Film | Rezension

Ich nehme dein Kino, und schüttel es aus

Eher unter dem Radar fliegt der Film „The Testament of Ann Lee“. Dabei gehört er mit atemlos mitreißender Inszenierung zu den Highlights des Kinojahres.
Eine Frau tanzt umringt von anderen Menschen
Foto: Searchlight Pictures
  • Die neue Welt war Mitte des 18. Jahrhunderts ein verlockender Spielplatz für Träumer*innen, Utopist*innen und aus dem alteingesessenen Europa Verjagte. Ann Lee war eine von ihnen. Die 1736 in Manchester geborene Engländerin war maßgeblich daran beteiligt, die sogenannte „Shaker-Bewegung“ aufzubauen. Dabei handelt es sich um eine religiöse Gruppe, die in den USA zu einer von zahlreichen Freikirchen wurde. Sie verehrt Gott und drückt diese Hingabe durch einen Tanz aus, der durch die Charakteristik des Schüttelns der Bewegung ihren Namen gegeben hat. In England gab es für die Shaker keinen Platz, weshalb Ann Lee und ihre Anhänger in die USA auswanderten und dort ein neues Leben begannen. 

     

    Alle hatten die gleichen Rechte und arbeiteten zusammen am Aufbau und Erhalt der Gemeinde. 

     

    Im Zentrum der Shaker war stets Ann selbst, die als eine Art weiblicher Christus galt. Sie war Dreh-und Angelpunkt einer Gruppe, die eine vergleichsweise progressive Ansicht an den Tag legte: Männer und Frauen galten als gleich. Alle hatten die gleichen Rechte und arbeiteten zusammen am Aufbau und Erhalt der Gemeinde. Besonders Handwerk und Kreativität sollten Werkzeuge sein, um die Arbeit als solches als Gottesdienst zu betrachten. Über diese Bewegung und ihre Gallionsfigur Ann Lee hat die Regisseurin Mona Fastvold einen Film gedreht. 

  • Foto: Searchlight Pictures
  • Fastvold schrieb The Testament of Ann Lee gemeinsam mit ihrem Partner Brady Corbet, der selbst Regisseur ist und unter anderem Der Brutalist drehte. Und hier fällt schon eine Gemeinsamkeit auf: Beide, Fastvold und Corbet, verpacken ihre Geschichten in große, Patina-reiche Bilder. Auf analogem Filmmaterial und mit vergleichsweise geringem Budget gedreht (im Fall von The Testament of Ann Lee waren es 10 Millionen US-Dollar) zieht die Inszenierung förmlich in die historische Welt des Films. Von der ersten Minute an gibt die Regisseur den Takt vor, der vom Rhythmus des Schüttelns bestimmt wird. Wenn Ann Lee und ihre Anhänger erst in schwach beleuchteten Zimmern, später auf sonnendurchfluteten Weiden ihre Tänze vollführen, ekstatisch sich drehen, stampfen, singen, schreien, bebt das Kino. Und zwar als Kunstform. Die tragische Geschichte von Ann Lee wird jedoch nicht marktschreierisch erzählt, sondern mit großer Anmut, Respekt und Achtsamkeit. 

  • Foto: Searchlight Pictures
  • Im Mittelpunkt steht Hauptdarstellerin Amanda Seyfried, die sich auf eine Tour de Force begibt, ohne die leidende Frau als abgedroschenes Stereotyp zu spielen. Nie verschwindet der Mensch, und ihre Handlungen bleiben stets die Konsequenz dessen, was das Umfeld ihr auferlegt. Ann Lee reagiert nicht nur, sie bringt weiter. Nun stellt sich bei Filmen, die religiöse Führer beleuchten, stets die Frage nach der Distanz. Das Drehbuch schafft das Kunststück, Ann Lee weder zu mystifizieren oder zu glorifizieren noch spöttisch in den Dreck zu stoßen, wo Menschen wie sie aus atheistischer und religionskritischer Sicht oft landen. 

     

    The Testament of Ann Lee will das Kino aufwecken und uns an seine Wirkmacht erinnern.

     

    Vereinzelte Gesangseinlagen zeugen zusätzlich von Seyfrieds Talent, aber das wusste man nach Musicals wie Mamma Mia oder Les Misérables ja bereits. Beeindruckender ist da schon, wie sehr sie hinter der Figur verschwindet. Seyfried ist der Schlüssel zu dieser Geschichte, diesem Film, der die gesamten 136 Minuten seiner Laufzeit pulsiert, uns in den Sessel drückt. The Testament of Ann Lee will das Kino aufwecken und uns an seine Wirkmacht erinnern. Der Film schüttelt wortwörtlich das Medium wie Sven Regener in Weißes Papier die Katze, „bis alles herausfällt, was sie jemals aus meiner Hand fraß…“