Seehauserfoto
Gesellschaft | Fritto Misto

Geh bitte, Schwazer

Die Saga ist um ein Kapitel reicher: weniger abstrus wird's nicht.

Dieser Artikel ist für dich kostenlos. Unabhängiger Journalismus in Südtirol braucht aber deine Unterstützung. Wir würden uns daher freuen, wenn du ein SALTO Abo abschließen würdest. Vielen Dank!

Jetzt S+ abonnieren

Vor knapp zwei Monaten hätte es mich fast erwischt: Ich war drauf und dran, einen Jubel-Fritto über Alex Schwazer zu schreiben, nachdem der mittlerweile 41-Jährige die deutsche Meisterschaft im Gehen nicht nur gewonnen, sondern über die Marathon-Distanz auch einen neuen Italienrekord aufgestellt hatte. „Das Schwazer-Wunder von Kelsterbach“ titelte Rai Südtirol euphorisiert, sprach von Verblüffung in der Geherszene, einer „Sensation“: Konnte da einer, der nicht mehr taufrisch und nur mehr nebenbei aktiv ist, doch seine Konkurrenten mit dermaßen großem Abstand (25 Minuten Vorsprung auf den Zweitplatzierten) abhängen, dass er „quasi schon im Auto auf dem Rückweg [saß], als der Rest des Feldes eintrudelte“. 

Und man gönnte ihm diesen Triumph, ihm, dem das Schicksal doch so böse mitgespielt hatte: 2008 Olympiasieger in Peking, dann der tiefe Fall mit dem (von ihm zugegebenen) Doping 2012, die Sperre bis 2016, die Versuche, sich wieder aufzurappeln, dann die erneute positive Dopingprobe 2016, von der Schwazer stets behauptete, sie sei manipuliert worden, was das Landesgericht Bozen 2021 ebenso sah. Man habe ihn dafür bestrafen wollen, dass er staatlich gelenktes Doping und Korruption im Umfeld der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und des Weltdachverbands der nationalen Leichtathletikverbände (IAAF) offengelegt hatte.

 

Dunkle Mächte hatten ihn in den Abgrund gestoßen, aus dem er verzweifelt wieder ans Licht zu klettern versuchte.

 

Schwazer litt wie ein Hund, es gab tränenreiche Interviews, Bücher, eine Netflix-Serie, einen Podcast. Schwazer war der tragische Held, der, okay, Fehler gemacht hatte, dafür aber Buße getan hatte, und dem man nun trotzdem die Rehabilitation nicht gewährte, im Gegenteil: Dunkle Mächte hatten ihn in den Abgrund gestoßen, aus dem er verzweifelt wieder ans Licht zu klettern versuchte. Der Sieg in Kelsterbach schien da wie der lang ersehnte Befreiungsschlag und die Bestätigung: Zuletzt siegt doch das Gute, allen Hindernissen zum Trotz. Es war so schön, zwei Monate lang. 

Dann, am 22. Juni, die Schlagzeile: Schwazer sei in Kelsterbach gedopt gewesen, man habe das ausdauerfördernde Epo in Blut und Urin nachgewiesen. Bämm! Eine Watschen für alle, die an das Schwazer-Märchen von der Auferstehung hatten glauben wollen. Oder doch nicht? Denn Alex Schwazer rauft sich wieder die Haare und deutet eine Fortsetzung des Komplotts gegen ihn an. Er habe keine Kraft mehr sich zu verteidigen, sagte er bei der Pressekonferenz (zu der notorisch kritische Journalisten angeblich nicht zugelassen worden waren), sei aber im Besitz einer Restmenge des ihm vor dem Rennen abgenommenen Urins; man solle sie zu seiner Entlastung analysieren, was natürlich total gaga ist: Erstens gibt es für diese Zwecke die B-Probe (dem Komplott-Narrativ nach aber natürlich ebenfalls manipuliert), und zweitens kann diese ominöse Restpipi ja theoretisch von überall her stammen. 

Trotzdem schenken Schwazers Anhänger und auffallend zurückhaltend auftretende heimische Medien offenbar dieser Version der bewegten Schwazer-Story Glauben: Man hat ihn wieder gelinkt, ihm sozusagen den Gnadenstoß versetzt, damit er gar nicht mehr hochkommt, und Schwazer, zermürbt vom ewigen Kampf und der Übermacht seiner gesichtslosen Gegner, gibt sich geschlagen. Ist aber Opfer, nicht Verlierer. Ein würdiger Abschluss der Passionsspiele: Er konnte es allen nochmal zeigen, unterliegt aber dem System. Ein Märtyrer. Es ist die am wenigsten plausible, aber beliebteste Version.

 

Die Brillanz des Plans besteht vielleicht darin, etwas zu tun, was so blödsinnig erscheint, dass man es nicht für realistisch hält.

 

Die weitaus näherliegende, weil in der Geschichte des Sports nicht so seltene wäre die, dass ein sehr ehrgeiziger Athlet einmal gedopt hat, zwei Mal gedopt hat, und ja, auch drei Mal gedopt hat, beziehungsweise drei Mal dabei erwischt wurde. So dumm kann man nicht sein, entrüsten sich die Gegner dieser für Schwazer weniger schmeichelhaften Version, aber einerseits gab letzterer in einem Interview freimütig zu, dass sein „cervello“ sein Schwachpunkt sei, und andererseits besteht ja gerade die Brillanz des Plans darin, etwas zu tun, was so blödsinnig erscheint, dass man es nicht für realistisch hält. Vielleicht wollte Schwazer der Welt so sehr beweisen, wie gut er ist, dass er Illegales in Kauf nahm, damit das auch sicher gelingt. Er wäre nicht der Erste.

Vielleicht hat er auch nur beim ersten und zweiten Mal gedopt, und wurde jetzt tatsächlich für seine Anschuldigungen bestraft. Vielleicht hat er nur beim ersten und dritten Mal gedopt, weil er jetzt sicherstellen wollte, einen Erfolg einzufahren (die Zeit ist leider verdächtig gut), nachdem er so viel Schmach erfahren musste. Vergangene Rennen liefen ja weniger toll. Vielleicht ist alles auch ganz anders, und Schwazer hat eine besondere genetische Disposition, die ihn falsch positiv scheinen lässt, oder man hat seine Proben falsch interpretiert: Beides stellte die Süddeutsche Zeitung letzthin in den Raum. Wir werden vermutlich nie erfahren, wie es sich tatsächlich zugetragen hat (außer die Rest-Pipi wird von einem unabhängigen Labor analysiert und ist ebenfalls positiv), aber es scheint so, als wollten wir das gar nicht: Wir haben uns längst für die Märtyrer-Version entschieden. 

Also bauen wir ihm bitte ein Kirchl (gibt bestimmt PNRR-Gelder dafür; die legitimieren, wie Monopoly-Geld, ja den Bau von fast allem), stellen dort die Rest-Pipi als Reliquie aus, die sich einmal im Jahr wundersamerweise mit Epo anreichert, pilgern wir scharenweise im Geherschritt dorthin und glauben fest an die Legende vom aufrechten Athleten und der schurkenhaften WADA, die eine Obsession für den Geher aus Kalch entwickelt haben muss, die so krankhaft ist, dass sie sogar für relativ bedeutungslose Rennen kriminelle Energie ein- und ihren Ruf aufs Spiel setzt. Wir haben unsere Heldengeschichte, Schwazer den moralischen Sieg und Südtirol eine Sehenswürdigkeit mehr.