Film | Rezension

Hochzeit mit... Hindernissen (?)

Boys meets Girl, lieben einander, wollen heiraten. Aber was, wenn plötzlich Zweifel kommen, ob man den Menschen, der einem am nächsten steht, überhaupt kennt?
Ein Mann und eine Frau werden fotografiert
Foto: A24
  • Es beginnt in einem Coffee-Shop in Boston. Er, Charlie, sieht sie, Emma, die ein Buch liest und Kaffee trinkt. Er will sie ansprechen, weiß aber nicht wie, nutzt dann das Buch, das er vorgibt, gelesen zu haben und als Gesprächseinstieg missbraucht. Die beiden lernen sich kennen, erst zögerlich, dann stürmischer. Die Beziehung ist bewegt, wobei sich das impulsive Gemüt Emmas gut mit der etwas melancholischen, zögerlichen Art von Charlie ergänzt. Bald steht fest: sie wollen heiraten. Bis es so weit ist, gilt es, Vorbereitungen zu treffen, sich mit Freunden auszutauschen, den großen Tag zu planen. Alle Zutaten für eine herrliche Romcom im Stile der frühen 2000er liegen auf dem Tisch, als die Wahrheit auf selbigen gelegt wird, in einer Schlüsselszene in Kristoffer Borglis Film The Drama. Es sollte ein feuchtfröhlicher Abend mit Freunden werden, als die Frage nach dem Schlimmsten, was man im Leben getan habe, wie ein kleiner Vogel, der sich auf den ersten Stein setzt, eine Lawine ins Rollen bringt.

  • Das Lächeln beim Fotoshooting... ist es echt? Foto: A24
  • Charlie und die anderen am Tisch legen vor, ihre Geschichten amüsieren, schockieren, aber so richtig verstörend waren ihre Taten nicht. Bis Emma nachlegt und schonungslos offen erzählt. Was ihren Mund verlässt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Fest steht, dass die Wahrheit schwer verträglich ist und die Grundfesten gleich mehrerer Beziehungen erschüttert. Zum einen sind da die Freunde, allen voran Rachel, die am liebsten jeden Kontakt beenden möchte. Zum anderen hadert plötzlich Charlie mit Emma, aber auch mit sich selbst. Wie gut kennt er den Menschen, mit dem er ein Leben und ein Bett teilt, und den er in wenigen Wochen am Traualtar zu seiner Ehefrau nehmen wird? Fragen wie diese sind das Herzstück des Films von Regisseur Kristoffer Borgli, der sich in seinem vierten Film zwei Hollywood-Stars schnappte, Zendaya und Robert Pattinson, und so schon in der Besetzung Erwartungen schafft, denen sich das Marketing des Films anschloss. Vom eigentlich düsteren und verzwickten Ton des Films war im Vorfeld kaum etwas zu sehen, weshalb der Streifen so manche ahnungslose Zuschauer*innen ins Kino locken und ihnen eine Überraschung bieten dürfte. Gut, dass sich der Besuch lohnt, denn das wendungsreiche Drehbuch ist mit scharf geschliffenen Dialogen versehen. Die Szenen verkriechen sich nicht in ein Genre, sondern bleiben offen. So wechseln sich düstere Beziehungsszenen, die einem Thriller entnommen sein könnten, mit humoristischen Momenten, die Fremdscham provozieren. Zum Ende hin weiß der Film sich immer weiter zu steigern und wird in zwischenmenschlichen Aspekten recht unangenehm, vermisst es aber, die Extra-Meile zu gehen. So kommt er im etwas zu kurz geratenen Finale etwa nicht an die explosive Stimmung eines Das Fest von Thomas Vinterberg heran, auch wenn sich beide Filme gegen Ende ähneln. Entschädigend wirken hingegen die beiden Hauptdarsteller*innen, die gegen die Erwartungen des Publikums spielen und sich von bisherigen Rollen gut abheben. Besonders die innere Zerrissenheit der beiden kommt gut zum Tragen, wobei Zendaya ihre moralisch hochkomplexe Figur mit genügend Detailverliebtheit spielt, um glaubwürdig zu sein. 

  • Emma beim ersten Aufeinandertreffen mit Charlie. Foto: A24
  • An die rechte Stelle gepackt, verschoben, gekürzt, gestreckt, vertauscht, ineinandergesteckt – all das erledigt der lebhafte und selbstbewusste Schnitt von Cutter Joshua Raymond Lee, den man getrost als dritte Hauptfigur, eine Art allwissender Erzähler, bezeichnen kann. Er macht klar, dass Emma und Charlie im Mittelpunkt stehen. Das gesellschaftlich brisante Thema, das der Film etwa nach einem Drittel der Laufzeit aufbringt, rückt da eher in den Hintergrund. Eine eingehende Beschäftigung mit dem besonders für US-Amerikaner omnipräsenten Diskurs fehlt. The Drama ist vielmehr eine Auseinandersetzung zwischen und mit Menschen und entlässt das Publikum mit der zentralen Frage, die wohl in den meisten Fällen für ein unwohles Gefühl sorgt: Was weiß ich von dem Menschen, den ich liebe,… und was verschweigt er oder sie?