Im Feltrinelliwald
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Feltrinellisäge, Feltrinelliwald, Feltrinellihaus, Feltrinelliberg. Auf der Flurnamenkarte des Landes Südtirol findet man unter den vielen Bezeichnungen für Wiesen, Wälder und lokale Gegenden im Eggental den Namen Feltrinelli – siehe Bildergalerie – überraschend häufig. Auch in Bozen, wo ab 1880 das große Feltrinellihaus (direkt am heutigen Kreisverkehr Raiffeisenstraße–Rittnerstraße) stand, ist der Flurname nahe dem Bahnhofsgebäude in die lokale Flurnamengeschichte fest eingeschrieben.
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Giangiacomo Feltrinelli: Die Familiengeschichte des bekannten Verlegers hat auch mit Südtirol zu tun. Er schrieb in den 1960er Jahren sogar ein revolutionäres Flugblatt und verteilte es im Land. Foto: WikipediaIm Zuge der ausführlichen SALTO-Berichterstattung zum 100. Geburtstag des bekannten italienischen Verlegers, Intellektuellen und politischen Aktivisten Giangiacomo Feltrinelli (1926–1972) hat sich SALTO auch auf Spurensuche nach den Vorfahren von Giangiacomo Feltrinelli gemacht, um mitunter nachzuspüren, woher das viele Geld der Großkapitalistenfamilie kam. Tatsächlich zu Beginn fast ausnahmslos aus den Wäldern im Eggental?
Im kleinen Birchabruck, an der Gabelung, wo die Straße links nach Welschnofen und jene rechts nach Deutschnofen führt, hatten die Feltrinellis einst Großes geplant. Hier und in der näheren Umgebung besaßen sie Wälder, Sägen und Gebäude. Und mit dem Feltrinelliberg sogar einen mächtigen, mit Bäumen bestückten Felshügel.
Hier holzwirtschafteten die Fratelli Feltrinelli, vom Gardasee herstammend (und ursprünglich wohl aus Feltre), auf höchstem Niveau. Sie brachten viele, viele Ladungen Holz aus dem engen Tal und mit der Bahn dorthin, wohin der Auftrag ging: in den Süden oder in andere Ländereien Österreich-Ungarns. Vor allem für den Ausbau des Eisenbahnnetzes.
Die Feltrinelli haben im Eggental viel Holz eingekauft...
Die Zeitungsberichte zeichnen ein vielschichtiges Bild der Feltrinelli-Brüder und ihrer Präsenz in Südtirol über mehrere Jahrzehnte. Bereits 1882 wird ihre Bedeutung für den Ort Birchabruck deutlich, als mehrere Gebäude – „die Kaserne, das Posthaus und das Neugebäude der Firma Geb. Feltrinelli“ – durch ein Hochwasser bedroht waren, jedoch „durch die mühevolle Tätigkeit des dortigen Postmeisters […] sowie Holzarbeiter der Geb. Feltrinelli gerettet“ werden konnten. Wenige Jahre später, 1886, erscheinen die Feltrinellis auch als engagierte Bauherren: Ein „neuerbautes, recht gutes Wirtshaus“ in Birchabruck zeugt von wirtschaftlichem Aufschwung und Infrastrukturentwicklung.Um 1901 rückte der Gastbetrieb sogar für wenige Jahre in den Fokus der Reisebücher, wenn es dort bewerbend heißt: „Das Gasthaus Lamm, im Besitz der Firma Feltrinelli, wird unter Pächter Schweninger zu einem beliebten Anlaufpunkt für Reisende auf dem Weg zum Karersee.“
Vom Winde verweht. Knapp mehr als 100 Jahre vor dem Sturmtief Vaia 2018 wütete bereits am 24. März 1910 gegen 10 Uhr vormittags ein besonders starker Sturm in einem der Wälder der Feltrinellis. Der Sturmwind riss mehr als 800 Stämme um; „davon fielen drei über den Weg und zerstörten die Telegraphenleitung. Die Post war in großer Gefahr, entkam aber glücklich“, meinte das Tiroler Volksblatt.
Nachtrag zum Feltrinelli-Windwurf: „Als der Sturmwind den Feltrinelli-Wald verheerte...“ Foto: Tessmann digitalParallel zum Erfolg der Feltrinellis wächst auch Kritik: 1913 beschreibt ein Artikel die Firma als mächtigen Akteur der Holzindustrie, der „die umliegenden Wälder an sich zu reißen“ verstanden habe. Der wirtschaftliche Erfolg – Holz, das „im Auslande hervorragende Preise erzielt“ – wird mit Skepsis betrachtet, zumal dadurch lediglich „die Säckel der Italianissimi gefüllt werden“, schreibt der Salzburger Autor Franz Josef Hlawna für die Meraner Zeitung. „In den Tälern der Umgebung wird man überall die Sägewerke der Firma Feltrinelli antreffen. Sie stellt vorderhand wohl noch Deutsche in ihren Betrieben an und zahlt die Leute gut; das ist aber auch das mindeste, was man billigerweise verlangen kann. Eine Gewähr, ob das auch in Zukunft so gestaltet wird, ist nicht gegeben.“
Und da mein Urgroßvater für die Feltrinellis gearbeitet hat...
1915 folgt der nächste Expansionsschritt: Die Gründung eines neuen Unternehmens mit Sitz in Bozen und Villach zeigt die strategische Ausweitung der Geschäfte. Ziel war erneut „der Ankauf von Waldungen und die Errichtung holzgewerblicher Anlagen“. Zeitgleich wird der bauliche Bestand auch in Bozen gepflegt: „Der imponierende Bau macht einen sehr gefälligen Eindruck“, schreibt der Volksbote Mitte August 1927.Im Sommer zuvor war Giangiacomo Feltrinelli geboren worden. Als Gründer des Verlags Feltrinelli Editore und des Istituto Feltrinelli prägte er die Nachkriegskultur Italiens. Er verband verlegerische Innovation mit starkem sozialem Engagement und gilt als eine der schillerndsten Figuren der europäischen Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Masonit für Bozen: Anfang April 1938. Masonit-Produktionsbeginn in der Industriezone. Auch bei dieser Unternehmung haben die Feltrinellis ihre Finger im Spiel. Foto: Tessmann digitalGiangiacomos Großmutter kam ebenfalls aus einer durch Holzverarbeitung reich gewordenen Familie im Eisacktal. Sie hieß Maria von Pretz und stammte aus Mittewald in der Gemeinde Franzensfeste. Zum Tod der „vornehme[n], leidgeprüfte[n] Frau“ heißt es in einem Zeitungseintrag im Jahr 1937: „Frau Maria Feltrinelli, geb. von Pretz, welche über zwei Wochen durch lange Zeit als Gast in der Kuranstalt Dr. v. Guggenberg verweilte und sodann in vollem Wohlbefinden auf dem Ansitze der Pretzischen Geschwister in Gries ein besseres Wetter abwartete, ist wenige Tage nach der Rückkehr in ihre Villa in Gargnano am Gardasee plötzlich verschieden.“ Giangiacomo war da gerade mal erst 10 Jahre alt. Bei seiner Beerdigung 1972 wurden angereiste Pretz’sche Verwandte, von der politischen Polizei skeptisch beäugt. So ändern sich die Zeiten.
unter der Last nicht einer, sondern zweier feindlicher Mächte...
Das große Anwesen (Gebäude und Säge) in Birchabruck verkauften die Feltrinellis samt einiger Wälder dem langjährigen Mitarbeiter Michele Dellantonio. Im SALTO-Video erzählt der Urenkel Alexander Dellantonio über das ehemalige Feltrinelli-Haus und über seinen Großvater, den bekannten Bergfex und Wegemarkierungspapst Jax Dellantonio. Über einige der vielen Feltrinelli-Wälder berichtet hingegen der Waldkenner im Eggental Karl Pichler.Spurensuche in den Feltrinelli-Wäldern und im Haus der Feltrinellis. Später wurden einige Wälder, das Haus und die Säge (heute mit Aufschrift Holz Pichler) in Birchabruck von der Familie Dellantonio übernommen. / Kamera und Schnitt: Mauro Podini(c) SALTO„Vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen“ ist ein bekanntes Sprichwort, das darauf hinweist, dass das Wesentliche außer Acht gelassen wird. Deshalb soll auch Giangiacomo Feltrinellis politisch hochbrisantes Flugblatt nicht unerwähnt bleiben. Ein Geschichtsdokument mit Seltenheitscharakter.
„Dank dieser Politik ist Südtirol heute weder frei noch reich. Nur die Großbürger aus der Stadt sind reicher geworden!“, schrieb Giangiacomo Feltrinelli darin Mitte der 1960er-Jahre. „Das ist Hochverrat! Denn heute stehen die Südtiroler unter der Last nicht einer, sondern zweier feindlicher Mächte: unter der Ausbeutung durch die verräterischen südtiroler kapitalistischen Großbürger und der kolonialen Plünderung durch die Italiener!“
Der Großkapitalistensohn kämpfte gegen Nationalismus und die lokalen Großkapitalisten im Land der Großmutter. Wenige Jahre später nahm sein Leben ein tragisches Ende. Sein Verlagshaus lebt überaus erfolgreich weiter.
„Feltrinelli Story“ 1-3Feltrinelli, fra Sudtirolo e rivoluzione
Con Sibilla sulle tracce del „Che“
„Sardegna e Sudtirolo in rivolta“Die mehrteilige Serie von Fabio Gobbato
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