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Vom Onkologen zum Autor

Keine Top 10 der Urlaubspflichtlektüren, sondern ein behutsamer, aber unausgereifter Sterberoman: „Bevor wir verschwinden“ von David Fuchs.
verschwinden
Foto: Bildquelle: Haymon

„Wir defibrillieren Schweine in Planschbecken.“ Wenn der erste Satz in einem Buch tatsächlich der wichtigste ist – ein literarisches Mantra, das an jeder passenden und unpassenden Stelle gerne wiederholt wird – dann hat es der erste Satz in David Fuchs‘ Debüt in sich.

Mit originellen Bildern, knappen Sätzen und einem lockeren Tonfall beginnt der Autor seinen Roman über Benjamin, einen Medizinstudenten kurz vor der Dissertation, der bei einem Praktikum auf der Krebsstation auf seine metastasendurchwucherte Jugendliebe Ambros trifft.

Was nach den besten Zutaten für ein gelungenes Debüt klingt, geht aber leider nur im Ansatz auf. 

Außer Adelheid, dem besagten zu defibrillierenden Schwein, bevölkert Fuchs – selbst Oberarzt auf der Onkologie – den Krankenhausalltag mit einem in Hotpants grillenden Oberarzt, einer taffen Krankenschwester mit Faible für Stauschläuche mit Tierköpfen und einer Reihe von eigenwilligen Patienten wie den toten Kobicek. Die Dialoge sind wortkarg, Zwischenmenschliches wird nur angedeutet, die Rückblenden in die Beziehung von Benjamin und Ambros sind bewusst spärlich.

Quelle: Haymon Verlag

Was nach den besten Zutaten für ein gelungenes Debüt klingt, geht aber leider nur im Ansatz auf. Zu wenig ausgearbeitet sind die Figuren, zu lasch pointiert die Skurrilität des Onkologiealltags oder etwa die Parallelen zu Doktorserien im TV, insgesamt zu gewöhnlich auch die Sprache, mit der sich Fuchs in den aktuellen Trend der Parataxenprosa einreiht. Weit weg ist der Autor von sentimentalen Abschiedsszenen im Angesicht des Todes, und dennoch: Die Grenze zwischen dem kleinen Detail und der Banalität, ebenso wie zwischen Andeutung und Oberflächlichkeit ist eine schmale, und nicht immer gelingt David Fuchs diese Gratwanderung. Im Interview auf FM4 spricht der Onkologe und Autor schon vom nächsten Roman. Das Potential ist da, vielleicht kommt bis dahin noch die nötige Reife.