„Eine Installation zum Staunen“
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SALTO: Herr Vinati, was macht das Heilige Grab (Fossa Santa) von Kolfuschg im Vergleich zu anderen religiösen Strukturen so einzigartig?
Paolo Vinati: Das Heilige Grab, das während der Karwoche in der Kirche von Kolfuschg aufgestellt wird, ist ein Werk aus dem Jahr 1837 von Filippo Tavella. Es handelt sich um eine Inszenierung von großem historischem und künstlerischem Wert – eine wunderbare Installation, die den Besucher staunen lässt: Mit Malereien, mechanischen Elementen und farbigen Kugeln ist es wie eine große Bühne gestaltet, die den Betrachter zur Reflexion über Gut und Böse anregen soll.
Haben Sie sich während der Dreharbeiten mehr auf die handwerkliche Raffinesse der Konstruktion oder auf die spirituelle Bedeutung für die Gemeinschaft konzentriert?
Ich habe den Aufbau aus nächster Nähe verfolgt. Das ist alles andere als einfach: Es braucht sechs oder sieben Personen, die jedes Detail dieser imposanten Kulisse perfekt kennen. Der Film wechselt zwischen diesen Momenten des Aufbaus und Interviews mit den Bewohnern, die von ihren Kindheitserinnerungen erzählen. Wie viele dieser Traditionen in Südtirol wurde auch dieses Grab nach den 1960er-Jahren – im Zuge der Modernisierung durch das Zweite Vatikanische Konzil – zunächst aufgegeben und erst zu Beginn des neuen Jahrhunderts wiederentdeckt.
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Das Grab ist ein visuell sehr eindrucksvolles, fast barockes Bauwerk. Wie haben Sie versucht, diese visuelle Kraft einzufangen, ohne die Schlichtheit des Augenblicks zu verlieren?
Im Film zeigt sich eine große Spontaneität. Um das zu erreichen, habe ich Methoden der ethnografischen Forschung genutzt: Lange vor den Dreharbeiten habe ich versucht, ein Vertrauensverhältnis zu den Menschen aufzubauen. Ich habe sie besucht und mich ihnen vorgestellt. Diese Vertrautheit war notwendig, damit ihre Aussagen vor der Kamera natürlich und authentisch wirkten.
Ihr Werk wurde für das Bolzano Film Festival Bozen ausgewählt. Was bedeutet dieser Schritt von der lokalen Ebene auf die Kinobühne für Sie?
Das hat mehrere Ebenen. Zunächst zeigt es, wie öffentliche Institutionen – in diesem Fall das Museum Ladin – die regionale Kultur konkret fördern können.
Es würde mich nicht wundern, wenn durch Fossa Santa auch in anderen Orten der Wunsch entstünde, ähnliche Traditionen wiederzuentdecken.
Die Aufwertung solcher Werke kann das Interesse der Menschen neu wecken. Es würde mich nicht wundern, wenn durch Fossa Santa auch in anderen Orten der Wunsch entstünde, ähnliche Traditionen wiederzuentdecken. Die Teilnahme an einem so wichtigen Festival bestätigt zudem, dass religiöse Werke vollumfänglich zu unserem gemeinsamen, schützenswerten Kulturerbe gehören.
(c) Paolo VinatiWelche Rolle spielt die akustische Dimension in Ihrem Dokumentarfilm?
Die akustische Ebene ist essenziell: Die mechanischen Geräusche des Aufbaus und die Stille der Gebetsmomente verleihen dem Film eine poetische Atmosphäre. Im Schlussteil hört man einen religiösen Gesang aus der Karwoche („Gesù mio, con dure funi“), den Barbara Kostner und ich vor über zwanzig Jahren im Gadertal aufgenommen haben. Diesen Gesang heute zu hören, ist fast so, als würden die Kirchenmauern das zurückgeben, was sie über Jahrhunderte hinweg von den Gläubigen gehört haben.
Wie haben die Bewohner von Kolfuschg darauf reagiert, ihre eigene Tradition nun auf der großen Leinwand zu sehen?
Die Präsentation am 25. März in Kolfuschg war sehr gut besucht, auch von Menschen aus den Nachbargemeinden. Indem man diese materiellen Kulturgüter würdigt, würdigt man auch die Menschen, die sie bewahren. Die Bewohner haben eine große Dankbarkeit gezeigt – der Film ist eine Art Anerkennung für ihr Engagement, das Wertvolle zu erhalten.
Zur PersonPaolo Vinati, geboren 1967 in Brescia, ist ein profilierter Ethnomusikologe (Absolvent des DAMS Bologna) und Dokumentarfilmer. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Dokumentation oraler Musiktraditionen, wobei er umfangreiche Studien in Südtirol, Österreich, der Lombardei und Montenegro durchgeführt hat. In enger Zusammenarbeit mit Institutionen wie dem Museum Ladin, der Universität Trient und der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien veröffentlichte er zahlreiche Fachbücher und CD-Produktionen. Als Regisseur ethnografischer Filme bringt er seine wissenschaftliche Präzision auf die Leinwand und ist regelmäßiger Gast auf internationalen Filmfestivals.
Infos zum Bolzano Film Festival Bozen gibt es hier: Bolzano Film Festival Bozen - BFFB - Bozen
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