Chronik | Konzerne

Digitaler Feudalismus: die neue Macht!

Wir leben in einer Zeit großer Veränderungen und der Kapitalismus hat sich grundlegend gewandelt.
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  • Doch die politischen Werkzeuge, um ihn zu verstehen und zu steuern, sind immer die Gleichen. Als der Börsenwert von Amazon erstmals die Billion-Dollar-Grenze überschritt, sprachen viele Kommentatoren von statistischen Zahlen. 

    Dabei sagt uns dieser Meilenstein etwas Entscheidendes: Reichtum entsteht heute nicht mehr nur durch den Bau von Fabriken oder die Förderung von Öl und Gas. Er entsteht durch die Kontrolle von Daten, durch Programme, die unser Verhalten beeinflussen, und durch digitale Plattformen. Kurz gesagt: durch die Privatisierung von Wissen.

    Das Kapital ist heute so konzentriert wie nie zuvor in der modernen Geschichte und es kommt nicht mehr aus der Herstellung von Gütern, sondern aus dem Besitz und der Kontrolle von Information.

    Früher galt Wissen als Allgemeingut. Universitäten, Bibliotheken und staatlich geförderte Forschung standen allen offen und sollten der Gesellschaft nützen. Dieses Erbe wurde still und systematisch zerstört.

    Konzerne wie Google, Amazon, Meta und Microsoft haben ihre Macht auf einer einfachen Idee aufgebaut: Daten und Informationen in Privateigentum zu verwandeln.

    Wer die Daten von Milliarden Menschen kontrolliert, wer die Server besitzt, auf denen sie gespeichert sind, und wer die Patente auf Algorithmen hält – die längst nicht nur unser Kaufverhalten, sondern auch unser Denken prägen –, besitzt eine Macht, die kein Konzern des 20. Jahrhunderts je hatte.

    Auch die Geschichte des Internets ist paradox: Es wurde als offenes Projekt entwickelt, zum größten Teil mit öffentlichen Geldern finanziert, und war bewusst so gebaut, dass es niemand kontrollieren konnte. Heute beherrschen wenige private Plattformen das Netz, bestimmen, was wir sehen und hören und machen dabei immer größere Gewinne.

    Es gibt heute im Wesentlichen zwei wirtschaftliche Modelle: das amerikanische und das chinesische. Ein Vergleich zeigt, dass der westliche Weg keine technologische Unvermeidlichkeit ist, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen.

    In den USA hat der Staat dem Markt freie Hand gelassen. Das Ergebnis ist ein System, das enormen Reichtum schafft, aber auch sehr anfällig ist: Es wird von der Finanzwelt dominiert, neigt zu Spekulationsblasen und bereichert wenige, während viele in Unsicherheit leben.

    In China dagegen kontrolliert der Staat die digitale Infrastruktur direkt. Die Gewinne werden zwar anders verwaltet, doch die sozialen Ungleichheiten bleiben groß. Ein Vorteil: Das chinesische System hat globale Finanzkrisen besser überstanden. Wenn aber die einzige Alternative zur unkontrollierten Privatisierung des Wissens ein autoritärer Staat ist, bleibt die Zukunft düster.

    Was ist durch diese Entwicklung mit der Arbeit passiert? Die Antwort ist einfach:

    Während die Technologie riesige Fortschritte machte, sind die Löhne vieler Arbeitnehmer kaum gestiegen.

    Der globale Reichtum ist viel größer geworden, doch das Stück für die Arbeitnehmer wird von Jahr zu Jahr kleiner.

    Um Kosten zu senken, haben multinationale Konzerne ihre Produktion aufgesplittert und in Länder mit niedrigen Löhnen verlagert. Es entstanden unübersichtliche, über den ganzen Globus verteilte Lieferketten. Sowohl der europäische Fabrikarbeiter als auch der Arbeiter der Plattformwirtschaft konkurrieren heute mit einem weltweiten Angebot an Arbeitskräften – oft ohne es zu merken.

    Die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer ist drastisch gesunken. Der moderne Kapitalismus hat die Spielregeln neu geschrieben. Und die künstliche Intelligenz beschleunigt diesen Prozess weiter: Maschinen ersetzen immer mehr Menschen, was den Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen weiter erhöhen wird.

    In diesem Umfeld verlieren Nationalstaat und Gewerkschaften an Macht. Der Staat hat seine Rolle als Regulator fast zur Gänze aufgegeben und dem Kapital weitreichende Freiheiten eingeräumt, ohne internationale Steuerungsinstrumente zu schaffen. Die Gewerkschaften kämpfen in einem immer engeren Rahmen, das auf einzelne Unternehmen oder Länder begrenzt ist, während das Kapital global handelt.

    Die Herausforderung ist klar und duldet keinen weiteren Aufschub: Um das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Kapital wiederherzustellen, müssen sich Institutionen und Arbeitnehmer global neu organisieren, so wie das Kapital es längst tut. Der Mindestrahmen dafür muss europäisch sein.

    Eine europäische Gewerkschaft, die direkt mit Konzernen verhandeln kann, eine einheitliche Steuer auf digitale Gewinne und ein harmonisiertes Steuersystem wären mächtige Instrumente. Ergänzt werden sollten sie durch ein universelles Sozialsystem, das allen Arbeitnehmern und Bürgern einen Grundschutz garantiert.

    Ist das realistisch? Es braucht dazu eigentlich nur politische Entscheidungen und diese sind heute notwendiger denn je. Wissen darf keine bloße Handelsware sein.

    Mit der künstlichen Intelligenz wird sich der Kapitalismus weiter verändern und beschleunigen.

    Es liegt an der Politik und an uns allen zu entscheiden, ob diese Veränderungen dem Wohl der Gesellschaft dienen sollen oder nur einer immer kleineren Elite.

    Werden wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und eine gerechtere Gesellschaft aufbauen? Oder lassen wir uns weiterhin von den Ereignissen überrollen und übersehen dabei, dass die Zukunft längst begonnen hat?

    Alfred Ebner