Gesellschaft | Armutsnetzwerk

„Armut braucht gemeinsame Verantwortung“

Das Südtiroler Armutsnetzwerk hat sich erstmals im Landtag vorgestellt. Alle Fraktionen signalisierten Unterstützung für Prävention und langfristige Armutsdaten.
Südtiroler Landtag

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„Armut ist kein Schicksal, sondern ein Zustand, den eine Gemeinschaft zusammen verhindern, erkennen und bewältigen kann. Dafür braucht es Wissen, Zusammenarbeit und gemeinsame Verantwortung.“ Mit diesen Worten erläuterte Roberta Rigamonti, Präsidentin des Dachverbands für Soziales und Gesundheit (DSG), heute im Südtiroler Landtag den Grundgedanken des Armutsnetzwerks.

Das Südtiroler Armutsnetzwerk „Alle gegen Armut“ – das im Mai 2025 auf Initiative des Dachverbands für Soziales und Gesundheit hin gegründet wurde – vereint heute 22 Organisationen und Institutionen aus den Bereichen Soziales, Gesundheit, Wirtschaft, Kultur, Universität und Ehrenamt. Das Netzwerk, so erklärt es Rigamonti vor den Südtiroler Landtagsabgeordneten, versteht Armut nicht als vorübergehende Notlage, sondern als strukturelles Problem, das durch steigende Lebenshaltungskosten, prekäre Arbeitsverhältnisse, Wohnungsnot und schwindende soziale Netzwerke entsteht. Deshalb setze das Netzwerk auf Prävention statt bloßer Krisenhilfe.

„Wie kann diese Prävention erfolgen? Indem man zentrale Lebensbereiche bestärkt, wie Bildung, Beschäftigung, bezahlbaren Wohnraum, soziale Absicherung sowie gesellschaftliche Teilhabe“, führte Elisa Berger, Koordinatorin des Südtiroler Armutsnetzwerks, weiter aus.

Fehlende Statistik

„Um ein Problem zu bewältigen, muss man es zunächst erkennen können – und um es sichtbar zu machen, braucht es Daten“, so Rigamonti. Damit spricht sie ein weiteres zentrales Ziel des Armutsnetzwerks an: den Ausbau der Datenerhebung und -analyse in Südtirol, um komplexe Lebenslagen zu verstehen und wirksame Maßnahmen zu entwickeln. Denn eine kontinuierliche, systematische Armutsstatistik gibt es hierzulande nicht. Das letzte umfassende Gesamtbild wurde von der ASTAT im Jahr 2015 veröffentlicht.

Roberta Rigamonti, Präsidentin des Dachverbands für Soziales und Gesundheit: „Um ein Problem zu bewältigen, muss man es zunächst erkennen können – und um es sichtbar zu machen, braucht es Daten.“ Seehauserfoto

„Die Studie von 2015 wurde vermutlich aufgrund verschiedener Entwicklungen wie der Covid-Pandemie sowie bestehender Personalknappheit nicht weitergeführt. Ich denke nicht, dass es eine bewusste Entscheidung dagegen gab“, meinte Berger im Anschluss an die Präsentation im Landtag. Dennoch sei es umso wichtiger, sich bewusst zu machen, dass man ohne eine solche Datengrundlage nicht ins Handeln kommen könne. „Die ASTAT ist die zentrale Institution zur Erhebung der Daten in Südtirol und sollte diese Aufgabe auch künftig übernehmen, wobei die Analysen teilweise gemeinsam mit Partnerorganisationen erfolgen können“, so Berger.

Gefährdete Familien

Auch wenn eine umfassende Armutsstatistik fehlt, gibt es wissenschaftliche Untersuchungen zu einzelnen Aspekten der Armut. Der unibz-Forscher Evan Tedeschi stellte den Volksvertreterinnen und -vertretern im Landtag die Armutsrisiken für Familien mit Kindern zwischen 0 und 15 Jahren in Südtirol vor, die 2021/22 mit finanzieller Unterstützung des Landes Südtirols empirisch erhoben wurden. Das Ergebnis zeigt, dass vor allem Familien von Armut gefährdet sind, in denen die Eltern getrennt leben, zwei oder drei Kinder haben oder die erst seit weniger als zehn Jahren im Land leben.

 

„Das Armutsproblem in Südtirol hat vor allem Folgen für Kinder und Jugendliche.“

 

Die Untersuchung zeigt zudem deutliche Folgen dieser Lebenslage für Kinder: Dazu zählen ein erhöhtes Stress- und Angstniveau, psychosoziale Belastungen bis hin zu depressiven Symptomen oder aggressivem Verhalten. Besonders auffällig ist laut Studie auch, dass in diesen Fällen die schulische Leistungsfähigkeit signifikant beeinträchtigt ist. „Ausgehend von diesen objektiven Ergebnissen, ist es wichtig festzustellen, dass es in Südtirol ein Armutsproblem gibt. Und das vor allem mit Folgen für Kinder und Jugendliche“, betonte Tedeschi abschließend.

Konkrete Schritte setzen

Auch Christa Ladurner, Soziologin im Forum Prävention, fand bei der Sitzung des Landtags heute Vormittag deutliche Worte. Sie sprach zur Bildungsarmut, einem zentralen Thema, welches das Armutsnetzwerk in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken möchte. „Bildungsarmut entsteht nicht allein durch schulische Leistungen, sondern dann, wenn Kinder nicht die Möglichkeit haben, sich entsprechend ihren Fähigkeiten und Lebensumständen zu entfalten und gute Lernbedingungen vorzufinden“, so Ladurner. 

Dabei hingen die Bildungschancen von Kindern stark von der Lebenssituation der Eltern ab – etwa von Wohnverhältnissen, Arbeitsbedingungen und wirtschaftlicher Stabilität. Gerade belastete oder prekäre Lebenslagen wirken sich erheblich auf die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder aus, weil ihnen die stabilen Unterstützungssysteme fehlen. „Bildungsarmut ist eine Zukunftsfrage, eine Integrationsfrage und eine Gesellschaftsfrage“, sagte Ladurner und appellierte an die Landtagsabgeordneten, das Thema ins politische Zentrum zu stellen. „Sorgen Sie für eine gute finanzielle und personelle Ausstattung, damit alle Kinder gute Chancen haben. Ganz egal, in welche Familie sie hineingeboren werden.“ Andernfalls wirke sich Bildungsarmut auch auf die Gesellschaft und damit die Volkswirtschaft aus und verursache hohe Folgekosten.

Christa Ladurner: „Bildungsarmut ist eine Zukunftsfrage, eine Integrationsfrage und eine Gesellschaftsfrage.“ Seehauserfoto

Mehr leistbares Wohnen in Südtirol war die Forderung, zu der Monica Devilli, Präsidentin von Coopbund Alto Adige Südtirol, im Landtag sprach. Die derzeitigen Wohnkosten in Südtirol seien viel zu hoch, weshalb nachhaltige Mietverhältnisse mit gemeinwohlorientierten Modellen gefördert werden sollten. „In Südtirol brauchen wir die jungen Generationen, unter anderem für die Wirtschaft. Und die müssen auch irgendwo hier ansässig werden“, betonte Devilli. 

Um den steigenden Wohnkosten entgegenzuwirken, müsste man verstärkt mit langfristigen Mietverhältnissen, generationenübergreifenden Wohnprojekten und gemeinschaftlichem Eigentum durch Genossenschaften arbeiten. „Ich hoffe, dass wir schon vor der nächsten Anhörung im Landtag in zwei Jahren mit der Landesregierung ins Gespräch kommen können, weil, um vorbeugend zu wirken, müssen die entsprechenden Mittel zur Verfügung stehen“, betonte Devilli. 

Die kommenden Veranstaltungen

Am 25. September wird eine Fortbildung für Journalistinnen und Journalisten zur Sensibilisierung bezüglich Armut unter dem Titel „Armut verstehen und sichtbar machen“ stattfinden. „Schließlich kann eine konstruktive mediale Berichterstattung das Stigma um Armut schneller abbauen“, meint Berger hierzu.

Für den 17. Oktober ist die erste Tagung des Südtiroler Armutsnetzwerks unter dem Motto „Wer hat Chancen – und wer nicht? Bildungsarmut in Südtirol zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ geplant.

Die Reaktion der Politik

Nachdem die Vertreterinnen und Vertreter des Armutsnetzwerks mit ihrer Präsentation fertig waren, kamen die Politikerinnen und Politiker zu Wort. Zuspruch kam von allen zu Wort gekommenen Fraktionsvertreterinnen und -vertretern. Landeshauptmann Arno Kompatscher bedankte sich für die Präsentation des Netzwerks und den Austausch. Zusammen mit der Soziallandesrätin Rosmarie Pamer  die beiden Regierungsmitglieder sind Schirmherren des Projekts – sagte er sofort Unterstützung für eine langfristige Datenerhebung zu und bat das Netzwerk um Mitarbeit dabei. Außerdem sei künftig eine Beobachtungsstelle angedacht – ähnlich wie in anderen Ländern. Das erklärte Berger anschließend vor dem Landtagsgebäude gegenüber SALTO: „Diese könnte gemeinsam von der öffentlichen Hand und privaten Partnern getragen werden, um die Datenerhebung und -analyse kontinuierlich weiterzuführen.“

Die Politik ist gefragt: „Für die Prävention von Armut braucht es viele Rahmenbedingungen, die nur der Landtag setzen kann“, so Elisa Berger (2. von links). SALTO/ahh

Die Mitglieder des Netzwerks betonten, dass Armut kein persönliches Versagen sei, sondern es entstehe, wenn nicht die richtigen (auch politischen) Maßnahmen gesetzt würden.Das Netzwerk allein kann dies nicht leisten. Es ist die Politik, die dafür verantwortlich ist, die Voraussetzungen zu schaffen, damit niemand zurückbleibt“, so Rigamonti. Auch Berger setzt auf eine zukünftige Zusammenarbeit mit den Südtiroler Volksvertreterinnen und Vertretern: „Für die Prävention von Armut braucht es viele Rahmenbedingungen, die nur der Landtag setzen kann.“