Gesellschaft | SALTO Gespräch

„Es ist nicht gottgegeben"

Warum das Patriarchat kein Naturgesetz ist und wir eine spirituelle Revolution brauchen, erklärt Autorin Gertraud Klemm im scharfsinnigen Gespräch über Macht und Würde.
Bernd Alfanz

Dieser Artikel ist für dich kostenlos. Unabhängiger Journalismus in Südtirol braucht aber deine Unterstützung. Wir würden uns daher freuen, wenn du ein SALTO Abo abschließen würdest. Vielen Dank!

Jetzt S+ abonnieren

SALTO: Frau Klemm, Sie sind bekannt für eine direkte Sprache. Ist für Sie das Schreiben von Büchern eine Form von Aktivismus oder eher eine notwendige Selbstverteidigung? 

Getraud Klemm: Es ist Selbstverteidigung. Ich sehe, dass wir an einem massiven Empörungsdefizit leiden. Wir haben uns so sehr an Ungeheuerlichkeiten – wie den Gender-Pay-Gap oder Gewalt gegen Frauen – gewöhnt, dass wir sie nicht mehr als solche wahrnehmen. Mein Antrieb ist es, neue Sprachen und Bilder zu finden, um diese Normalität der Ungerechtigkeit aufzubrechen. 

 

Als Biologin, Feministin und als Mensch, der Zahlen lesen kann, weiß ich: Das ist alles Bullshit. 

 

Es ist ungeheuerlich, dass 51 Prozent der Menschheit so behandelt werden. Empörung ist eine Wahrnehmung, die am Anfang steht – der Moment, in dem man erkennt, dass ein System per se ungerecht ist. Der Trick des Patriarchats besteht darin, uns einzureden, das sei ein Naturgesetz. Als Biologin, Feministin und als Mensch, der Zahlen lesen kann, weiß ich: Das ist alles Bullshit. Es ist nicht „gottgegeben“. Wir können uns aus diesem System nehmen und uns rar machen. Ich glaube, das passiert gerade: Frauen ziehen sich in die Individualität zurück und konzentrieren sich nur noch auf sich selbst. Für das „Kümmern“ bleibt dann niemand mehr übrig, oder man muss Menschen aus anderen Systemen importieren, um diese begrenzte Ressource liebende Frau aufrechtzuerhalten. Fürsorgearbeit wird kapitalistisch nicht bewertet, sie darf nichts kosten. 

Wenn Sie auf die letzten Jahre zurückblicken: Gab es einen auslösenden Moment, der Sie dazu brachte, mit dem „Phallozän“ so hart ins Gericht zu gehen? 

Es war die Beschäftigung mit Matriarchaten und die Erkenntnis, dass es gewaltlose Gesellschaften gibt – eine Vorstellung, die wir völlig verlernt haben, weil wir glauben, der Mensch und die Männer seien eben so und ohne Kapitalismus gehe es nicht. Richtig schlimm wurde es für mich mit Beginn der Trump-Ära, als dieses Hyperpatriarchat den letzten Genierer verloren hat. Ich dachte, wir brauchen ein neues Wort. „Anthropozän“ nimmt alle Menschen in die Pflicht, aber „Phallozän“ zielt auf diese Art von Männlichkeit, die so erregt und unvernünftig ist und nur noch auf unmittelbaren Lustgewinn ausgerichtet. 

Zur Person

Gertraud Klemm ist eine österreichische Schriftstellerin und  Biologin. Nach ihrer Tätigkeit als hygienische Gutachterin debütierte sie 2006 literarisch. Mit Romanen wie Herzmilch (2014) und Muttergehäuse (2016) sowie der Nominierung beim Bachmann-Preis erlangte sie breite Anerkennung. Klemm gilt als eine der profiliertesten Stimmen der Gegenwart, die patriarchale Rollenbilder und gesellschaftliche Schieflagen mit radikaler Schärfe seziert. Ausgezeichnet mit dem Anton-Wildgans-Preis (2022), fordert sie in ihrer aktuellen Streitschrift Abschied vom Phallozän (2025) eine fundamentale Abkehr von zerstörerischen Machtstrukturen. Sie lebt und arbeitet in Pfaffstätten, Niederösterreich. 

Was müssen wir als Gesellschaft Ihrer Meinung nach am meisten betrauern, bevor wir uns wirklich befreien können? 

Ich glaube, die Würde. Die Würde all jener, die nicht in Machtpositionen sind. Frauen werden weltweit teilweise wie Nutztiere behandelt. In Afghanistan, beispielsweise haben Vögel im Park mehr Rechte als Frauen. Dass wir das zulassen, obwohl wir wissen, wie diese Frauen leiden, macht mich wahnsinnig traurig. Frauen kommen in der Geschichte nicht vor – nicht als Soldaten, nicht in Zahlen, nicht als Leidende. Wir waren angeblich nie da, wie unsichtbare Bakterien. Und wenn wir es doch geschafft haben, wurden wir bestohlen. Diese wenigen, die trotz allem so viel Kraft und Cleverness besaßen, denen wurde ihre Leistung nicht zugesprochen, weil sie nur als „Nutztiere“ galten. 

Wir sprechen immer wieder von Gleichstellung. Wo stoßen Sie im Alltag als Autorin auf unsichtbare Widerstände, die uns im Diskurs oft nicht mehr auffallen? 

Der größte Widerstand ist die Annahme, dass das Patriarchat ein Naturgesetz sei. Dieser Programmierfehler steckt in Religion, Wirtschaft, Biologie und sogar in Zeichentrickfilmen. Überall werden wir belogen. Besonders verkrustet sind zwei Bereiche, um die sich der Feminismus meiner Meinung nach bisher zu wenig gekümmert hat: die Struktur unserer Gesellschaft – also das Festhalten an der Kleinfamilie statt an einer Gemeinschaft, einem „Dorf“ – und die Spiritualität. Wir haben uns zu lange eingeredet, wir bräuchten Spiritualität nicht, weil wir keinen männlichen Gott wollen. 

Im Rahmen der Literaturreihe „AutorInnen in Meran“, Gertraud Klemm und Juia Aufderklamm, Direktorin vom Frauenmuseum Meran.: Frauenmuseum Meran

Das Wort „Matriarchat“ löst bei vielen sofort Abwehr aus.  Wie würden Sie einem Skeptiker erklären, dass es hier nicht um die Umkehrung der Macht geht? 

Zuerst würde ich dem Skeptiker sagen: Wenn es dich gruselt, was glaubst du, wie es uns gruselt? Das ist der beste Beweis für die Ungerechtigkeit des jetzigen Systems. Man muss sich vor dem Wort nicht fürchten; „Archat“, das kann nicht nur „Herrschen“, sondern auch „Anfang“ bedeuten.

 

Aber ein Wandel muss auch erschrecken, da geht es um Privilegienverlust. 

 

Ich tue mich selbst schwer mit dem Begriff Matriarchat, weil er sofort in eine mentale Sackgasse führt, daher spreche ich auch gern von egalitären Gesellschaften oder Matriclans. Aber ein Wandel muss auch erschrecken, da geht es um Privilegienverlust. Wenn man es richtig und bildhaft erklärt, gibt es bei Männergruppen oft eine große Offenheit, weil auch sie merken, dass das System nicht mehr funktioniert. 

Wie erklären Sie das bildhaft? 

Ich zeige zum Beispiel zwei Bilder: Auf der einen Seite die Klitoris in ihrer ganzen anatomischen Größe – das wissen wir ja, sie ist fast handgroß. Daneben zeige ich die Mars-Sonde Pathfinder. Dann frage ich sie, was sie glauben, was zuerst gefunden wurde. Die Sonde fuhr auf dem Mars herum, bevor man die Klitoris in ihrer vollen Größe entdeckte. Dieses Bild ist bezeichnend dafür, auf welche Schwerpunkte sich die Forschung konzentriert hat. Stellen Sie sich vor, man hätte die Penis-Eichel erst 1998 entdeckt. Das sind einfache Bilder, aber sie setzen die Ungeheuerlichkeiten in Relation. Ich arbeite mit Bildern und biete eine Neuerzählung an.

Gertraud Klemm ist eine österreichische Schriftstellerin und promovierte Biologin.: Bernd Alfanz

Kann eine technisierte Welt jemals wieder zu matriarchalen Werten finden? 

Im Regionalen bestimmt. Da sehe ich viel matriarchales Wissen und Energie in kleinen Vereinen oder Öko-Initiativen, die die Welt neu strukturieren wollen. Die diese Anarchie und das Ausbeuten nicht mitmachen wollen. Global gesehen ist es schwierig, aber das Klima und die Erde werden das für uns erledigen. Die unglaublichen Geld- und Warenströme werden kollabieren. Der schnelle, globalisierte Konsum wird zu teuer und zu kompliziert werden. Wir werden uns mehr nach der Natur richten müssen. Es wird nicht schön werden und wehtun, aber es ist im Gange. 

Es ist ungeheuerlich, dass eine Person wie Trump – um wieder darauf zurückzukommen – an die Macht kommt. Stellt sich da nicht die Frage: Haben wir eigentlich nichts dazugelernt? 

Das ist es. Ich sage immer: Es sind die James-Bond-Bösewichte, die jetzt an der Macht sind. Es ist wie in den Filmen, in denen einer eine Rakete auf den Mond bauen will und dermaßen abstruse Ideen hat. Das ist völlig irre. Ich fahre über jeden und alles drüber – das ist eine Vernichtungsfantasie. 

 

Am meisten fürchte mich vor diesen Peter Thiels, die das Ganze dann auch noch religiös zu legitimieren versuchen.

 

Die wollen eine neue Art Mensch. Es ist wie Fiktion, nur dass sie jetzt bessere Technik haben, um das zu realisieren. Eigentlich sind diese Gedanken zutiefst entmenschlichend. Am meisten fürchte ich mich vor diesen Peter Thiels, die das Ganze dann auch noch religiös zu legitimieren versuchen. Trump ist da vermutlich nur eine Marionette. Aber das System wird kippen, allein schon in der Logik. So viele „Freaks“ auf einmal waren noch nie am Werk. 

„AutorInnen in Meran“

Im Rahmen der Literaturreihe „AutorInnen in Meran“ der Stadtbibliothek fand am vergangenen Freitag, den 26. Juni, ein Gespräch mit der Schriftstellerin Gertraud Klemm statt. Die Veranstaltung war eine Kooperation mit dem Frauenmuseum Meran und bot vor 150 Gästen im Pavillon des Fleurs im Kurhaus einen Austausch über die Frage: „Was kommt nach dem Patriarchat?“. Moderiert wurde der Abend von Julia Aufderklamm, der Direktorin des Frauenmuseums Meran.

Gibt es in Ihren Augen männliche Vorbilder? 

Intellektuelle wie Rutger Bregmann sind große Vorbilder. Er verwendet zwar nie das Wort Matriarchat, propagiert aber ökonomisch und politisch genau das, was notwendig ist. Er sitzt in Panels in Davos und knallt den Leuten an den Kopf, dass sie ihre Steuern zahlen sollen.

 

Aber ich kenne sehr wenige Autoren, die so denken und so gut wie keine Politiker. 

 

Ich kenne auch viele Männer in kleinen Kultur- oder Gärtnereivereinen, die diese Art von Männlichkeit ablehnen. Aber ich kenne sehr wenige Autoren, die so denken und so gut wie keine Politiker. Mein Appell ist: Wenn ihr nur über Kolonialismus, Sklaverei und Rassismus schimpft, aber die Geschlechtergeschichte nicht einbezieht, habt ihr das Problem nicht verstanden. Ihr müsst die Frauen immer mitnehmen. 

Welchen Appell besitzt Ihr neues Buch? 

 Das Patriarchat ist kein Naturgesetz. Es ist historisch gesehen sehr jung, und eine andere, egalitäre Gesellschaft ist möglich – es gibt sie sogar, man kann sie besuchen. Wir müssen begreifen, dass eine Änderung nur möglich ist, wenn wir die Geschlechterfrage ins Zentrum rücken. Ich fordere die Intellektuellen und Entscheidungsträger auf, die 51 Prozent der Menschheit endlich ernst zu nehmen – es ist absurd, dass man das heute überhaupt noch einfordern muss. Frauen werden ähnlich wie die Natur ausgebeutet. Alles, was wir zum Leben brauchen, entspringt einem „mütterlichen Prinzip“ – sei es die Ernte oder das Leben selbst. Das Patriarchat setzt sich genau auf dieses Prinzip drauf und parasitiert davon. Das zu verstehen, hat eine tiefgreifende spirituelle Dimension, die unseren großen Weltreligionen völlig fehlt. Diese männlich geprägte Spiritualität ist inkomplett; sie begreift nicht, dass der Raubbau an Frauen und der Natur die eigentliche Todsünde is ist. Dass wir die Natur nicht spirituell honorieren, statt es als „selbstverständlich regenerierend“ abzutun, ist eine massive Respektlosigkeit.