich bequem hin, irgendwie zum Schutz, und nahm sein Denken wahr, es wurde warm, es durchfloss ihn warm, es war Substanz, er sank ein, es war angenehm, er fühlte sich geborgen.
Er ließ sich Zeit. Er nahm seinen Raum wahr. Landschaft floss, warme, bergende, befreiende, intensive Landschaft.
Er sah sich um. Die Leute waren alle unsagbar rührend, er fühlte sich euphorisch, jedes Gesicht war lieb, jedes Gesicht erzählte, jedes Gesicht hatte seine Landschaft.

* Zäpf = in Südtirol umgangssprachlich für Stadtpolizei/ Gemeindepolizei (plur.) oder Stadtpolizist (sing.); im Gegensatz zu Carpf (Militärpolizei/ Carabinieri) oder anderen Einheiten.

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Ein Lesebuch mit unveröffentlichten Texten von Peter Oberdörfer. Herausgegeben von Christine Kofler, Haimo Perkmann und Sonja Steger.

 

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