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Politik | Sie haben gut reden

Gemeinsam verfeindet

Wirth Anderlan spricht kommenden Mittwoch im EU-Parlament in Straßburg über Europas Schutz. Die einen wissen nicht, was sie schützen, die anderen nicht, was sie zerstören.

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Jürgen Wirth Anderlan spricht in Strassburg vor dem EU-Parlament. Hear, hear! Vor einigen Jahren hat er noch schauerromantische Rap-Songs komponiert und mit Vorladern aus dem ersten Weltkrieg geballert. Reden wird der steigende Stern der Rechten über den Schutz Europas. Der Auftritt ist Teil des großen politischen Programms Save Europe Act. Es geht um den Schutz Europas, um den Erhalt der „ethno-kulturellen Identität“, wie es im Text heißt, unseres Kontinents. 

Diese ethno-kulturelle Identität ist ein nebulöser, wenn auch unverwechselbar nach Bratwurst riechender Begriff. Gewiss ist, dass, was immer uns Europäer ausmacht, von der liberalen Tradition der europäischen Linken seit mehr als hundert Jahren inbrünstig angegriffen wird. Die klassischen Antitraditionalisten, wie R. Musil, K. Kraus, später T. Adorno und J. Derrida, schossen ihre scharfen Pfeile gegen das ideologische Bollwerk Europa. Kritisieren, statt selbst etwas vorzuschlagen, ist etwas billig; aber immerhin war deren Kritik so geschliffen, dass man sich gerne von ihnen kratzen ließ. Den heutigen Linksliberalen, deren Groß sich aus Champagnersozialisten à la Elly Schlein sowie aus blasierten Künstlern rekrutiert, fehlt nebst dem Stil ihrer Vorgänger auch der Feind, auf den sie ihre Geschütze zu richten vermögen. Was sind etwa heute unsere europäischen Werte, deren Schutz angegriffen werden könnte? 
 

Die Linken haben weder einen zu kritisierenden, geschweige denn einen eigenen Inhalt. Seltsam genug, doch genau Letzteres haben sie mit den verhassten Rechten gemeinsam. 
 

Wenn im Save Europe Act vom Schutz der Werte und Traditionen Europas die Rede ist, so stelle ich mir die Frage: Von welchen Werten und Traditionen ist überhaupt die Rede? Die antiken Griechen glaubten sowohl an die Sklaverei als auch an die Philosophie. Erstere haben wir abgelehnt, letztere übernommen. Maria Theresia glaubte sowohl an ihr Königtum durch Gottes Gnaden als auch an die Schulpflicht. Erstere Vorstellung lehnen wir als Demokraten ab, letztere ist Gesetz. 

Was genau wir von den europäischen Werten überliefern und somit schützen wollen, setzt eine inhaltliche Auseinandersetzung, vielleicht sogar etwas Bildung voraus. Eben dies fehlt, weshalb wir nicht wissen, worüber im ganzen politischen Palaver überhaupt die Rede ist. Dennoch kann der Mangel an Inhalten identitätsbildend sein. Indem sich unsere Localmatadores Freiwild bedroht, verflucht und verdammt gerieren, täuschen sie eine schauerliche Wahrheit vor, die sie vermeintlich schützen. Das Täuschungsmanöver ist nicht nur ein lyrisches Beleidigtsein der Künstler, sondern auch eine politische Pose der Chefideologen der AfD, z.B. von Alexander Gauland. In seinen Werken und Reden macht er viele Worte über die konservative Haltung, doch verrät er nicht, was es zu konservieren gilt.  Dabei wird von der linken Gegenseite der Rechten so vehement das Wort verboten, dass niemand merkt, dass die grimmigen Herrn nichts zu sagen haben. Die einen können nicht ohne die anderen: Politisch bis aufs Blut verfeindet, ist das arme Europa in seiner Inhaltslosigkeit vereint.