Wirtschaft | Großprojekte

Brixner "Basta-Politik"

Ob Hofburggarten oder Plose-Seilbahn: Das Procedere rund um Brixner Großprojekte sorgt in und außerhalb von Brixen weiterhin für jede Menge Kritik.
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Foto: upi

Dem Brixner Gemeinderat Markus Frei dürfte die  gestrige Tagesschau auf RAI Südtirol den Mittwoch Abend verdorben haben. Der Grund? Ein Bericht über das neue Luxushotel „My Arbor“ von Tourismusvereins-Präsident und Hotelier Markus Huber, das am 1. Mai an den Hängen der Plose in St. Andrä seine Tore öffnet. Neben Zimmerpreisen und sonstigen PR-Infos darf sich der Hotelier darin auch über die „immense Aufwertung“ auslassen, die die geplante Seilbahn von der Stadt zu seinem Hotel dem Projekt bringe.

"Man hatte sich gemeinsam auf den Weg gemacht und mit vereinten Kräften einen versöhnlichen Prozess initiiert. Dieser wurde nun einseitig aufgekündigt“.

Und das etwas mehr als zehn Tage vor der Abgabefrist der Projekte, die ein europäischer Ideenwettbewerb liefern sollte - nachdem ein teurer und als ergebnisoffen deklarierte Entscheidungsprozess einen Kriterienkatalog für eine integrierte Verkehrslösung zwischen Stadt und Berg ausgearbeitet hatte, fragte sich gestern wohl nicht nur der Fraktionssprecher der Grünen Bürgerliste im Brixner Gemeinderat. Er erinnert in einer Pressemitteilung daran, dass die Volksabstimmung zur Plose ergeben hatte, dass sich die Bürger eine verbesserte und umweltfreundliche Verbindung von der Stadt auf ihren Hausberg wünschen. „Der Entscheidungsprozess der in der Folge in die Wege geleitet  und vom gesamten  Gemeinderat mitgetragen wurde, hatte zum Ziel die bestmögliche Verbindung zwischen Stadt und Berg anhand von 18 Kriterien zu ermitteln. Zentraler Fokus: eine Verkehrslösung die sowohl der Stadtbevölkerung als auch den Bewohnern am Mittelgebirge zu Gute kommen sollte und den motorisierten, privaten Personenverkehr entlasten sollte. Daneben sollten auch all jene Nutzergruppen berücksichtigt werden, die aus arbeits-, schul- oder Freizeitgründen vom Berg in die Stadt und wieder zurück müssen“, schreibt Markus Frei.

 

Im Tagesschaubericht sei von all dem aber nicht mehr die Rede - und die Seilbahn werde „zum wiederholten Male  als der ‚Heilsbringer’ für die Entwicklung des Plosebergs  hochstilisiert“, so Frei.  Dabei sei nach der Volksabstimmung schnell klar geworden, dass nicht die Seilbahn der entscheidende Faktor für den wirtschaftlichen Aufschwung der Plose sei, sondern Investitionen am Berg und die Diversifizierung des Angebots. Für den Grünen Gemeinderat haben der  Entscheidungsprozess und der internationalen Ideenwettbewerb durch diese „unsportliche Grätsche“ kurz vor dem Ziel einen argen Schaden erlitten und an Glaubwürdigkeit verloren. „Man hatte sich gemeinsam auf den Weg gemacht und mit vereinten Kräften einen versöhnlichen Prozess initiiert. Dieser wurde nun einseitig aufgekündigt“,  erklärt der Fraktionssprecher der Grünen Bürgerliste.

Akademischer Widerstand

Markus Frei ist aber nicht der einzige, der sich in diesen Tagen über „Ignoranz und Respektlosigkeit“ in der Bischofsstadt und im Land empört.  Worte, die in einem aufschlussreichen akademischen Briefwechsel fallen, der sich zwischen Mittwoch und Donnerstag zwischen der Universitäts-Professorin Susanne Elsen, dem Architekturprofessor, Publizisten und Wahl-Brixner Andreas Gottlieb Hempel und der Wiener Universitätsprofessorin für Landschaftsarchitektur Lilli Lička entspannte. Letztere schrieb am Mittwoch in Sachen Hofburggarten einen Brief an Bischof Ivo Muser. Wie schon andere Fach-KollegInnen aus verschiedenen europäischen Ländern vor ihr, kritisiert die Leiterin des Institutes für Landschaftsarchitektur an der Universität für Bodenkultur und Wettbewerbsbeauftragte des Ingenieurbüros für Landschaftsarchitektur der Wiener Wirtschaftskammer in einem Offenen Brief das Vorgehen in der Causa Hofburggarten. Einerseits was die Missachtung des Siegerprojekts und geplante Direktvergabe an André Heller betrifft. Andererseits befindet aber auch die Leiterin des Wiener Institutes für Landschaftsarchitektur, dass das bislang vorliegende Heller-Projekt „nicht nur den Gegebenheiten und dem daraus resultierenden Genius loci des Hofburggartens widerspricht, sondern auch den solchen Attraktionen anhaftenden gravierenden Nachteil hat, mit einem engen Zeitstempel versehen zu sein“.  

„Das Anfüllen des Raums mit Elementen, die auf sich aufmerksam machen sollen (anstatt den Raum uns seine Atmosphäre zu inszenieren), wird dem Ansinnen der dauerhaften Bereitstellung von qualitätvollen Freiräumen nicht gerecht, um die es in solchen Gartenanlagen geht. Während in einer fundiert erarbeiteten Gartengestaltung die Nutzung und Attraktivität auf lange Zeit gesichert ist, nützt sich ein derartiges Programm schnell ab."

Das Vorhaben, Hellers Gartenspektakel zu realisieren, erfülle sie daher mit Sorge, schreibt die Universitätsprofessorin. „Der kurzfristige Show-Effekt, der mit großem Aufwand hier erzielt werden kann, wiegt die Zerstörung des kulturellen Wertes einer gartenhistorischen Anlage wie jener des Pomariums nicht auf.“

Worte, für die Lilli Lička umgehend Applaus von Andreas Gottlieb Hempel erhielt. In einem – ebenfalls offenen-  Antwortschreiben an die Wiener Landschaftsarchitektin begrüßt der Architekt das Schreiben an Bischof Muser als den „eigentlich  Verantwortlichen für das der Kirche gehörende Grundstück des Hofburggartens - verantwortlich im Sinne für zeitlich geliehenes Gut, das es in seiner Qualität zu erhalten und weiterzugeben gilt.“ Als solcher hätte er auch das Recht, sich gegen unpassende Veränderung durch den Pächter, also die Stadt Brixen, zur Wehr zu setzen.  Umso mehr würde er „wie viele meiner Brixner Freunde“ hoffen, dass sich die weitere Entwicklung wieder auf den vorher einmal eingeschlagenen Weg besinnt und ihn konsequent ohne Großmannssucht weiter beschreite, schreibt Hempel. „Der Hofburggarten ist seit 1248 vielen Generationen weitergegeben worden und soll auch weiteren Generationen übergeben werden - da passt kein kurzlebiges modisches Zwischenspiel, wie es André Heller vorschlägt. Die Wahl fiel wohl auf ihn, weil man sich im Glanze seines Bekanntheitsgrades sonnen möchte. Aber: je mehr man sich um die große Welt bemüht, umso deutlicher ist man Provinz. Peinlich!“

Weit weniger Hoffnung auf ein "Happy End" im Sinne eines Einlenkens der Politik scheint sich dagegen Susanne Elsen zu machen. „Um ehrlich zu sein, erwarte ich keinerlei Reaktion auf unseren Brief - weder von der Kurie noch von Stadt oder Land“, antwortet sie auf Hempels Schreiben. „Ich stelle mit großer Sorge fest, dass entgegen allen Entwicklungen und auch politikwissenschaftlichen Erwägungen, dieses Land zunehmend in eine "Basta"-Politik verfällt und den Bürger und Zahlenden einfach übergeht, um verschiedene Großprojekte einfach durchzuziehen“, kritisiert die Brixner Universitätsprofessorin. Und zitiert als weiteren Beleg für ihre These ebenfalls die TV-Einlage von Markus Huber zur Plose-Seilbahn. Diese würde „ absoluter Selbstverständlichkeit als Notwendigkeit und natürliche Folge von drei exklusiven Hotels in St. Andrä präsentiert“. Keiner rede dagegen darüber, was das für die Gemeinde bedeuten wird, zum Beispiel  bezogen auf die Wohn- und Grundstückspreise oder die gewachsenen Strukturen, meint Susanne Elsen. „Ich bin entsetzt über so viel Ignoranz und Respektlosigkeit“, schreibt sie. „Trotzdem schönen Tag.“

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Hartmuth Staffler Do., 05.04.2018 - 14:18

Dem Baumhaus-Hotel von Markus Huber ist bereits mit der praktisch nur für sein Hotel nützlichen, teuren "Umfahrung" von St. Andrä mehr als genug entgegengekommen worden. Wenn man ihm jetzt auch noch eine Privatseilbahn bauen sollte, dann wäre das wirklich des Entgegenkommens zu viel. Zum Thema Hofburggarten ist eigentlich schon alles gesagt worden. Es gibt ein Siegerprojekt entsprechend den Kriterien, die unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes und mit Bürgerbeteiligung erstellt wurden. Wenn man dieses Projekt übergeht, riskiert man entweder einen Rekurs, der jede Nutzung des Gartens auf viele Jahre unmöglich machen würde, oder man stellt die Wettbewerbsgewinner mit einem anderen Auftrag ruhig, eine Taktik, die in Südtirol immer wieder angewendet wird, die aber äußerst fragwürdig ist. Ensemble- und Denkmalschutz, denen der Hofburggarten unterliegt, sind ohnehin längst zu absolut harmlosen Papiertigern gemacht worden, über die man an zuständiger Stelle höchstens milde lächelt.

Do., 05.04.2018 - 14:18 Permalink