Gesellschaft | LGBTQIA+

Vibes statt Großparade

Ein Jahr nach der ersten Pride in Bozen setzt man 2026 auf „Pride Vibes“ im ganzen Land und erneuert politische Forderungen. 2027 ist wieder eine Parade geplant.
Pride 2025
Foto: Seehauserfoto
  • Dass die bunte Pride-Parade erstmals durch Bozen gezogen ist, jährt sich am 28. Juni zum ersten Mal. Anstatt eines großen Events wird es heuer mehrere kleinere Veranstaltungen in ganz Südtirol geben. Heute präsentierte Südtirolo Pride gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern verbündeter Initiativen das Juni-Programm der „Pride Vibes“. 

    „Dieses Jahr war es uns besonders wichtig, die Aufmerksamkeit – die 2025 durch den Pride-Umzug verstärkt wurde – auf jene Gruppen und Initiativen zu lenken, die sich jeden Tag vor Ort engagieren. Das betrifft nicht nur Bozen, sondern auch andere Orte in Südtirol“, betont Madu Alber von Pride Südtirol Alto Adige. Die Pride-Organisatoren wissen, dass es schwierig ist, langfristig aktivistisch tätig zu sein und kontinuierlich dranzubleiben. „Unsere ideale Vorstellung wäre es daher, ein Netzwerk auch zwischen kleineren Initiativen aufzubauen, damit sie sich gegenseitig langfristig unterstützen können“, so Alber.

  • Veranstaltungen der „Pride Vibes“

    • Swap Party goes Queer (11. Juni im Haus Goethe in Bozen von 17 bis 20:30 Uhr): Kleidertausch
    • Spritzami Pride (13. Juni im Bozner Pfarrhof ab 17:30 Uhr): Aperitivo
    • Queer Beers (17. Juni in der Bar Linmone (Dreiheiligengasse 1 – Bozen) ab 18 Uhr): Drinks und Gespräche
    • Pride Month in Bruneck (19. Juni 10 – 20 Uhr): Bemalung eines Zebrastreifens, Gestaltung eines Teppichs mit der Künstlerin Sylvie Riant und Vortrag von Tobias Stampfer und Stefani Hartl
    • Pride and Prejudice – The Queer Is Now! (20. Juni im Meraner Ost West Club ab 19 Uhr): Ausstellung „A.M.O.“ von Antonio Ferrari, KNÖDEL ASSASSINO Party, FAG Pop Music and DRAG FAB show
    • Queer Peers (23. Juni 19:30 online): Ein erstes Treffen, bei dem sich Menschen der LGBTQIA+-Community austauschen können

    Weitere Informationen 

  • Im Waaghaus: ...präsentierte Südtirolo Pride heute gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern verbündeter Initiativen das Juni-Programm der „Pride Vibes“. Foto: SALTO/ahh
  • Adele Zambaldi von Südtirolo Pride betonte bei der heutigen Pressekonferenz im Waaghaus, dass die verschiedenen Initiativen miteinander vernetzt werden sollen: „Auch die kleineren Aktivitäten dieses Jahres zielen auf den Schutz und die Achtung von Minderheiten, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und die Förderung der Menschenrechte ab. Wir verstehen Queerness als ein Modell des Kampfes für die Befreiung aller und damit für die kollektive Aufhebung festgefahrener Normen“, sagt Zambaldi.

  • 2027 wird wieder bunt gefeiert

    Einen Pride-Umzug wie 2025 wird es erst im nächsten Jahr wieder geben. „Wir arbeiten bereits an der Organisation der Pride für das kommende Jahr – das ist derzeit unser Hauptfokus. Gleichzeitig versuchen wir, uns stärker zu vernetzen, damit wir nicht allein dastehen“, meint Christian Contarino, Präsident von Pride Südtirol Alto Adige. Die verfügbaren Ressourcen für eine solche Organisation seien begrenzt, weswegen die Zusammenarbeit besonders wichtig sei. 

     

    „Die Regenbogenflagge ist ein Symbol, und es ist kein Geheimnis, dass sie mit politischen Forderungen verbunden ist.“

     

    Denn Wirkung gezeigt habe der Pride-Umzug im vergangenen Jahr durchaus: „2025 sind die Meldungen zu Diskriminierungen aufgrund sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität stark gestiegen, während sie dieses Jahr wieder zurückgegangen sind. Sehr wahrscheinlich hat die Südtirolo Pride Menschen ermutigt, sich zu wehren“, erläutert Priska Garbin, Verantwortliche der Antidiskriminierungsstelle der Provinz Bozen. Außerdem habe der Pride-Umzug nicht nur Menschen zusammengebracht, sondern auch „neue Initiativen hervorgebracht und innerhalb der Südtiroler Zivilgesellschaft ein neues Bewusstsein geschaffen“, betont der Präsident von ANPI, Guido Margheri, auf der Pressekonferenz.

  • Landesgesetz gefordert

    Auf der Pressekonferenz wurden auch die konkreten politischen Forderungen der Pride-Aktivistinnen und Aktivisten in den Vordergrund gerückt: „Wir fordern die Verabschiedung eines Landesgesetzes gegen Gewalt und Diskriminierung gegenüber der LGBTQIA+-Community, so wie es bereits in Regionen wie dem Piemont und in der Emilia-Romagna vorhanden ist“, unterstreicht Zambaldi. Die gesetzliche Grundlage soll emotionale und sexuelle Bildung in Grund- und Mittelschulen zur Pflicht machen. Denn Italien ist eines von sieben Ländern der EU, in denen Prävention auf dieser Ebene nicht gegeben ist.

  • Aktivistin Adele Zambaldi: „Wir verstehen Queerness als ein Modell des Kampfes für die Befreiung aller und damit für die kollektive Aufhebung festgefahrener Normen.“ Foto: Andy Odierno/SALTO
  • „Wir haben diese Forderung bereits im vergangenen Jahr als eine unserer zentralen politischen Anliegen formuliert. Dadurch wären solche Maßnahmen nicht nur vom Engagement einzelner Personen abhängig, die unseren Werten besonders nahestehen, sondern würden zu einem allgemein getragenen Bestandteil dessen werden, was wir auf Provinzebene für richtig halten“, so Alber.

  • Regenbogen für den Wandel

    Auch die Anti-Flaggen-Rhetorik von Mitgliedern der Landesregierung – insbesondere durch Vize-Landeshauptmann Marco Galateo (Fratelli d’Italia) sowie erst kürzlich durch Roland Stauder, den Obmann der Freiheitlichen – war am Rande der Pressekonferenz Thema: „In dieser Debatte möchte ich eigentlich der Kontroverse um die Flagge nicht noch mehr Aufmerksamkeit geben“, sagt Alber. „Die Regenbogenflagge ist ein Symbol, und es ist kein Geheimnis, dass sie mit politischen Forderungen verbunden ist“. Da es die Diskriminierung von Menschen der LGBTQIA+-Community nach wie vor gibt, sei es notwendig sich hinter die Flagge zu stellen, deren politische Forderungen weiterzutragen und konkret über die Lebensrealitäten der Menschen zu sprechen. Es sei bedauerlich, dass die Politik weiterhin abwartet, obwohl es auf gesellschaftlicher Ebene deutlich mehr Sichtbarkeit und Solidarität gibt. „Ziel ist, dass alle Bürgerinnen und Bürger in Südtirol und darüber hinaus in Würde, mit Anerkennung und Gerechtigkeit leben können“, so Alber. 

  • Die Regenbogenflagge: sorgt in der Südtiroler Landesregierung für Spannungen. Foto: SALTO/HM
  • Mehr Sichtbarkeit

    Ebenfalls vorgestellt wurde die Sozialgenossenschaft Eklektika, die über das Oral-History-Projekt „Immer Hier“ die Geschichten von queeren Menschen in Südtirol sammelt und sichtbar machen will. Das Projekt dokumentiert in Interviewform die Lebensgeschichten von Personen der LGBTQIA+-Community - mit besonderem Fokus auf Menschen aus den Tälern Südtirols.

     

    „In Südtirol gibt es nach wie vor Situationen, in denen es schwierig ist, sich zu outen.“

     

    Bisher wurden rund 20 solcher Interviews geführt, weitere sollen folgen. Die Gespräche zeichneten dabei laut Martine De Biasi, der Projektleiterin,ein differenziertes Bild: „In Südtirol gibt es nach wie vor Situationen, in denen es schwierig ist, sich zu outen. Es gibt viel Homophobie und Unverständnis der Community gegenüber.“ Während viele Betroffene weiterhin von Vorurteilen und Diskriminierung berichten, gebe es aber auch „sehr wohl viele Menschen, die auch in den Tälern Südtirols vollkommen offen sind, wo Familien voll hinter ihren Kindern stehen“, berichtet De Biasi.

    In einer zweiten Projektphase sollen die Interviews über Schautafeln in Bibliotheken und anderen öffentlichen Einrichtungen in verschiedenen Südtiroler Gemeinden zugänglich gemacht werden. Über QR-Codes können dabei die zugehörigen Audioaufnahmen direkt abgerufen werden. Die Umsetzung dieser Phase ist für Herbst 2026 geplant und wird von der Fachstelle Gewaltprävention im Forum Prävention begleitet.