Wie der Feminismus die Gen Z verliert
Hinweis: Dieser Artikel ist ein Beitrag der Community und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.
Equalitismus statt Elite
Das Auge fürs Wesentliche verloren?
Kennen Sie Menschen, bei denen Sie bei jedem Wort aufpassen müssen, um nicht sofort einen Streit biblischen Ausmaßes anzuzetteln? Man fühlt sich, als würde man auf Eierschalen gehen. Genau so erging es mir beim Entschluss, über ein Thema zu schreiben, das in Diskussionen genau solche Dynamiken erzeugt. Dennoch konnte ich es mir nicht verkneifen, als ich im Kurier, in der ZIB und im Standard las, dass man an einer Innsbrucker Oberschule nun in „Feminismus“ maturieren kann. Was eine Randnotiz sein sollte, steht exemplarisch für eine Entwicklung der Kategorie: „Gut gemeint, aber ganz schlecht getroffen“.
Vom Grundgedanken zur Pauschalverurteilung
Nicht etwa, weil Feminismus an sich etwas Schlechtes sei – im Gegenteil sogar –, aber weil wir vielfach in der westlichen Welt etwas aus dem Feminismus gemacht haben, das meiner Meinung nach zum einen kaum mehr etwas mit dem Grundgedanken des Feminismus zu tun hat und zum anderen wesentlich gravierender dem noblen Ziel der Gleichberechtigung bzw. der Gleichwertigkeit diametral entgegenläuft. Doch um dem drohenden Shitstorm vorab zumindest etwas Wind aus den Segeln zu nehmen, eine Klarstellung vorweg: Ich würde mich, wenn man so will, als Feminist bezeichnen. Ich glaube nämlich daran, dass Mann und Frau und vor allem jeder Mensch die gleichen Chancen und Rechte verdient und dass es ein erstrebenswertes Ziel ist, in Bereichen, wo dies nicht der Fall ist, Maßnahmen zu treffen, um diese Ungleichheiten zu vermindern oder gar zu beseitigen.
Ich würde mich sogar zur Wette hinreißen lassen, dass in meiner Generation Z ein überwiegender Großteil der Männer dieser These zustimmen und sich dennoch nie und nimmer als Feministen bezeichnen würde. Und hier fängt das Problem meiner Meinung nach schon an. Der neue Feminismus hat es geschafft, mit immer abenteuerlicheren Konzepten vor allem jungen weißen Männern, die ebenfalls unter vielen Aspekten der sich nicht immer zum Besseren verändernden Welt zu leiden haben, fast schon systematisch das Gefühl zu vermitteln, sie seien das Grundübel des ganzen Schlamassels. Je nach Auslegung ist jede kleinere oder größere Katastrophe auf diesem Planeten – ob dies nun der Klimawandel, der Ukraine-Krieg, der Gazakrieg, der Iran-Krieg, die Schere zwischen Arm und Reich u.v.m. – schlussendlich eine direkte Folge des allgegenwärtigen Patriarchates, und als weißer Cis-Mann (also biologischer, heterosexueller Mann) sei man qua seiner Geburt Teil des Problems.
Gefährliche Pauschalisierungen im Diskurs
Dass das im Normalfall eine völlige Vereinfachung der Problematik – die ja meist sogar noch existiert – ist und man ebenso wenig sinnvolle Lösungsansätze in den Diskurs einbringt außer Kampfparolen wie etwa „natürlich nicht jeder Mann, aber immer ein Mann“ wird vollkommen ignoriert. Wenn die feministische Theorie schließlich doch selbst betont, dass das Problem ein unsichtbares System – das Patriarchat – sei, warum bricht man es dann defacto am Ende doch wieder auf das biologische Geschlecht herunter? Konsequent zu Ende gedacht müsste die Parole doch wenn überhaupt lauten: „Nicht jeder Mensch, aber immer das Patriarchat“. Indem man stattdessen das Individuum Mann brandmarkt, verlässt man die wissenschaftliche Systemkritik und landet faktisch bei einer reinen Biologisierung des Problems.
Ich fordere besseren Schutz für Frauen, dass wir Rollenbilder auch in Schulen hinterfragen (weil viele Straftaten ohne Frage eben auch mit eben diesen Rollenbildern zu tun haben) und Täter härter zu bestrafen! Dass ich Aussagen wie „nicht jeder Mann, aber immer ein Mann“ trotzdem als höchst problematisch erachte, ist hier absolut kein Widerspruch. Genau hier hat sich der neue Feminismus meiner Meinung nach verirrt, und genau das sieht man eben an solchen Entwicklungen wie an besagter Oberschule. Ein Wahlmodul „toxische Männlichkeit“ impliziert doch bereits in der Begrifflichkeit, dass Mann-Sein etwas Schlechtes sei – das Ganze in einem Alter, wo das eigene Selbst alles andere als gereift ist.
Die blinden Flecken und die Reaktion der Gen Z
Was der neue Feminismus komplett versäumt – so auch die Ansicht von durchaus einigen Soziologen –, ist die Einsicht, dass auch Männer und vor allem auch junge Männer von vielen Entwicklungen benachteiligt werden, diese in dieser Debatte aber teils gar nicht vorkommen dürfen. Beispiele hierzu gibt es en masse. So schrieb etwa die Financial Times 2024 im Hinblick auf die UK Household Longitudinal Study, dass sich bei Vollzeitbeschäftigten im Alter zwischen 16 und 24 Jahren die geschlechtsspezifische Gehaltslücke umgekehrt hat; junge Frauen verdienen hier im Schnitt mehr als junge Männer – sprich, es gibt einen Gender-Pay-Gap, aber in die andere Richtung.
Die teilweise vollkommene Ausblendung, Banalisierung oder, schlimmer noch, als „ausgleichende Gerechtigkeit für 10.000 Jahre Patriarchat“ abgetanen Probleme weiß die neue Rechte wunderbar zu füllen. Sie schafft es so oft, selbst progressiv eingestellte Männer durch das gezielte Aufgreifen ihrer oft auch realen Probleme dazu zu verleiten, ihr ihren Zuspruch bzw. ihre Stimme zu geben.
Plädoyer für einen „Equalitismus“
Um mich nicht der Kritik, ich würde Whataboutism betreiben, auszusetzen, nehme ich zur Kenntnis, dass auch geschlechterbezogene Diskriminierung ihren Platz haben darf. Aber dann fangen wir bitte damit an – wie es sonst auch immer gefordert wird –, Begrifflichkeiten so anzupassen, dass sie inkludieren. Nennen wir Feminismus doch besser Equalitismus. Und anstatt – wie an besagter Schule – ein Wahlmodul „toxische Männlichkeit“ zu nennen, sollten wir es doch besser „Kritische Rollenbilder des 21. Jh.“ betiteln; das inkludiert und impliziert nicht bereits, dass „Mann-Sein“ a priori etwas Schlechtes sei.
Oder noch viel besser: Die großteils elfenbeinturmmäßigen Diskussionen darüber, dass der weiße, privilegierte, Bozner 17-jährige Oberschüler, dessen Familie eine 3-Zimmer-Wohnung besitzt, um einen Haufen Ecken herum gedacht Teil des Problems des globalen Klimawandels oder der Unterdrückung der Frau sei (und vor allem mehr als seine zwei Jahre ältere Schwester), endlich einstellen. Und stattdessen darüber diskutieren, ob eine Erbschaftssteuer über 10 Millionen Euro etwas höher ausfallen dürfte, ob eine CO2-Abgabe schlussendlich nicht allen etwas brächte, ob man faire Löhne zahlen sollte, die nicht nur zum (Über-)Leben reichen, oder ob man flächendeckend einen Ethikunterricht einführen sollte, in den alle Kinder gehen müssen, egal welcher Herkunft oder Religion, in welchem dann grundlegende Werte vermittelt werden – nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil sie in den meisten Verfassungen der westlichen Staaten stehen.
Vielleicht interessiert Sie…
Vielleicht interessiert Sie Markus Theunert zu diesem Thema?
zum beispiel:
https://freiburger-nachrichten.ch/story/247003/wer-das-nicht-durchschau…
Es ist leider in der Tat so,…
Es ist leider in der Tat so, dass linke Theorie und Politik in den letzten 15-20 Jahren mit ihrem stereotypen intersektionalen Opfer-Täter-Denken weiße Männer (darf man diese Kategorie noch verwenden oder muss ich ‚bis dato heteronormative, männliche gelesene Cis-Personen‘ sagen?) abspenstig gemacht hat. Männer allen Alters, jetzt aber besonders jene der jungen Generation. Im Ergebnis finden viele heterosexuelle Menschen (also ca. 90-95% der Bevölkerung) in westlichen Gesellschaften nicht mehr zusammen, werden viel weniger Kinder geboren und radikalisieren sich die beiden Geschlechter politisch - die Frauen tendentiell links-grün, die Männer rechtskonservativ und rechtsradikal. Mit gefährlichen Nebenwirkungen für den Fortbestand der Demokratie, die soziale Gerechtigkeit bzw. die Schere zwischen Arm und Reich, den Schutz von Umwelt und Klima. In den USA, die Europa in gesellschaftspolitischen Entwicklungen seit der Nachkriegszeit stets voraus waren, sind diese Folgen bereits anschaulich zu erkennen. Begleitet von einer Polarisierung, die eine seit dem Civil Rights Act von 1965 überwunden geglaubte Dialogunfähigkeit, Ablehnung und Hass auf die Gegenseite hervorrief.
Wir können nicht im Namen der Vernunft die christliche Erzählung der Erbsünde verwerfen, nur um dann ein analoges Muster zulasten weiß und männlich geborener Menschen zu stricken, die ständig ihre gute Gesinnung in Wort und Tat unter Beweis zu stellen hätten, um nicht geächtet zu werden. Das ist eine voraufklärerische Vorgehenweise. Die, kohärenterweise, bei Männern aus voraufgeklärten Kulturkreisen nicht im selben Maßstab angewandt wird.
Moi die armen kloanen …
Moi die armen kloanen Manndln sind so arm. Da zerfetzt es oan des Herzele. Ez blärsch amol a Gsatzl na geahts wieder bessr. ;)
Der Denkfehler in diesem Kommentar ist folgender: Die Spezies „armer Waschlappen / Jammerlappen Mann“, die im Kommentar bemitleidet werden soll, gibt es schon viel länger als den „Feminismus“, die gibt es seit je her. Wahr ist, dass der „arme Waschlappen / Jammerlappen Mann“ auch seit je her eher unpopulären Seite angesiedelt war und belächelt wurde und von der „Damenwelt“ zu wenig Beachtung erhalten hat.
Ein richtiges Mannsbild kann mit dem Gejammer in diesem verzweifelten, Mitleid erheischenden Kommentar nichts anfangen.
in unserer Alten kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt wird dieser Effekt mit folgenden Spruch beschrieben:
Wer sudert wird nicht pu...ert. :)