Gitarrist & Delusional Optimist
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SALTO: Cello, du hast Albeins verlassen, um am ICMP in London Gitarre zu studieren. Warum musste es ausgerechnet London sein?
Marcel „Cello“ Rainer: Alles andere war mir zu nahe. Mein alter Gitarrenlehrer, mein absoluter Jugend-Hero, der eine unfassbare Passion für Musik hatte, hat mir schon mit 13 erzählt, dass er Gitarre studiert hat. Da war ich sofort: Oh mein Gott, vielleicht kann ich das auch. Mit 16 habe ich dann im Deutschunterricht angefangen, nach Optionen zu googeln. Ich habe das CPM in Mailand gefunden, eine Uni in Wien, das Berklee in Boston und in London das ICMP. Mailand war mir zu nahe – ich hatte Angst, dass die Eltern am Wochenende zu Besuch kommen. Wien war keine Option, weil meine Schwester schon dort war. Also blieb London. Ich habe das Video eingeschickt, die Aufnahmeprüfung gemacht, wurde eingeladen – und dann war es London. Es war die realistischste Version, die ich mir leisten konnte.
Dein Einstieg ins Profigeschäft mit der Band Tonbandgerät klingt wie ein modernes Märchen. Wie schnell dreht sich das Karussell in so einem Moment?
Es dreht sich rasend schnell – und ich hatte in diesem Moment einfach unfassbares Glück. Eigentlich kam der Kontakt ganz banal über eine Facebook-Gruppe zustande. Die suchten einen Gitarristen für 70 Gigs. Beim Treffen in Hamburg ging es gar nicht primär um meine Riffs. Die wollten checken: Ist das ein Typ, mit dem man 70 Shows lang auf engstem Raum klarkommt? Einen Tag später hatte ich die Bestätigung und eine Liste mit Terminen: Hurricane, Southside, Highfield – die größten Bühnen Deutschlands. Mein Leben hat sich buchstäblich über Nacht gedreht. Das war der Türöffner für alles, was danach kam.
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Da musst du alles sein: Mitreisender, Psychotherapeut, Babysitter und bester Freund.: Foto: Simon StoecklDu bist heute Musical Director (MD) bei Ray Dalton und arbeitest eng mit der isländischen Künstlerin Ásdís zusammen. Du bist also der Architekt der Show. Wie fühlt sich diese Verantwortung an?
Es ist ein wilder Mix. Einerseits ist es Normalität geworden, andererseits gibt es diese Momente, in denen ich kurz innehalte und mir denke: „Das ist eigentlich komplett verrückt.“ Neulich brauchten wir für eine Show in den USA einen Bassisten. Ich habe einfach einen der besten Bassisten der Welt per E-Mail angeschrieben. Nach einer Stunde kam die Antwort: „Thank you so much for reaching out!“ Da stehst du kurz da und realisierst: Ich schreibe gerade mit Leuten in Amerika, von denen ich früher nicht mal zu träumen gewagt hätte, dass sie meine Mail überhaupt lesen.
Er wäre gerade so unfassbar happy, dass er das alles tun darf.
In solchen Momenten kommt der 16-jährige Cello in mir durch, der damals im Deutschunterricht heimlich nach Musik-Unis gegoogelt hat. Er wäre gerade so unfassbar happy, dass er das alles tun darf. Über meinen Kollegen Johann Seifert kam später auch die Zusammenarbeit mit Ásdís zustande – ein weiteres Projekt, das gerade extrem viel Spaß macht.
Du betonst oft, dass soziale Kompetenz wichtiger ist als das perfekte Solo. Warum?
Weil wir nur 60 bis 90 Minuten auf der Bühne stehen. Die restlichen 22 Stunden verbringst du im Tourbus, beim Essen oder Warten. Da musst du alles sein: Mitreisender, Psychotherapeut, Babysitter und bester Freund. Als Side-Person musst du dein Ego zu 100 Prozent zurückschrauben. Du bist da, um dem Künstler zu dienen.
Mac Miller - Good News (Cellito Guitar Cover)(c) Marcel RainerIn deinem Job begegnest du ständig Ikonen der Popkultur. Wie verarbeitet man das?
Es normalisiert sich irgendwann. Ich erinnere mich, wie ich früher mit meiner Schwester das „Literarische Quartett“ geschaut habe – Marcel Reich-Ranicki und Helmut Karasek waren für uns Legenden.
„Junger Mann, sie spielen eine wundervolle Gitarre. Auch die Sängerin, unfassbar schön.“
Jahre später spielten wir in Hamburg ein Konzert, ich ging kurz in der Pause ins Publikum, und plötzlich hält mich Helmut Karasek auf und sagt: „Junger Mann, sie spielen eine wundervolle Gitarre. Auch die Sängerin, unfassbar schön.“ Darüber habe ich mich sehr gefreut. Oder diese eine Nacht in einem Hotelzimmer: Thomas Gottschalk, Andreas Bourani und ich. Wir saßen bis fünf Uhr morgens zusammen, haben Frank Sinatra gehört, Cocktails getrunken und einfach einen sauguten Abend gehabt. Solche Dinge passieren, und man lernt, dass auch diese Leute nur Menschen sind. Das Gleiche gilt für Nelly Furtado, mit der ich auf einem Festival geplaudert habe, oder Shakira, die ich backstage traf.
Ein Schlüsselmoment war zudem die Begegnung mit Julia Stone beim Southside Festival. Was hat sie so besonders gemacht?
Das war eine sehr tolle Begegnung. Ich kam direkt vom Begräbnis des Vaters meiner besten Freundin aus Südtirol, war völlig fertig. Morgens um sechs Uhr saß Julia Stone (von Angus & Julia Stone) auf einer Treppe im Backstage. Sie sah mich an und sagte: „Du siehst verdammt müde aus, was ist passiert?“ Wir haben drei Stunden über Gott und die Welt geredet. Später beim Mittagessen kam sie mit ihrem Teller zu mir und fragte: „Hey Cello, can I sit down?“ Mein Cousin aus Brixen, der dabei war, hat die Welt nicht mehr verstanden.
Oft entscheiden winzige Zufälle über Karrieren. Gab es einen solchen „Schicksalsmoment“?
Definitiv. 2022 war ich zufällig in Berlin, als mich eine Freundin fragte, ob ich ganz spontan für 50 Euro in einer Bar spielen könne. Eigentlich ein Job, den ich nicht mehr machen müsste. Aber ich wusste, dass der Produzent Philipp Steinke dort sein würde, den ich unbedingt mal treffen wollte. An diesem Abend sprach mich in der Bar Johann Seifert an. Er suchte jemanden für einen Künstler aus Seattle: Ray Dalton. Hätte ich an diesem Abend nicht für läppische 50 Euro in dieser Bar gespielt, wäre das alles nie passiert.
Du bezeichnest dich als „delusional optimist“. Wie weit geht dieser Optimismus?
Man muss ein bisschen wahnsinnig sein. Als der Anruf für die Arena-Tour von Andreas Bourani kam, war ich der „Last-Minute-Feuerwehr-Typ“. Ich hatte 12 Stunden Zeit, ein Zwei-Stunden-Programm auswendig zu lernen.
Ich bin am Ende buchstäblich kotzend über der Kloschüssel gehangen, vor Schmerz und Erschöpfung.
Ich habe so exzessiv geübt, dass mir die Fingerkuppen aufgerissen sind. Ich bin am Ende buchstäblich kotzend über der Kloschüssel gehangen, vor Schmerz und Erschöpfung. Aber am nächsten Tag stand ich in der Arena in Bamberg. Nach 40 Minuten Probe sagte Andreas nur: „Passt, ich vertraue dem Typen.“
Wie hältst du dieses Pensum durch, ohne auszubrennen?
Ich habe mir ein Modell erarbeitet, das mir Freiheit gibt. Im Winter spiele ich 80 Shows in einem Varieté-Theater in Berlin. Das ist wie ein Bürojob: Show spielen, danach ab ins eigene Bett. Das gibt mir die finanzielle Basis, um danach radikal „Nein“ zu sagen. Das ist der wahre Luxus: drei Wochen intensiv arbeiten und dann einen Monat in Kolumbien bei meiner Freundin sein oder Zeit auf der Hütte im Pustertal verbringen.
Zur PersonMarcel „Cello“ Rainer stammt aus Albeins bei Brixen und schloss sein Studium am Institute of Contemporary Music Performance (ICMP) in London mit einem Bachelor of Music (First Class Honours) sowie einem Diplom zur Lehrbefähigung ab. Mit über 2.000 gespielten Konzerten tourte er bereits durch Europa, die USA, China und Israel und stand auf großen Bühnen wie dem Hurricane Festival vor 50.000 Menschen oder in der ausverkauften Elbphilharmonie Hamburg. Er arbeitete als Live-Musiker, Bandleader und Musical Director mit Größen wie Andreas Bourani, Johannes Oerding, Namika und Lotte zusammen. Aktuell ist er zudem als Musical Director für den US-Star Ray Dalton tätig und arbeitet mit der isländischen Künstlerin Ásdís zusammen. Neben seiner Arbeit auf der Bühne ist er als Komponist und Produzent für Single- und Albumproduktionen sowie für Film- und TV-Projekte wie „Der Kriminalist“ oder „Rico & Oskar“ aktiv. Wenn er nicht gerade weltweit auf Tournee ist oder Workshops gibt, lebt und arbeitet der Multiinstrumentalist in Berlin.
Wie geht deine Familie in Südtirol damit um?
Ich glaube, sie sind sehr stolz. Ein Highlight war, als wir mit Ray Dalton in Sulden gespielt haben. Danach sind wir alle zusammen auf unsere Familienhütte ins Pustertal gefahren. Meine Oma und mein Opa kamen vorbei und wir haben zusammen gekocht. Ray fragte: „Sollen wir einen Song für sie spielen?“ Und dann haben wir dort, ganz privat drei Songs für meine Großeltern performt. Mein Opa hatte Tränen in den Augen. Das war wirklich sehr süß.
Wo soll die Reise noch hingehen?
Ich möchte nicht ewig auf Tour sein. Irgendwann will ich Familie und einfach „am Start“ sein. Ein großer Plan ist es, eine Anlaufstelle für Kids zu schaffen – ein Studio oder eine Schule, wo sie ihre eigene Musik produzieren können. Ich möchte etwas von dem zurückgeben, was ich gelernt habe.
Was rätst du jungen Musikern, die aus Südtirol rauswollen?
Traut euch aus der Comfort Zone heraus! Ich orientiere mich an Spitzensportlern wie Kobe Bryant. Er hat sinngemäß einmal gesagt: „It’s important to dance beautifully in your comfort zone, and maybe go a bit beyond.“ Genau das ist es. Man muss in dem, was man tut, sicher und brillant werden, aber dann eben auch den Schritt darüber hinauswagen. Seid mutig, seid „delusional optimists“. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass jemand „Nein“ sagt. Na und? Dann probiert man es eben weiter.
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