Rabensteiner spricht
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Wirtschaft | k.u.k. reloaded

Die Grenzen seiner Welt

Was hat Wittgenstein mit der Watt- und Speckrepublik zu tun? Er wird grad sehr gebraucht.
  • Ein gewisser Herr Rabensteiner aus Villanders hat im Kindergarten nicht aufgepasst oder hat ihn gar geschwänzt und rechnet es sich heute hoch an, als Schitz & Pursch kein Standard-Deutsch zu können. 

    Das wäre für sich gesehen keiner Rede wert, sondern das, was es ist: ein Problem für Herrn Rabensteiner. Rabensteiner kann Wittgenstein wahrscheinlich nicht einmal aussprechen, verkörpert aber eines der bekanntesten Dikten des großen Sprachphilosophen, das da lautet: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

    Es bleibt dabei: Es ist nicht wirklich ein Problem, wenn Herrn Rabensteiners Welt an den harten Sprachgrenzen des Unteren Eisacktals aufhört und es ist unbestritten, dass man zwischen Tschifnon, Flotzpis, Dreikirchen, Barmen, Siffian und Kollmann ein erfülltes Leben führen kann, was jeder Mensch auch dem reschesten Schitz & Pursch von Herzen gönnt. 

     

    Was macht der gute Tiroler, wenn er in Bedrängnis gerät, der Rosenkranz nicht wirkt und der Kaiser aus dem Exil winkt? Er führt einen Kampf „firr der Hoamet“.

     

    Nun ist aber dieser Herr Rabensteiner schon fast unfreiwillig über die politische Karriereleiter nach oben gestolpert und kämpft im Südtiroler Landtag „firr der Hoamet“.  Dabei kollidieren seine Eisacktaler Weltgrenzen mit den Ansprüchen des Landesparlaments und aus der folkloristisch verbrämten und selbstbestimmten Horizontbegrenzung wird peinliches Unvermögen. 

  • In Standardsprache: "Kampf 'firr der Hoamet' Foto: facebook, Süd-Tiroler Freiheit
  • Was macht der gute Tiroler, wenn er in Bedrängnis gerät, der Rosenkranz nicht wirkt und der Kaiser aus dem Exil winkt? Er führt einen Kampf firr der Hoamet. Die Säbel sind stumpf, die Platzpatronen haben begrenztes taktisches Potenzial – da bleibt nur mehr die Macht des dialektalen Wortes, das umso lauter durch die Hoamet schallen möge. Aus dem Pulverdampf des Unvermögens und der identitären Scharmützel steigt eine basiskulturelle Heldensage in den Süd-Tiroler Himmel empor, wie der Adler beim sommerlichen Inspektionsflug: Miar sein miar!

    Schade um das Pulver und die Scherben. Denn Demokratie lebt nicht von Heldensagen, Mikro-Identitäten oder blindwütiger Ausgrenzung, sondern von Verständlichkeit, Austausch und Diskurs auf Foren, die für alle offen und zugänglich sind und in denen Alltag und Zukunft ausgehandelt werden.

    Der große Wittgenstein hat ein zweites wichtiges Diktum hinterlassen, das seine Richtigkeit in fast tragischer Form am Abgeordneten Rabensteiner entfaltet: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Das ist keine Aufforderung zum Verstummen. Wohl aber ein Plädoyer dafür, an sich zu arbeiten und sich selbst als lernendes Wesen zu verstehen. 

    Sogar wenn man Schitz & Pursch ist.