Jede siebte Frau als Kind Opfer
Hinweis: Dies ist ein Partner-Artikel und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.
Fast drei Millionen Italienerinnen haben vor ihrem 16. Geburtstag Gewalt erlebt. Sie wurden geschlagen, geohrfeigt oder sexuell missbraucht. Das geht aus einer neuen Studie von Istat, dem italienischen Amt für Statistik, hervor.
Zwischen März 2025 und Januar 2026 befragte Istat rund 20.600 Frauen, darunter etwa 17.500 Italienerinnen und 3.100 Frauen mit Migrationshintergrund. Die Ergebnisse wurden am 16. September gemeinsam mit der Abteilung für Chancengleichheit der italienischen Regierung veröffentlicht. Istat verwendete dabei dieselbe Methode wie Eurostat, das Statistikamt der EU. Dadurch lassen sich die Zahlen mit denen anderer Länder vergleichen.
Etwa jede siebte Italienerin im Alter von 16 bis 75 Jahren (15,3 Prozent) hat als Kind mindestens einmal Gewalt erlebt. Dazu kommen mehr als 244.000 ausländische Frauen, die in Italien leben. Das entspricht einem Anteil von 11,4 Prozent. Bei geflüchteten Frauen liegt der Anteil mit 22,4 Prozent noch höher.
Die Täter sind meist Personen, die das Mädchen kennt. Dazu gehören Angehörige, Verwandte oder Menschen aus dem Umfeld der Eltern. Fremde sind dagegen nur selten die Täter. Auch Eltern spielen eine wichtige Rolle, insbesondere Väter und Stiefväter. Ein Teil der Gewalt findet damit im familiären Umfeld statt.
In Italien hat etwa jede zwölfte Frau (8,2 Prozent) vor ihrem 16. Geburtstag sexuelle Gewalt erlebt. Das sind fast 1,65 Millionen Frauen. Der Anteil ist gegenüber früheren Erhebungen gesunken: 2014 war etwa jede zehnte Frau betroffen, heute ist es weniger als jede zwölfte. Am häufigsten wurden Mädchen gegen ihren Willen an intimen Stellen berührt.
Die Täter waren fast immer Männer. Meist geschah die erste Erfahrung zwischen dem 11. und 16. Lebensjahr. Einige Frauen berichteten jedoch, dass sie beim ersten Mal noch keine sechs Jahre alt waren. War der Vater der Täter, blieb es häufig nicht bei einem einzigen Vorfall. Die meisten dieser Opfer berichteten von wiederholter Gewalt.
Fast sechs von zehn Betroffenen erzählten als Kinder niemandem von der sexuellen Gewalt. Wer darüber sprach, wandte sich meist an Familienmitglieder oder Freundinnen. Nur wenige suchten Hilfe bei der Polizei oder beim Jugendamt. Auch Lehrerinnen und Lehrer wurden nur selten einbezogen.
Neu ist, dass Istat diesmal auch körperliche Gewalt und Demütigungen erfasst hat. Fast jede zehnte Frau hat als Kind körperliche Gewalt erlebt. Unter den Italienerinnen entspricht das rund 1,85 Millionen Frauen. Häufig ging es um Schubsen, Zerren oder Ohrfeigen. Etwa drei von hundert Frauen erlebten schwerere Formen körperlicher Gewalt, etwa Schläge, Tritte oder Verletzungen durch Gegenstände. In diesen Fällen waren vor allem die Eltern die Täter.
Auch psychische Gewalt spielt eine Rolle. Wer ein Kind ständig kleinmacht, auslacht oder ihm vermittelt, nichts wert zu sein, kann damit ebenfalls erheblichen Schaden anrichten. Frauen, die als Kinder häufig von ihren Eltern gedemütigt wurden, berichteten deutlich häufiger auch von Schlägen oder sexueller Gewalt zu Hause. Fast vier von zehn dieser Frauen waren davon betroffen. Bei Frauen ohne solche Erfahrungen waren es dagegen zwei von hundert.
Auch miterlebte Gewalt kann Folgen haben. Damit ist gemeint, dass Kinder sehen oder hören, wie sich Eltern gegenseitig beschimpfen oder schlagen, oder dass sie Gewalt gegen Geschwister miterleben. Etwa jede zehnte Frau berichtete von solchen Erfahrungen in ihrer Kindheit.
Die Studie zeigt dabei einen deutlichen Zusammenhang mit späteren Gewalterfahrungen.
Von den Frauen, die als Kinder weder Gewalt noch Demütigungen zwischen ihren Eltern erlebt hatten, erfuhr nur etwa eine von hundert selbst Gewalt durch die Eltern. Bei Frauen, die miterlebt hatten, wie ihre Eltern sich schlugen, lag der Anteil bei mehr als einem Drittel.
Auch im Erwachsenenalter zeigen sich Unterschiede. Insgesamt hat etwa jede dritte Italienerin als Erwachsene Gewalt erlebt. Bei Frauen, die als Kinder sexuelle Gewalt erfahren hatten, war der Anteil mehr als doppelt so hoch.
Wurden sie als Kinder vom Vater geschlagen, lag er bei fast sieben von zehn. Auch bei ausländischen Frauen und in anderen europäischen Ländern zeigen sich ähnliche Zusammenhänge.
Die Erfahrungen des Partners können ebenfalls eine Rolle spielen. Männer, die als Jungen erlebt hatten, wie ihr Vater ihre Mutter schlug, misshandelten später deutlich häufiger selbst ihre Partnerin. In der Studie war dieses Risiko etwa fünfmal so hoch.
Auch Kinder können von der Gewalt in einer Partnerschaft betroffen sein. Sechs von zehn Frauen, die von ihrem Partner misshandelt wurden, berichteten, dass ihre Kinder die Gewalt miterlebt hatten. Viele Mütter gaben an, dass ihre Kinder Angst hatten, unruhig waren oder nachts nicht schlafen konnten.
Die Ergebnisse zeigen, wie weitreichend Gewalterfahrungen in der Kindheit sein können. Sie können das spätere Leben und Beziehungen beeinflussen. Deshalb ist es wichtig, frühzeitig Hilfe anzubieten. Schulen und Lehrkräfte können eine wichtige Rolle spielen, wenn sie Anzeichen von Gewalt erkennen und Kindern eine Möglichkeit geben, darüber zu sprechen. Auch Familien brauchen leicht erreichbare Unterstützung. Frauenhäuser und Beratungsstellen benötigen dafür verlässliche finanzielle Mittel.
Entscheidend ist, dass Kinder mit ihren Erfahrungen nicht allein bleiben. Wenn sie über Gewalt sprechen können und früh Hilfe bekommen, kann das dazu beitragen, weitere Gewalt zu verhindern.
Ilaria Cagol - Gleichberechtigungskomitee
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