Radikaler Lebensgestalter
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Jetzt S+ abonnierenSALTO: Herr Windegger, was ist das Besondere an Franziskus von Assisi?
Moritz Windegger: Das Besondere ist, dass er ein Heiliger ist, der auch 800 Jahre nach seinem Tod eine fast ungebrochene Strahlkraft ausübt auf Menschen, die sehr oft gar nichts mit dem Glauben zu tun haben. Also Franziskus fasziniert, wir sehen es jetzt hier in Salzburg in diesen Tagen, er fasziniert Menschen aller Generationen, seine Geschichte fasziniert auch Menschen, die jetzt nicht schon von vornherein christlich oder gläubig sind.
Es gibt natürlich eine bestimmte Freude für die Wertschätzung des Franz von Assisi.
Im vergangenen Jahr verabschiedete das Parlament ein entsprechendes Gesetz, mit dem der 4. Oktober erstmals seit der Abschaffung im Jahr 1977 wieder als Feiertag eingeführt wird. Der Gesetzentwurf wurde von der Partei Noi Moderati vorgeschlagen und wurde zum Anlass des 800. Todestag von San Francesco d’Assisi verabschiedet.
Er ist immer noch sehr aktuell?
Ja, also wir sehen es zu einen auch jetzt in vielen franziskanischen Orten, wie in unserem Gymnasium in Bozen, aber auch in unseren Kirchen, in unseren Häusern, dass Menschen, wenn sie besondere Anliegen haben oder wenn sie eine besondere Sensibilität für Schöpfung oder auch für Solidarität der Menschen untereinander haben, dass sie dann in der Kirche zunächst an Franz von Assisi denken. Das lässt sich auch umrechnen in Zahlen. Wir haben jetzt in diesen Wochen in Salzburg steigende Besucherzahlen, nicht nur von Gläubigen, sondern auch einfach nur von Besuchern und Besucherinnen, einfach Menschen, die kommen und sich in die Kirche setzen und etwas lesen oder etwas hören wollen von Franz von Assisi.
Es geht um seine Werte, nicht unbedingt nur um die Lebensgeschichte…
Es ist eine Mischung, das ist zum einen eine bestimmte Neugier, die merken wir auch bei jungen Menschen, die möchten erzählt bekommen, wie hat er gelebt, was hat er gemacht, warum ist das so und nicht anders. Aber es ist auch eine Faszination, denn die Faszination des Franz von Assisi liegt auch ein bisschen in der Radikalität seiner Lebensgestaltung.
Spielen seine Werte in der heutigen Gesellschaft und vor allem in der Politik überhaupt noch eine Rolle?
Also in der Gesellschaft ganz sicher. Da gibt es einen unzähmbaren Wert der zwischenmenschlichen Solidarität. Es ist ein Vertrauen, das man bemerkt, wenn man sich anschaut, wie er mit Schwierigkeiten umgeht. Er hat selbst auch Schwierigkeiten mit der eigenen Gesundheit und mit den anderen Menschen und so. Und dort handelt er so ein bisschen aus einer, wie soll man sagen, Souveränität heraus.
Er weiß offensichtlich, Gott ist der Vater, Gott steht auf seiner Seite. Und mit diesem Gottvertrauen kann er zu einem muslimischen Sultan genauso gehen wie zu einem römisch-deutschen Kaiser oder auch zum Papst.
Geboren wurde Franziskus in Assisi als Giovanni di Pietro di Bernardone in den Jahren 1181 oder 1182. Er stammte aus einer wohlhabenden Händlerfamilie. Der Sonnengesang (Cantico delle creature) zählt zu den prägendsten und bedeutendsten frühen Werken der italienischen Literatur und als eines der ersten wichtigen Zeugnisse der italienischen Volkssprache. Im Jahr 1224 empfing er auf dem Berg La Verna die Wundmale Christi. Er verstarb 1226 bei der Portiuncula Kapelle und wurde 1230 in die Basilika San Francesco in Assisi übergeführt.
Und wie kommt er Franziskus in heutiger Zeit bei den Jugendlichen an?
Viele Jugendliche in Mitteleuropa, die haben bisher noch gar keine Ahnung von Glauben oder überhaupt von Kirche. Mit dem müssen wir halt mal leben in diesen Zeiten. Dort, wo es eine Rückwärtsbewegung zur Kirche gibt, dort sehen wir ein starkes Interesse.
Wir haben jetzt hier zum Beispiel, aber nicht nur hier, auch noch in anderen Klöstern, vereinzelte Jugendgruppen, junge Erwachsene, die neu zum Glauben finden. Sie wollen was bewegen. Es ist offensichtlich ein Bedürfnis bei jungen Menschen, gestaltend mitzuwirken.
Franziskus ist einer, der gestaltet hat.
Wie wird Franziskus in den sozialen Medien dargestellt? Was ist ein Franzfluencer?
Ein Franzfluencer ist ein Franziskaner, der zur österreichischen Franziskanerprovinz gehört, der eine bestimmte Reichweite in der digitalen Welt hat. Der reichweitenstärkste Franzfluencer ist gerade in Salzburg. Das ist der Pater Sandesh Manuel, den kennen sie vielleicht, ein TikToker, YouTuber mit zehntausenden an Followern. Er versucht, franziskanische Kerninhalte, allerdings nicht nur zu Franz von Assis, aber franziskanische Kerninhalte auch in die digitale Welt zu tragen. Mit der natürlich für diese Welt notwendigen Vereinfachung. Deswegen gibt es Franzfluencer, damit möglichst viele einen Zugang bekommen.
Also Neugier wecken…
Ja, genau.
Gibt es an die Jugendlichen auch eine ökologische Botschaft?
Die Jugendlichen, die zum Glauben kommen, haben natürlich auch irgendwo eine Verantwortung für die Schöpfung. In welcher Intensität das liegt, ist meistens sehr individuell. Ob Papst Franziskus oder Papst Leo, beide Päpste betonen etwas, das ganz typisch ist für Franz von Assisi. Nämlich, dass die Bewahrung der Schöpfung und die zwischenmenschliche Solidarität sehr wichtig sind. Die Bewahrung der Schöpfung bedeutet auch Respekt vor dem Menschen.
Wie hat die Welt zu Lebzeiten von Franziskus ausgesehen?
Historiker beschreiben diese Zeit als eine Epoche des Hochmittelalters, die sie als „Blütezeit“ oder „Renaissance des 12. Jahrhunderts“ bezeichnen. Das Heilige Römische Reich erstreckte sich über Mitteleuropa bis nach Nord- und Mittelitalien. An der Spitze standen Stauferkaiser wie Friedrich I. Barbarossa (1155 bis 1190), die in ständigem Konflikt mit dem Papsttum um die Vorherrschaft lagen. Durch eine Urbanisierungswelle und das Aufblühen des Handels konnten Kaufmannsfamilien einen beachtlichen Wohlstand erreichen und bildeten den neuen bürgerlichen Stand. Franziskus wurde genau in diesem Umfeld geboren. Später protestierte er gegen die Habsucht des Standes. Neben dem Reichtum der Händler prägte eine elende Armut der breiten Bevölkerungsschicht das Straßenbild der Städte.
Wieso bekam Franziskus eigentlich einen eigenen Festtag? Was war die politische Entscheidung dahinter?
Das ist natürlich eine schwierige Frage für einen Südtiroler. Als Franziskaner freuen wir uns natürlich für uns. Jetzt ist es natürlich so, dass Franz von Assisi historisch gesehen, stehen die paar Texte, die von ihm überliefert sind, am Beginn der italienischen Kulturgeschichte.
Insofern ist er ein bisschen auch im 20. Jahrhundert zum Sinnbild der italienischen Kultur geworden. Das war der Grund, warum ihn Papst Pius XII auch 1939 zum Patron Italiens erhoben hat. Gemeinsam übrigens mit Katharina von Siena. Man hätte deshalb auch den Katharina-Tag zum Feiertag machen können. Es gibt natürlich eine bestimmte Freude für die Wertschätzung des Franz von Assisi. Aber es ist jetzt nicht so, dass wir da, wie soll man sagen, Luftsprünge machen.
Vielleicht auch Populismus?
Ich war auch mal Journalist, da hätte ich vermutlich auch so eine Vermutung angestellt. Stelle ich auch immer noch an. Ich habe aber auch als Franziskaner gelernt, dass man in Menschen, die handeln, dazu gehören Politiker auch, ganz ohne Zweifel, nie ganz hineinschauen kann.
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