Film | Rezension

Straftat macht Quote

Wie weit darf Fernsehen gehen? Der Film Primetime beschäftigt sich mit der realen Show To Catch a Predator, stolpert aber in dieselbe Falle.
Bild: Leonida

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Heute zählt True Crime zu den beliebtesten Kategorie im Bereich Podcast, aber auch im Fernsehen, YouTube oder den sozialen Medien. Das ist keine neue Entwicklung, wie die Show To Catch a Predator beweist, die zwischen 2004 und 2006 vom US-amerikanischen Sender NBC produziert wurde. Darin lockte die Produktion mutmaßlich pädophile Menschen in ein Haus, wo sie ein Kind treffen sollten, dem sie zuvor online hochgradig problematische Nachrichten geschickt hatten. Das Kind war selbstverständlich ein erwachsener Lockvogel, der schon kurz nach Eintreffen der besagten Person verschwand und dem Moderator von To Catch a Predator Platz machte: Chris Hansen. Er konfrontierte die Personen mit ihrem unangebrachten Verhalten und sah ihrem Niedergang vor laufender Kamera zu. Genauso wie das Publikum zuhause. In zahlreichen Fällen kam es zu Verhaftungen und Prozessen. Schnell kommt bei so einem Format die Frage auf, inwiefern es moralisch vertretbar ist, welche Verantwortung die Medien tragen, und wo die Grenzen liegen. In einem Fall kam es zum Selbstmord eines Mannes, was letztlich zum Ende der Show führte.

Der Moment, auf den das Publikum wartet: Konfrontation zwischen Chris Hansen und dem mutmaßlichen Täter. Leonida

Der Regisseur Lance Oppenheim verfilmt mit Primetime nun die Geschichte der Sendung und möchte wohl einen medienkritische Thriller inszenieren, der sich mit den damaligen Umständen beschäftigt. Im Mittelpunkt steht der großartige Robert Pattinson als Moderator Chris Hansen, ein Mann, der, soviel wird bald klar, vor allem sich selbst inszeniert. Er sieht sich als Held, der die Welt von den Pädophilen befreit, ein Kämpfer der Gerechtigkeit. Dafür scheint ihm jedes Mittel recht zu sein. Er kooperiert mit der Polizei, die den mutmaßlichen Täter sofort nach der Konfrontation mit den Kameras festnehmen. 

Dan sieht darin eine große Schauspielrolle, erst nach und nach muss er feststellen, dass sein Part in dem makabren Stück nur Mittel zum Zweck ist, um Menschen mit pädophilen Neigungen vor die Kamera zu locken.

Er ist ständig auf der Suche nach dem nächsten großen Coup, während konkurrierende Sender wie ABC ebenfalls etwas vom Kuchen abhaben wollen. Immer wieder gerät Hansen im Film mit seiner Produzentin aneinander, die langsam zu zweifeln beginnt, ob To Catch a Predator nicht ein sinkendes Schiff ist, das es möglichst schnell zu verlassen gilt. Als dritte, wohl spannendste Figur führt das Drehbuch den angehenden Schauspieler Dan ein, der nichts mehr herbeisehnt, als Teil der Schauspielergilde in den USA zu werden und sich, um einige Credits zu sammeln, als Lockvogel bei To Catch a Predator bewirbt. Dan sieht darin eine große Schauspielrolle, erst nach und nach muss er feststellen, dass sein Part in dem makabren Stück nur Mittel zum Zweck ist, um Menschen mit pädophilen Neigungen vor die Kamera zu locken.

Dan ist der Lockvogel, der langsam zu zweifeln beginnt. Leonida

Primetime wirft spannende Fragen auf, leidet aber an zwei Problemen. Das eine ist die Wahl der Perspektive. Der Film ist kein Biopic von Chris Hansen, erzählt aber auch nicht primär von der Show. Stattdessen folgt er den drei erwähnten Charakteren, mal mehr, mal weniger nahe durch die lose Nacherzählung realer Ereignisse. Dadurch, dass sich das Drehbuch keiner Figur so richtig verschreibt, zerfasert es und lässt Potential liegen. Besonders die moralischen Bedenken des Lockvogels Dan würden einen Nährboden für interessante Auseinandersetzungen bieten. Chris Hansen auf der anderen Seite wird als narzisstischer, später zerrissener Mann gezeigt. Der Film begeht nicht den Fehler, ihn als Helden zu inszenieren, da das an der intendierten Ausrichtung des Drehbuchs vorbeischießen würde. Jene Ausrichtung ist nun das zweite Problem: Spätestens ab der zweiten Hälfte der 107 Minuten wird Primetime zum mitreißenden Thriller.

Die Regie, die durchaus überzeugende, visuelle Ideen mitbringt, übertritt die moralische Grenze, die das Drehbuch erst noch kritisch hinterfragt.

Die Jagd nach einem mutmaßlichen Straftäter nimmt allen Raum ein und wird von Regisseur Lance Oppenheim als spannender Thriller inszeniert, der es kaum erlaubt, Distanz zu wahren. Plötzlich fiebert man mit dem Fernsehteam mit, man wird zum Verbündeten und möchte, dass die Jagd erfolgreich endet – was in diesem Fall bedeuten würde, dass jemand öffentlich vorgeführt und anschließend verhaftet wird. Die Regie, die durchaus überzeugende, visuelle Ideen mitbringt, übertritt die moralische Grenze, die das Drehbuch erst noch kritisch hinterfragt. Primetime wird selbst zum sensationalistischen Machwerk, das To Catch a Predator in nichts nachsteht. Vielleicht ist das Ganze aber auch nur ein Test seitens Oppenheim, um zu überprüfen, ob wir, das Publikum, in dieselbe Falle tappen wie bei der zugrundeliegenden Show. Da dies aber in keiner Weise filmisch aufgearbeitet wird, bleibt ein fader Beigeschmack. Eine wesentlich distanziertere Auseinandersetzung mit dem Thema liefert der letzthin besprochene Film Gentle Monster von Marie Kreutzer.

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