Politik | Assistierter Suizid

"SVP ist hier einfach eingeknickt"

Der assistierte Suizid bekommt in Südtirol vorerst keine Regelung zur Umsetzung. Dafür kassiert die "eingeknickte" SVP, aber auch das Team K Kritik von den Grünen.
liberties.eu

Dieser Artikel ist für dich kostenlos. Unabhängiger Journalismus in Südtirol braucht aber deine Unterstützung. Wir würden uns daher freuen, wenn du ein SALTO Abo abschließen würdest. Vielen Dank!

Jetzt S+ abonnieren

„Im November sind die sechs Monate vorbei. Das ist kein Beinbruch.“ So versuchte Landeshauptmann Arno Kompatscher die Diskussion im Landtag zum medizinisch assistierten Suizid zu entkräften. Diese warf nämlich doch beträchtliche Fragen auf. Vor allem stand aber die Frage im Raum, ob die SVP bei der Regelung im Omnibusgesetz wirklich aufgrund eines höheren Informationsbedarfs zurückruderte oder weil der von außen Druck zu groß wurde. Zeno Oberkofler, Landtagsabgeordneter der Grünen, warf der SVP vor, sie sei unter dem Druck von Lebensschutzbewegungen und den Fratelli d’Italia eingeknickt. 

Harald Stauder verteidigt den Rückzug als notwendige Zusatzrunde. Während Gesundheitslandesrat Hubert Messner mit Expertinnen und Experten ein Gesetz ausgearbeitet hätte, das der Gesetzgebung des Verfassungsgerichtshofs entsprechen und dem Ärztepersonal Rechtssicherheit gewähren sollte, sei jedoch der Informationsbedarf der Öffentlichkeit in den Hintergrund geraten.

Franz Ploner lobt stets, dass es nun zur Ausarbeitung eines eigenen Gesetzes kommt, und bietet dabei seine Hilfe an.

Vorwurf parteipolitischer Spielchen

Franz Ploner: fordert eine breite Debatte. Team K

Besonders scharf kritisiert Franz Ploner vom Team K die Vorgangsweise „durch die Hintertür“. Sein Kernargument ist inzwischen gut bekannt: Assistierter Suizid ist in einem Omnibusgesetz fehl am Platz. Ein Thema mit derart weitreichenden medizinischen, pflegerischen und ethischen Folgen „braucht einen eigenen Gesetzgebungsprozess und eine breite gesellschaftliche Debatte“, sagt Ploner.

Zeno Oberkofler: „Das stimmt halt einfach nicht!“ Seehauserfoto

Lauter Gegenwind kam hier vom Grünen-Landtagsabgeordneten und Mitglied im zuständigen Gesetzgebungsausschuss Zeno Oberkofler. Es sei eine verzerrte Darstellung, dass der Artikel zum assistierten Suizid zugunsten einer vertiefteren Debatte oder angemesseneren Ausarbeitung zurückgezogen wurde. Der eigentliche Grund für die Rücknahme des Artikels, so Oberkofler, sei der politische Druck, produziert durch die organisierte Mobilisierung und das „E-Mail-Bombing“ der Lebensschutzbewegungen. Zudem habe auch der Koalitionspartner Fratelli d’Italia klar gemacht, dass er keine regionale Regelung wolle. Die SVP sei hier eingeknickt, so Oberkofler. 

Ebenso rügt er das Team K: „Die Darstellung, als sei das nur ein parteipolitisches Spielchen, dass man das Gesetz im Omnibusgesetz anstelle des Entwurfs vom Team K bevorzugte, das stimmt halt einfach nicht“.

 

„In der Sache ist der Vorschlag des Kollegen Messner in diesem Omnibusgesetz der gleiche Vorschlag, der in der Toskana angenommen wurde.“

 

Inhaltlich stellt Oberkofler die Debatte auf eine klare Linie: Es gehe nicht darum, ob man für oder gegen assistierten Suizid sei. Es gehe darum, wie ein vom Verfassungsgerichtshof anerkanntes Recht gewährleistet werde. Die Voraussetzungen seien eng: eine irreversible Erkrankung, unerträgliches körperliches oder psychisches Leiden, lebenserhaltende Behandlungen sowie volle Urteils- und Entscheidungsfähigkeit. 

Die Regelung im Omnibusgesetz habe das abgebildet, unterstreicht Oberkofler: „In der Sache ist der Vorschlag des Kollegen Messner in diesem Omnibusgesetz der gleiche Vorschlag, der in der Toskana angenommen wurde und der vor dem Verfassungsgerichtshof Stand gehalten hat. Und das war die Begründung, um diesen Artikel ins Omnibusgesetz hineinzunehmen.“ Eine Vertiefung, ein eigenes Gesetz seien nicht zielführend, da man sich an der Gesetzgebung des Verfassungsgerichts orientieren müsse.

Oberkofler warnt zudem vor einer Vertagung. Da gleiche Gesetzentwürfe laut Geschäftsordnung innerhalb von sechs Monaten nicht erneut eingebracht werden dürfen, stelle sich die Frage, ob ein neues Gesetz überhaupt zeitnah möglich sei. „Ich empfinde das als fatales Signal und als Rückschritt“, so Oberkofler.

Zurückgerudert für Informationsbedarf

Harald Stauder: Auch andere wollten mitreden, argumentiert der SVP-Fraktionsvorsitzende. Seehauserfoto

SVP-Fraktionssprecher Harald Stauder widerspricht entschieden und argumentiert, dass die gesellschaftliche Breite des Themas unterschätzt worden sei. Gesundheitslandesrat Hubert Messner habe auf Expertinnen und Experten gesetzt, aber nicht ausreichend bedacht, wie viele gesellschaftliche Gruppen hier mitreden wollten.

Die vielen Rückmeldungen aus unterschiedlichen Lagern hätten gezeigt, dass „noch eine Runde“ nötig sei. Ziel sei ein eigener Gesetzestext, der breiter diskutiert und stärker von der Bevölkerung getragen werde.

Arno Kompatscher: „Schaffen wir keine falsche Erwartungshaltung“ USP/Luica Rose Buffa

Ein Argument, das nicht wirklich standhält. Auch Landeshauptmann Arno Kompatscher stellt klar: „Schaffen wir keine falsche Erwartungshaltung. Es geht nicht um die Einführung eines Gesetzes für Sterbehilfe. Die Voraussetzungen einer Regelung für medizinisch assistierten Suizid hat der Verfassungsgerichtshof definiert, und das sehr eng.“ Jedoch habe die öffentliche, aber auch die parteiinterne Diskussion gezeigt, dass es noch Informationsbedarf gebe.

Deshalb, so Kompatscher, brauche es nun vor allem Aufklärung. Es gehe nicht darum, den Inhalt beliebig neu zu verhandeln oder falsche Erwartungen zu wecken. Die rechtlichen Voraussetzungen seien gesetzt. Aber die Bevölkerung müsse besser verstehen, was geregelt werde und was nicht. Auf das Argument der Einreichungsfrist, vor der Zeno Oberkofler warnte, entgegnete der Landeshauptmann „Im November sind die sechs Monate vorbei. Das ist kein Beinbruch“.