Freizeit | Kräuterwissen

Frühling. Terrasse. Fremde Nieskonzerte.

Für die einen ist der Frühling die schönste Zeit im Jahr: es wird wärmer, heller und die Natur erwacht. Doch für andere bedeutet das Niesen und tränende Augen.
Mädesüß ist kein Antihistaminikum, sondern ein pflanzlicher Entzündungsbegleiter.
Foto: Tamara Seyr
  • Frühling. Die ersten warmen Tage. Ich sitze auf der Caféterrasse, Sonnenbrille auf der Nase, Ruhe im Kopf. Die Vögel zwitschern, der Kaffee dampft, alles ist genau richtig.

    Am Nebentisch: Hatschi.

    Ich: „Gesundheit.“

    Er: Hatschi.

    Kurze Pause.

    Er noch mal: HATSCHI.

    Ich noch mal: „Gesundheit.“

     

    Während ich weiter meinen Kaffee trinke und ab und zu „Gesundheit“ rufe, wird mir klar: Frühling fühlt sich für jeden anders an. Für die einen ist es Aufatmen, für die anderen ein Dauerfeuer der Schleimhäute. Und irgendwo zwischen Niesen, Jucken, Hautreaktionen und tränenden Augen stellt sich die Frage: Was passiert da eigentlich im Körper – und welche Rolle spielen Haut, Immunsystem und Pflanzen dabei?

  • Die Autorin

    Tamara Seyr ist FNL Kräuterexpertin und Heilpraktikerin. Sie beschäftigt sich oft und auch lange (und oft auch ganz, ganz lange) mit den Kräutern und allem was dazu gehört. Das sind nicht nur die botanischen Namen, die Familienzugehörigkeit und die Inhaltsstoffe, sondern auch die Signaturenlehre.

    Mehr Kräuterwissen, -rezepte und -tipps gibt es auf Instagram unter @lieblings_kraeuter

    Ihr neues Buch heißt „Kräuterzwillinge“, ihr Erstlingswerk:„Klugscheißerwissen Kräuter“.

    Foto: Tamara Seyr
  • Was Heuschnupfen wirklich ist – kurz, klar und korrekt

    Heuschnupfen, medizinisch allergische Rhinitis, ist eine Fehlreaktion des Immunsystems. Bestimmte Pollen werden als Gefahr eingestuft, obwohl sie harmlos sind. Das Immunsystem reagiert mit der Ausschüttung von Histamin aus Mastzellen.

    Histamin erweitert die Blutgefäße, lässt Schleimhäute anschwellen und steigert die Sekretproduktion. Das führt zu Niesen, laufender oder verstopfter Nase, juckenden und tränenden Augen sowie einem allgemeinen Entzündungsgefühl. Die Reaktion ist also keine Entgiftung, sondern eine Immunüberreaktion.

  • Haut und Schleimhäute: sensible Grenzflächen

    Haut und Schleimhäute gehören immunologisch zusammen. Sie sind reich an Immunzellen und reagieren besonders schnell auf Entzündungsbotenstoffe wie Histamin. Deshalb zeigen sich allergische Reaktionen oft nicht nur in der Nase, sondern auch auf der Haut – etwa durch Juckreiz, Rötungen oder Spannungsgefühle.

    Die Haut ist dabei kein aktives Entgiftungsorgan im medizinischen Sinn, sondern ein Spiegel innerer Prozesse. Sie zeigt, dass das Immunsystem im Alarmmodus ist.

  • Pflanzenwissen: Regulieren statt unterdrücken

    In der Kräuter- und Pflanzenheilkunde geht es bei Heuschnupfen nicht darum, das Immunsystem „stillzulegen“, sondern es zu regulieren und Entzündungsreaktionen zu begleiten.

    Brennnessel wird traditionell bei Allergiethemen eingesetzt und enthält natürlicherweise Quercetin, ein Flavonoid, das in Studien eine stabilisierende Wirkung auf Mastzellen zeigt und damit die Histaminfreisetzung beeinflussen kann. Quercetin findet sich auch in Zwiebeln, Äpfeln und Beeren und wird in der Naturheilkunde als pflanzlicher Begleiter bei allergischen Reaktionen geschätzt.

    Mädesüß enthält Salicylate und wird traditionell bei entzündlichen Prozessen genutzt. Es kann helfen, überschießende Entzündungsreaktionen sanft abzufedern und wird in der Kräuterheilkunde eher regulierend als dämpfend eingesetzt. Wichtig ist hier die Abgrenzung: Mädesüß ist kein Antihistaminikum, sondern ein pflanzlicher Entzündungsbegleiter.

    Spitzwegerich beruhigt gereizte Schleimhäute, Holunderblüten unterstützen die Atemwege, und Stiefmütterchen wird klassisch eingesetzt, wenn sich innere Reaktionen über die Haut zeigen.

  • Johannisbeerknospen: Regulieren statt blockieren

    Beim Heuschnupfen geht es weniger darum, Symptome einfach zu unterdrücken, sondern die überschießende Immunreaktion sanft zu begleiten. Hier kommen die Johannisbeerknospen der Schwarzen Johannisbeere ins Spiel. In der Gemmotherapie werden sie traditionell bei allergischen Beschwerden eingesetzt.

    Sie werden oft als „pflanzliches Cortison“ bezeichnet – nicht, weil sie Hormone enthalten, sondern weil sie in der Erfahrungsheilkunde als entzündungsmodulierend beschrieben werden. Die Knospen sollen dabei helfen, die Reaktionsbereitschaft des Körpers zu harmonisieren und Schleimhäute zu unterstützen, ohne das Immunsystem stillzulegen.

    Gerade im Frühling, wenn Pollenflug und Immunantwort zusammentreffen, geht es nicht um Blockade, sondern um Feinabstimmung. Johannisbeerknospen stehen genau für diesen Ansatz: begleiten, regulieren und stabilisieren – sanft und im eigenen Tempo.

  • Frühling verstehen statt bekämpfen

    Während mein Café-Nachbar weiter niest und ich weiter meinen Kaffee trinke, wird klar: Frühling ist keine Einheitsjahreszeit. Für manche ist er Leichtigkeit, für andere eine Herausforderung für das Immunsystem. Haut und Schleimhäute sind dabei keine Schwachstellen, sondern sensible Frühwarnsysteme.

    Pflanzen wie Brennnessel, Johannisbeerknospen oder Mädesüß wollen nichts unterdrücken, sondern begleiten. Sie laden den Körper ein, wieder in Balance zu kommen – sanft, regulierend und im eigenen Tempo. Und manchmal reicht es schon, den Frühling nicht als Gegner zu sehen, sondern als Phase der Umstellung. Mit Sonne, Vogelgezwitscher – und gelegentlichem Hatschi am Nebentisch.