„Schnitt in die Unterlandler Seele“
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Jetzt S+ abonnierenObwohl sich die beiden Gesprächspartner nicht persönlich kennen, bietet der ältere der Beiden sofort das Du an. Beide Unterlandler, der eine aus Neumarkt, der andere aus Salurn, reden über ihr Tal. Da kann man sich nicht Siezen.
SALTO: Herr Peterlini, ich meine Hans Karl, was verbindet dich mit dem Unterland?
Hans Karl Peterlini: Ich bin im Unterland aufgewachsen, in einer Eisenbahnerfamilie in Neumarkt. Ich erinnere mich an den Bahnhof, an viel offenes Gelände, an die Abzugsgräben mit den vielen Libellen, an die Obstwiesen mit den Bäumen, auf die man damals noch klettern konnte. Es war ein weites Tal, kein enges.
Damals wusste ich nicht, dass es kein enges Tal ist, ich kannte es ja nicht anders, aber unbewusst fiel mir auf, dass die Berge doch weit weg sind.
Ich kenne das. Wenn ich als Kind von Buchholz ins Tal schaute, habe ich mich immer gefragt, wo diese ominöse Klause ist. Ich hatte freien Blick nach Norden und weit nach Süden, das Tal ist breit. Erst wenn man von weit im Norden herunterschaut sieht man, wie sich die Berge vermeintlich ineinander verschränken.
Das ist ganz ein interessantes Beispiel. Die Klause gibts nicht, sie ist eine optische Täuschung. Klar, damals war es Sumpf, der Durchgang war sicher schwieriger als heute. Aber Klause ist sie nur von weit weg, von Bozen aus. Die Klause ist die Sprachgrenze, wenn auch nie so trennscharf. Als Kinder sind Rodolfo und ich oft mit dem Rad nach Tramin, Kurtatsch, Kurtinig und über die Sprachgrenze. Er Italiener, ich Deutscher. Die Sprachgrenze war für beide spürbar. Aber es ist ein breites Tal, es ist eine Frage der Perspektive.
„Wo man sich zwischen den Sprachwelten bewegt, aber sich doch irgendwie festlegt, damit man weiß, wo kear i hin.“
Wer war Rodolfo?
Nadja und Rodolfo waren meine Freunde, sie waren Kinder aus italienischsprachigen Familien. Wir selbst waren deutschsprachig, von der Familiensprache her. Der Vater war aus einer Welschtiroler Familie. Seine Eltern haben Deutsch zwar verstanden, aber kaum geredet.
Das ist etwas unterlandlerisches: dass man sich zwischen den Sprachwelten bewegt, aber sich doch irgendwie festlegt, damit man weiß, wo kear i hin.
Zur Person
Hans Karl Peterlini, geboren 1961, lebte (nach kurzen Stationen am Brenner und in Gargazon) seit seinem vierten Lebensjahr in Neumarkt. Er war Chefredakteur des Wochenmagazins ff und Mitgründer des Südtirol Profil.
2024 zog er sich aus dem Journalismus zurück, studierte, habilitierte und lehrt mittlerweile an der Universität Klagenfurt und ist dort Dekan der Fakultät für Kultur- und Bildungswissenschaften. Er lebt in Klagenfurt, der Kontakt in die alte Heimat brach aber nie ab.
Er ist der Bruder von Oskar Peterlini, dem er die politische und juristische Bewertung der Debatte um den Senatswahlkreis Unterland überlässt.
„Eine gewisse Spannung, kein ganz einfach geschnitztes Identitätsverständnis, das ja auch Mühe macht, aber zugleich diese Freiheit und Offenheit, die zu einem lockereren, nicht so verbissenen Lebensstil und Lebensverständnis führt. Das ist der Reichtum des Unterlands.“
Wo gehörst du hin?
Dieses wo kear i hin war bei uns die deutsche Sprachgruppe, aber die Bahnhofswelt war italienisch geprägt, meine Spielfreunde sprachen nur italienisch. Da habe ich sehr schnell italienisch gelernt.
Du weißt, Identität, ethnische Zugehörigkeit ist nichts festgefahrenes. Als ich bei den Schützen war, habe ich mich sehr deutsch positioniert, dann habe ich wieder gemerkt, das entspricht mir nicht ganz. Man ist halt etwas mez per sort, wenn man es unterlandlerisch sagen will.
„Von oben, vom System, kommen Positionierungszwänge rein, stehst du da oder da? Der ganze Südtiroldiskurs hat verlangt, sich zu positionieren.“
Das hat damit zu tun, wie die Unterlandler sind. Dass sie sich zwar durchaus zu etwas bekennen können, aber dann trifft man sich im Dorf, in der Bar, mit den anderen, das ist völlig normal, du merkst nicht mal, dass du Sprache wechselst.
Das ist der Reichtum des Unterlands: eine gewisse Spannung, kein ganz einfach geschnitztes Identitätsverständnis, das ja auch Mühe macht, aber zugleich diese Freiheit und Offenheit, die zu einem lockereren, nicht so verbissenen Lebensstil und Lebensverständnis führt.
Wenn die Leute politisieren, sind sie sehr hart, sehr dogmatisch. Wir und die. Im Alltag leben sie das aber nicht, im Alltag kennst du alle, redest mit allen, die Italiener watten, man redet durcheinander und alle verstehen sich.
Das trifft es auf den Punkt. Später, als ich auf die Uni ging, war dieses Modell vom Jürgen Habermas das beste Modell, das ich gefunden habe, Habermas' Theorie des kommunikativen Handelns und die Zweiteilung von Lebenswelt und System.
Er spricht davon, dass die Lebenswelt die Kompetenz zu einem kommunikativen Handeln birgt. Es gibt einen Konflikt, aber in der Lebenswelt ist man imstande, das hinzubekommen, man versteht sich, man kann den Konflikt lösen.
Von oben, vom System, kommen aber Positionierungszwänge rein, stehst du da oder da? Der ganze Südtiroldiskurs hat verlangt, sich zu positionieren.
„Es war immer ein Wandern zwischen Welsch- und Deutschtirol. Bei der Familie vom Josef Noldin musst du nicht weit zurückgehen, bis sie italienisch sprachen.“
Es gib auch den Unterschied zwischen privat und öffentlich. Günther Pallaver hat es mir einmal anhand seiner Familie sehr schön erzählt: in Branzoll haben sie hinter der verschlossenen Wohnungstür nur italienisch geredet. Das war ihre Sprache. Kaum aus dem Haus, haben sie deutsch geredet. Weil da musste man zeigen, dass wir Tiroler sind.
Ich habe in Neumarkt oft erlebt, wie es im Gemeinderat gekracht hat. Und danach gingen sie alle zusammen ins Gasthaus und haben miteinander geredet. Das ist ein Reichtum, den das Unterland ganz Südtirol bieten könnte.
Wie den Senatswahlkreis Bozen Unterland.
Durch diesen Wahlkreis hat sich die politische Ebene verändert, weil man miteinander reden musste.
Peterlini, Spagnolli, Palermo, Ferrari und wie sie alle hießen. Einmal wählen die Deutschen einen Italiener, einmal wählen die Italiener einen Deutschen. Plötzlich war das sprachgruppenübergreifende Wählen keine Nische mehr, sondern auf breiter Ebene denkbar.
Nicht alles vermischen, das alte Drohgespenst, aber wir sind ein mehrsprachiges Land, wird sind nicht in den Bombenjahren hängen geblieben, sondern wir sind da rausgekommen. Das Unterland war ein Hotspot der Attentate, gleichzeitig ist auch diese andere Kompetenz gewachsen.
Gehen wir kurz ins historisch-zeithistorische. Ich empfinde das Unterland als einen Ort der Begegnung, des Übergangs. Früher die Postkutsche, dann der Zug, zu Fuß oder mit dem Auto, heute mit dem Rad. Es gab hier immer schon Italiener, die meist über ein, zwei Generationen zu Deutschen wurden. Die Fleims- und Cembrataler auf der einen Seite, die Nonstaler, die auf der anderen Seite vom Berg heruntergekugelt sind. Wir haben in Salurn einen deutschen Bürgermeister, in Pfatten auch, vielleicht bekommt man das im restlichen Land gar nicht mit?
Wenn wir ganz weit zurückgehen, ist es schon interessant, wie das Unterland und die Hochtäler im Trentino, Terragnolo und Vallarsa zum Beispiel, miteinander verbunden sind.
Diese Hochtäler wurden von Norden her etwa ab dem 15. Jahrhundert germanisiert, das waren meist konfliktfreie bairische Siedlungsschübe, damals Baiern noch mit i, die gingen in die Hochtäler und lebten dort recht friedlich mit der angestammten Bevölkerung zusammen.
Als das Gebiet verarmte, gingen sie – mittlerweile Italiener – gegen Ende des 19. Jahrhunderts zurück und haben sich teilweise im Unterland angesiedelt, sie blieben hier hängen.
„Vom Unterland sind Impulse ausgegangen. Ob es wertgeschätzt wurde? Es wurde auf jeden Fall kopiert. Wir waren die lässigen, aber wer weiß, ob in dieser Herabwürdigung nicht auch Bewunderung oder gar Neid mitschwingt?“
Es war immer ein Wandern zwischen Welsch- und Deutschtirol. Bei der Familie vom Josef Noldin, dem Kämpfer für das Deutschtum, musst du nicht weit zurückgehen, bis sie italienisch sprachen. Das war eine Generation.
Es gab und gibt im Unterland natürliche Bewegungen, Familien, die Sprache wechseln. Laag hat für die freie Schulwahl gekämpft, dass zum Beispiel eine italienische Familie ihre Kinder in die deutsche Schule einschreiben darf. Die SVP hat damals dafür gekämpft, dass es eine Entscheidung der Familie ist, in welche Schule sie das Kind einschreibt.
Unsere Zeit erfordert es, dass wir uns nicht auf eine eng geschnittene Identität festlegen. Sicher geglaubte Identitäten kommen ins Schwanken und wir müssen lernen, uns auf solch schwankenden Brettern zu zu bewegen.
Wie sehen die Südtiroler das Unterland?
Die Unterlandler werden, glaube ich, ein bisschen wie die Osttiroler in Tirol behandelt, die Schlattrigen, die alles nicht so ernst nehmen. Aber sie haben auch unglaublich viel Kreativität. Zum Beispiel die ersten Freilichtspiele waren hier, wir haben mit dem Laubenfest etwas vorgemacht, das man in Südtirol noch nicht kannte, so ein Altstadt/Dorfkernfest. Vom Unterland sind Impulse ausgegangen.
Ob es wertgeschätzt wurde? Es wurde auf jeden Fall kopiert. Freilichtspiele und Altstadtfeste haben jetzt alle, aber das waren Pionierleistungen.
Ich war beim CAI, weil der Skikurse anbot und der AVS nicht. Aber das war nicht selbstverständlich, damals durften keine Italiener zur Feuerwehr. Aber beim Laubenfest war alles so eng beisammen, da war man doch bei allen. Die Froschhaxen vom CAI, die Polenta von den Alpini, da ist man schon hin.
Die Unterandler sind vielleicht laxer, vielleicht weniger verbohrt, aber das generiert Kreativität, Offenheit. Politisch hingegen wurden wir nie so ernst genommen, weil wir halt ein kleiner Bezirk sind. Da haben es die Bozner, Pusterer, Burggräfler schon leichter.
Wir waren die lässigen, aber wer weiß, ob in dieser Herabwürdigung nicht auch Bewunderung oder gar Neid mitschwingt?
Du lebst in Klagenfurt. In Kärnten gibt es eine slowenische Minderheit, siehst du Parallelen zu Südtirol?
Österreich hat für Südtirol wirklich hart gekämpft, ist vor die UNO, Kreisky hat den Attentätern zumindest nicht von ihren Aktionen abgeraten. Österreich ist zur gleichen Zeit mit den eigenen Minderheiten, den Slowenen in Kärnten und den Kroaten im Burgenland, weit nicht so gut umgegangen. Die Slowenische Bevölkerung stand in Kärnten bei 30 Prozent, heute durch eine Schulpolitik, die eine rein deutsche Schule förderte, bei 4 Prozent.
Die verbliebenen Slowenen sind kulturell sehr aktiv, diese Kleinheit hat sie sehr kreativ gemacht. Schon Magnago hatte gewarnt, wir dürfen nicht satt werden!
„Die Slowenen können in der Öffentlichkeit nie Slowenisch reden, weil sie keiner versteht. Ihre Sprache hat keinen öffentlichen Wert, es ist eine Privatsprache, das ist ein großer Unterschied zum Deutschen in Südtirol.“
Sie haben heute keine rein slowenischsprachige Schule mit Deutsch als Zweitfach, das würde sie marginalisieren. Sie haben auf die Zweisprachige Schule gesetzt, wie bei uns die Ladiner, zum Beispiel einen Tag alles Deutsch, einen Tag alles Slowenisch. Oder eine Woche lang abwechselnd.
Immer mehr deutsche Familien schicken ihre Kinder in diese zweisprachigen Schulen. Meine Tochter besucht einen zweisprachigen Kindergarten, obwohl wir nicht slowenisch reden. Meine Tochter sagt immer, sie versteht gar nichts, aber die Erzieherinnen sagen mir, sie versteht alles!
Ein Handicap der Slowenen ist, es gibt in Kärnten keine passive Kenntnis des Slowenischen. Ich habe mal vorgeschlagen, Slowenisch als Pflichtfach an den Kärntner Schulen einzuführen, damit die Kinder wenigstens ein passives Verständnis haben. Ich wurde dafür in den sozialen Netzwerken digital gelyncht.
Die Slowenen können in der Öffentlichkeit nie Slowenisch reden, weil sie keiner versteht. Ihre Sprache hat keinen öffentlichen Wert, es ist eine Privatsprache, das ist ein großer Unterschied zum Deutschen in Südtirol.
In unserem Emailaustausch vor dem Interview hast du geschrieben, „die Teilungsmuster, die sich dennoch durchsetzen und oft auch von außen eindringen“. Gerade über dieses „von außen eindringen“ möchte ich reden.
Ich war nie ein Gegner der Volkszählung, ich hatte nie ein Problem, mein Kreuzl bei „Deutsch“ zu machen, ich halte auch den Proporz grundsätzlich für gut, weil er die Arbeitswelt durchmischt hat, weil er eine italienische Staatsverwaltung, die wie eine Kolonisierung war, durchmischt hat.
Aber klar war so ein Bekenntniszwang ein Eingriff von außen, das macht was mit den Menschen.
Mal hat mir einer aus einer zweisprachigen Familie erzählt, liebe ich mehr meine Mutter oder meinen Vater? Bekenne ich mich deutsch, verletze ich vielleicht meine italienischsprachige Mutter. Bekenne ich mich italienisch, sagt der Vater, er traut sich nimmer ins Dorf, wenn sein Sohn ein Walscher ist.
„So eine Grenze durch ein Tal zu ziehen, hat die Leute tief getroffen. Grenzen machen was aus, und auch Wahlkreisgrenzen sind Grenzen.“
Jetzt kommt wieder Zwang von oben.
Deshalb wird diese Wahlrechtsreform als so verletzend empfunden. Sie schneidet in die Unterlandler Seele hinein. Sie trennt wieder. In Definieren steckt das Wort Finis drin, Grenze. So eine Grenze durch ein Tal zu ziehen, hat die Leute tief getroffen.
Jetzt ist nicht mehr möglich, was uns gelungen ist, Labor zu sein fürs restliche Land. Man darf sowas nicht unterschätzen. Man kann schon sagen, es ist nur wahltechnisch, aber es macht was mit den Menschen. Da kommt von oben der Eingriff, der zerstört, wie wir leben wollen. Grenzen machen was aus, und auch Wahlkreisgrenzen sind Grenzen.
Jetzt sind wir alle Meraner, das wird uns als tolle Lösung verkauft. Darf ich fragen, wie du das siehst?
Ein bisschen Humor braucht es und da fällt mir der Klaus Gatterer ein, der damals in „Schöne Welt, böse Leut“ einen Bauern zitiert, der nach dem Anschluss an Italien sagt, „ich hätte nicht gedacht, dass ganz Italien zu uns kommt.“ Wir Unterlandler könnten sagen, jetzt sind das ganze Burggrafenamt und der Vinschgau bei uns.
„Ich glaube nicht, dass der Bezirk Meran sagt, schau, da haben wir im Unterland einen cleveren Bürgermeister, der macht das toll, Deutsche und Italiener mögen ihn, er hat ein innovatives Konzept, den stellen wir auf.“
Aber so lustig ist es nicht. Wenn wir schon bisher politisch unbedeutend waren, weil wir nie viele Stimmen in die Waagschale werfen konnten, bei den Senatswahlen haben wir jetzt gar nichts mehr zu sagen. Ich glaube nicht, dass bei der Benennung der Kandidaten der Bezirk Meran sagt, schau, da haben wir im Unterland einen cleveren Bürgermeister, der macht das toll, Deutsche und Italiener mögen ihn, er hat ein innovatives Konzept, Ahnung vom Juridischen, das wär doch ein guter Senator. Den stellen wir auf.
Südtirol verkauft sich immer als zweisprachiges Land, aber der einzige Ort, der wirklich zweisprachig ist, ist das Unterland. Sonst gibt es ganz viele Gebiete, die nur mehr einsprachig sind. Wir sind das zweisprachige Südtirol!
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