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The Favourite

Eine Geschichte voller Intrigen, drei ehrgeizige Schauspielerinnen und eine gesunde Spur Wahnsinn – Mehr braucht es nicht, um den angestaubten Kostümfilm zu reanimieren.
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Es nicht allzu lange her, seit Yorgos Lanthimos mit seinem letzten Werk, „The Killing of a sacred Deer“ an dieser Stelle zum Handkuss kam. Nun kehrt er zurück, und „The Favourite“ bietet nicht nur innerhalb von Lanthimos Œuvres deutliche Abwechslung. Während sein letzter Film noch Anleihen am Thrillergenre suchte, manövriert man den Zuschauer nun in ein historisches Setting, nämlich an den Hof von Königin Anne Stuart. Die Herrscherin ist in die Jahre gekommen und hat die ein oder andere, nun, seltsame Angewohnheit entwickelt. An ihrer Seite steht die resolute Sarah, ihres Zeichens selbst Herzogin, die viele Entscheidungen der labilen Königin steuert und so ihre Machtposition am Hof ausbauen konnte. Es könnte alles so schön sein, doch dann platzt Sarahs Cousine Abigail in die Idylle. Sie hat ihren adeligen Status verloren und möchte als Magd am Hof der Königin arbeiten. Schnell startet sie Annäherungsversuche an die Königin, sie lässt keine Gelegenheit, sich die Gunst der Herrscherin zu erkämpfen, aus. Und es funktioniert, sehr zum Missfallen von Sarah, die ihre Stellung gefährdet sieht. Als Abigail das ein oder andere, gut gehütete Geheimnis der Königin und ihrer engsten Vertrauten erfährt, steigt ihr Einfluss enorm. Was daraus entsteht, ist ein Irrgarten aus Plänen, Absichten und Überraschungen. Nur so viel sei gesagt: Der königliche Hof ist ein belastbarer, und das ist auch gut so. Wer bis zum Schluss die „Favourite“ der exzentrischen Anne wird, soll natürlich nicht verraten werden.

So ist der Film im Kern eine Komödie, die jedoch auf plumpen Humor verzichtet, und seinen Witz aus den Situationen und der Interaktion zwischen den Hauptakteuren erzeugt. Wobei „Akteurinnen“ an dieser Stelle wohl treffender ist. Die drei Damen, die sich hier zwei Stunden lang umwerben, sind das klare Highlight des Films. Anne wird bravurös von Olivia Colman verkörpert, die zwischen Verzweiflung, Wahnsinn und schierer Ratlosigkeit, aber auch Leiden und Frust pendelt, und so stets unberechenbar, dadurch aber hochgradig unterhaltsam ist. An ihrer Seite spielen sich Emma Stone als Abigail und Rachel Weisz als Sarah gegenseitig an die Wand. Die so selbstbewusste Fassade, die insbesondere Sarah von Anfang an zeigt, beginnt unter der Anwesenheit und intriganten Handlungen Abigails langsam zu bröckeln. Weisz vollzieht diesen Werdegang mit viel Gefühl, auf der anderen Seite folgen wir Stone, die als Mauerblümchen an den Hof kommt, deren Ego aber immer weiter wächst. Abermals zeigt die US-amerikanische Darstellerin ihre Wandlungsfähigkeit und brilliert auch in diesem Film mit feinen Nuancen der Innenwelt ihrer Figur.

Dennoch stets über den beiden Konkurrentinnen die Königin, Colman strahlt über die beiden hinweg und verschmilzt am deutlichsten mit der historische Figur der Anne.

 

THE FAVOURITE | Teaser Trailer | FOX Searchlight, von Fox Searchlight

 

Den Großteil der Handlung folgen wir den drei Figuren durch die labyrinthischen Innenräume des prunkvoll ausgestatteten Schlosses. So ist „The Favourite“ über weite Strecken hin ein Kammerspiel, welches jedoch auf visueller Seite zu keinem Zeitpunkt langweilig wird. Was Lanthimos und sein Kameramann Robbie Ryan hier präsentieren, gleicht einem Bilderrausch. In extremen Weitwinkelaufnahmen verzerren sie die Einstellungen in grotesker Weise, die Kamera dreht und wendet sich, einerseits wie sie will, andererseits stets unter der Kontrolle ihres Regisseurs. Alles ist perfekt choreografiert, keine Bewegung ist hier überflüssig oder an falscher Stelle. Man beherrscht das Spiel von Licht und Schatten, ähnlich wie einst Kubrick in „Barry Lyndon“ nutzt auch Lanthimos an vielen Stellen ausschließlich Kerzenlicht zur stimmungsvollen Beleuchtung seiner Szenen. Die ungewöhnliche Kameraarbeit, die offensichtlicher Weise durch die exzessiv genutzten Weitwinkel dominiert wird, fällt vor allem in Verbindung mit dem Filmgenre auf. Kostümfilme sind meist konventionell inszeniert, und fallen eher durch eine Übersättigung an Ausstattung und Kleidern auf, als durch ausgeklügelte Kameraarbeit. Eine Ausnahme bildet abermals „Barry Lyndon“. Doch der dynamische Regiestil von Lanthimos, der hier, gepaart mit ungewöhnlicher Handlung auf das Historische trifft, ergibt ein erstaunlich erfrischendes Gesamtpaket, welches jedoch nie unpassend wirkt. Lediglich der Zynismus und die bitterbösen Momente eines „The Killing of a sacred Deer“ fehlen an dieser Stelle, doch man vermisst sie nicht. Vielmehr stehen die Figuren im Vordergrund. Während man in der ersten Hälfte von der Menge an absurden Ereignissen und den Schauwerten bestens unterhalten wird, fährt Lanthimos das Tempo in der zweiten Hälfte deutlich zurück und lässt Zeit zum Atmen. Das wirkt jedoch an manchen Stellen so, als wäre man darum bemüht gewesen, die Lauflänge etwas zu strecken. Etwas mehr Fokus gegen Ende hätte dem Film gut getan. Ansonsten lässt sich für „The Favourite“ aber nur eine große Empfehlung aussprechen. Yorgos Lanthimos beweist einmal mehr, dass er einer der großen Regisseure unserer Zeit ist. Er pustet all den Staub, der auf dem eingeschlafenen Genre der Historienfilme liegt, weg als wäre es eine Fingerübung. In Wahrheit ist „The Favourite“ jedoch ein Glanzwerk europäischer Filmkunst, ein wilder Ritt auf einem Pferd, welches die ein oder andere Line feinstes Koks gezogen hat und so durch die Kinosäle unserer Welt galoppiert. Es lohnt sich.

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