Change | Overtourism

„Power Rangers“ für die Umwelt

Flip-Flops am Gipfel, Drohnen über dem See: Fünfzehn „Südtirol Alto Adige Ranger“ sorgten in diesem Sommer erstmals für Benehmen an den Tourismus-Hotspots. Sie erzählen von ihrer Arbeit und den Herausforderungen, die der Job mit sich bringt.
Fast 18.000 Besucher an einem Tag: Der Pragser Wildsee gilt als einer der ersten Hotspots Südtirols Bild: Seehauserfoto

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Wer in diesem Sommer auf der Seceda unterwegs war, könnte dort Chiara Baú begegnet sein. Sie ist eine von 15 „Südtirol Alto Adige Ranger“, die 2026 erstmals an viel besuchten Orten in Südtirol im Einsatz waren. Sie sollen dort über das richtige Verhalten in der Natur informieren. Chiara Baú steht in ihrer typischen Ranger-Kleidung meistens in der Nähe der Wanderkarte auf der Seceda. Dort sprechen sie die meisten Touristinnen und Touristen direkt an, dann kann Baú ihnen Tipps zu ihren Wanderungen mitgeben. „An einem typischen Arbeitstag kontrolliere ich als Erstes die Wettervorhersage“, erzählt sie im Gespräch mit SALTO. Die gebürtige Mailänderin kennt das Grödnertal gut, seit zwölf Jahren arbeitet sie dort im Winter, studiert hat sie Naturwissenschaften und Kommunikation.

Sie beginnt ihre Runde auf dem Berg: „Wir informieren über die richtige Kleidung, denn zwischen dem Ausgangspunkt und dem Gipfel der Seceda kann es zu großen Temperaturunterschieden kommen. Es gibt auch Leute, die dort oben Fotoshootings machen und in kurzen Ärmeln oder Flip-Flops ankommen.“ 

 

„Der Berg muss trotzdem respektiert werden.“

 

Chiara Baú wirkt enthusiastisch, wenn sie über ihre Erfahrungen als Rangerin spricht. Es sei etwas Besonderes, wenn so viele verschiedene Nationalitäten an einem Ort zusammentreffen: „Die Dolomiten haben eine unglaubliche mediale Aufmerksamkeit. Die Leute kommen aus Asien, aus Mexiko, aus Indonesien. Das ist schön, gerade in einer Zeit, in der überall auf der Welt Kriege stattfinden.“ Der Job bringt aber auch Herausforderungen mit sich, erzählt sie. Besonders schwierig sei es, Besucherinnen und Besucher bei schlechtem Wetter davon zu überzeugen, dass eine Wanderung gefährlich sein kann. „Viele bringen das Argument, dass sie nur einen Tag hier sind. Das verstehe ich, aber der Berg muss trotzdem respektiert werden.“ 

Besser als Verbotsschilder: Der persönliche Kontakt der „Südtirol Alto Adige Ranger“ sei durchaus sinnvoll, meint Chiara Baù. Chiara Baù

Die Seceda ist nur eines der Motive, die Touristinnen und Touristen gerne in ihr digitales Fotoalbum kleben. Die Seiser Alm, die Drei Zinnen, der Karersee und der Pragser Wildsee dürfen in einem Foto-Guide auf sozialen Medien nicht fehlen. So konzentriert sich der Tourismus in Südtirol auf wenige Orte. Der Index der touristischen Überlastung liegt in der Provinz Bozen laut dem Institut Demoskopika auf der höchsten Stufe. Europaweit liegt das Gebiet bei der Tourismusintensität auf Platz drei. Die ASTAT-Daten zeigen, dass sich rund ein Drittel der Übernachtungen auf die Bezirksgemeinschaft Pustertal mit dem Gadertal und dem Tauferer Ahrntal verteilt, gefolgt vom Burggrafenamt mit rund 20 Prozent. 

Obwohl Chiara Baú auf der Seceda täglich hunderten Menschen begegnet, würde sie die Situation nicht als „Overtourism“ bezeichnen. Sie spricht stattdessen von „der Konzentration einer großen Anzahl von Touristen“. Gleichzeitig beobachtet sie, dass die Besucherinnen und Besucher in dieser Saison respektvoller mit der Natur umgehen als im vergangenen Jahr. Besonders deutlich sieht sie das bei den Drohnen, deren Verwendung stark zurückgegangen sei. 

„Es war ein Gatter für die Kühe. Sie dachten, dass sie nicht weitergehen dürften.“

Der persönliche Kontakt sei in den Bergen grundlegend, meint die Rangerin. Das zeigt auch eine Geschichte, die sie in diesem Sommer erlebte: „Neulich habe ich im Langental zwei junge Frauen aus Texas getroffen, die ihre Wanderung auf dem Handy geplant hatten. Irgendwann haben sie sich aber verirrt, weil sie ein geschlossenes Gatter gesehen hatten. Es war ein Gatter für die Kühe. Sie dachten, dass sie nicht weitergehen dürften.“ Die Rangerin kam genau im richtigen Moment vorbei, ansonsten hätten die US-Amerikanerinnen wahrscheinlich den Notruf gewählt. 

Die sieben Ranger, die im Grödner Gebiet unterwegs sind, rotieren zwischen Seceda, anderen Wandergebieten, dem Sellajoch und abends zu den Parkplätzen. Baú verbringt also ein paar Tage pro Woche auf der Seceda, danach wechselt sie zum Sellajoch und kontrolliert dort den Betrieb. 

CHANGE

Tourismus und Overtourism beschäftigen uns bei CHANGE in den Monaten September und Oktober. Unsere Partner bei der Bearbeitung und Vertiefung dieses Themenkomplexes sind der Heimatpflegeverband Südtirol, die Toblacher Gespräche, Politis und UFO Bruneck.

Das Pilotprojekt

Anfang Oktober wolle man sich bei einem gemeinsamen Treffen mit den „Südtirol Alto Adige Ranger“ und den Tourismusvereinen über die Erfahrungen austauschen, sagt Elisabeth Berger. Sie arbeitet in der Abteilung Natur, Landschaft und Raumentwicklung der Provinz Bozen. Seit mehreren Jahren koordiniert sie gemeinsam mit IDM Südtriol einen Arbeitstisch mit den Tourismusvereinen zum Dolomiten UNESCO Welterbe für Südtirol. Dort ist die Idee für das Pilotprojekt mit den „Südtirol Alto Adige Ranger“ entstanden. Anlass war das veränderte Verhalten der Besucherinnen und Besucher: „Vielfach sind die grundlegendsten Verhaltensregeln nicht bekannt und das Bewusstsein für den Aufenthaltsort fehlt“, erklärt Elisabeth Berger. Nicht selten sei das Foto wichtiger als der respektvolle Umgang mit der Umgebung. 

Wandertipps & Co: Auch auf der Seiser Alm gibt eine „Rangerin“ Auskunft LPA/Fabio Brucculeri

Die Ranger werden über die jeweiligen Tourismusvereine in Prags, Gröden, Alta Badia, Villnöss, Eggental, Seiser Alm, Seis sowie vom GEOPARC Bletterbach meist in Zusammenarbeit mit den Gemeinden angestellt. In diesem Jahr absolvierten sie erstmals gemeinsam eine mehrtägige Ausbildung und konnten sich untereinander vernetzen. Mit der ersten Saison des Pilotprojekts zeigt sich Elisabeth Berger zufrieden: „Insgesamt waren die ersten Rückmeldungen positiv. Wir wissen aber auch, dass es noch viel zu tun gibt.“ Sie geht davon aus, dass der Ranger-Bedarf in den nächsten Jahren steigen wird.

Wie man in den Wald hineinruft

Wer im Südtirol-Urlaub noch ein schnelles Selfie vor einem türkisen Bergsee knipsen möchte, wird sich auch auf den Weg in das Pragser Tal machen. Dort arbeitet Ranger Silvester Leitner. Er ist gebürtiger Pragser und seit sieben Jahren in Pension. Da er vom Nichtstun nicht viel hält, ist er im Winter als Kontrolleur bei den Langlaufloipen tätig. Wenn der Sommertourismus losgeht, ist er als Südtirol Alto Adige Ranger am Pragser Wildsee im Einsatz. 

„Wir Einheimischen sind nicht mehr gern zum Pragser Wildsee gegangen, weil er so überfüllt war“

Trotz Verkehrsregelung: „Man könnte noch eine bessere Lösung für die große Anzahl an Menschen finden“, findet Silvester Leitner. Silvester Leitner

Dabei ist er in seinem Element, erzählt er im Gespräch mit SALTO. Den See kennt er schon sein Leben lang, er nennt ihn ein „Juwel“ mitten im Naturpark: „Wir Einheimischen sind in den letzten Jahren nicht mehr gern zum Pragser Wildsee gegangen, weil er so überfüllt war. Heuer war ich wieder jeden Tag dort.“ 

Wie die anderen Ranger ist er dafür zuständig, die Besucherinnen und Besucher über Verhaltensregeln und Verbote zu informieren. Dabei kommt er eigentlich immer gut mit den Leuten aus, sagt Leitner. Manchmal beginnt sein Arbeitstag schon um sechs Uhr morgens, denn um die Zeit sind die meisten Fotografen mit ihren Drohnen unterwegs. Der Ranger spricht die Piloten an und informiert sie über mögliche Strafen. Ausstellen darf er diese Strafen selbst nicht, dafür müsste er die Forstbehörde oder die Carabinieri informieren. Danach dreht er täglich zwei Runden um den See, um auf eventuelles Fehlverhalten zu reagieren. Dabei entfernt er auch den liegengebliebenen Müll. Da der Abfall manchmal auch an steilen Stellen landet, musste dort die Bergrettung Hochpustertal eingreifen. 

Vorreiter Prags: Schon 2019 stellte der Tourismusverein einen Mitarbeiter zur Sensibilisierung an, daran orientierten sich die Tourismusvereine in Gröden, Alta Badia und Villnöß. Seehauserfoto

Der Pragser Wildsee ist wohl der erste Hotspot in Südtirol, der in die mediale Aufmerksamkeit rückte. Ausgelöst wurde der Andrang durch die Fernsehserie „Un passo dal cielo“, in der Terence Hill als Förster die romantische Dolomiten-Landschaft schützt. Obwohl der Hauptdarsteller die Serie 2017 verließ, besuchten im darauffolgenden Jahr innerhalb von vier Monaten rund 1,2 Millionen Menschen den Pragser Wildsee. Das zeigen die Daten der Stiftung Dolomiten UNESCO. Am 16. August 2018 erreichte die Saison mit 17.874 Personen an einem Tag einen drastischen Höhepunkt. Daraufhin wurde 2019 erstmals ein Mitarbeiter des Tourismusvereins angestellt, der für die Sensibilisierung und Information der Besucherinnen und Besucher zuständig war. 

„Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“

Wie Chiara Baù trifft auch Silvester Leitner immer wieder auf Touristinnen und Touristen mit der falschen Ausrüstung. Die meisten Leute seien sehr dankbar für Informationen, erzählt der Ranger. „Einige Gespräche sind schon in Erinnerung geblieben“, gibt Leitner lachend zu. „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Ich bin einmal einer Familie begegnet, die Blumen abgerissen hat. Ich habe den Eltern erklärt, dass das im Naturpark verboten ist. Sie haben es gut aufgenommen und auch ihre Kinder zum Gespräch dazugeholt.“

Am Pragser Wildsee gilt im Sommer eine Zugangsbegrenzung von 9 bis 16 Uhr. Die Regelung funktioniere zwar gut, findet Leitner, trotzdem würden immer noch viele Menschen mit dem Bus ankommen. „Hier könnte man noch eine bessere Lösung finden. Aber es kommt jedes Jahr eine neue Regelung, die etwas verbessert. In diesem Jahr wird der Kreisverkehr versetzt, damit alle in einer Spur fahren.“ Kaum wurde die Sperre am 15. September aufgehoben, kam es laut Medienberichten zum Verkehrschaos im Pragser Tal. Dass die Saison immer länger dauert, könnte in diesem Jahr auch am schönen Wetter liegen, überlegt Leitner. Er war nur bis zum 20. September im Einsatz, schließlich startet im Dezember wieder die Langlaufsaison.

Ein Kaffee am See

Am Karer See ist der Ranger Giorgio Poschiavin auch im Oktober noch unterwegs. Er arbeitete zuvor als Wanderführer im Eggental. Auch er erlebt immer wieder kuriose Situationen. Manche Besucher wollen im See fischen, andere kochen sich direkt am Ufer einen Kaffee oder nehmen Steine mit, um sie zu analysieren. Die Begegnungen dieses Sommers haben ihn vor allem eines gelehrt: „Geduld. Viel mehr Geduld, genauer hinzuschauen und zu beobachten“, sagt er. Als Ranger müsse man genau beobachten und überlegen, wann man eingreift und wie man auf die Menschen zugeht. Dass die Besucherinnen und Besucher seine Hinweise meist annehmen, erlebt er positiv. Bislang sei es kaum zu Konflikten gekommen. „Ich hatte eigentlich nie wirklich Konflikte mit den Menschen. Es ist immer ruhig und respektvoll geblieben.“

„Die Menschen haben die Berge wieder neu für sich entdeckt“

Besonders schätzt Poschiavin jene Momente, in denen er Personen auf einem Weg begleiten kann: „Manchmal helfe ich älteren Menschen oder Personen, die an schwierigen Stellen Unterstützung brauchen. Dann erkläre ich ihnen ein bisschen die Umgebung“, erzählt Poschiavin. Die Ranger hätten mehr Zeit als andere Angestellte, um mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen. Für ihn öffnet sich dadurch auch die Möglichkeit der Besucherlenkung. Gerade wenn sie mehrere Tage vor Ort bleiben, könne er den Gästen unterschiedliche Wandertipps mitgeben und sie so ein wenig verteilen. „Die Menschen haben die Berge wieder neu für sich entdeckt. Aber nicht alle interessieren sich für dasselbe, für manche ist vielleicht die Botanik interessant, für andere das Wandern oder die Geologie“, stellt der Ranger fest. 

Während die „Power Rangers“ in der US-amerikanischen Fernsehserie die Welt vor dem Bösen beschützen, kümmern sich Chiara Baú, Giorgio Poschiavin, Silvester Leitner und andere um den Schutz der Natur. Ihr Einsatz ist eine von mehreren Maßnahmen gegen das hohe Touristenaufkommen. Auch Verkehrsregelungen und Besucherlenkung sollen den Druck auf die beliebten Ziele verringern. Ob das langfristig ausreicht, wird sich zeigen.

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