Kultur | Ausstellung

Skater im Gefängnis

Die beiden Künstler und Freunde Pablo Perra und Philipp Klammsteiner stellen in der Gefängnisgalerie in Kaltern aus. Sie zeigen Märchenhaftes. In Bild und Text.
Nora Sölva

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„Meine erste Begegnung mit Philipp Klammsteiner begann auf einem Skateplatz. Während wir fuhren, sprang er mit einem sauberen Ollie über zwei Boards – ein Moment, der Eindruck hinterließ“, erinnert sich Pablo Perra im Rahmen der Ausstellung „Es war einmal...“, welche gestern in Kaltern eröffnet wurde. Später wurden beide Freunde. Sie sind es geblieben und haben sich für die Ausstellung gegenseitig erinnert und beschrieben.

Klammsteiner prägte die lokale Skate- und Graffiti-Szene mit viel Gespür für Stil, Musik und Kultur. Seine ikonischen Disney-Hände markieren den Übergang vom klassischen Graffiti zur Street Art. „Ich hab mich sehr gefreut, dass er mich zu dieser Ausstellung eingeladen hat und ich bin sehr gespannt darauf zu sehen wie diese Ausstellung zusammen funktionieren wird“, sagt Perra.
 

Was sich dort abspielte traute sich bis auf den heutigen Tag niemand niederzuschreiben.

Gruß aus der Zelle: Im Zeichen eines Wimmelbildes. Eine Arbeit von Pablo Perra. Nora Sölva

Dass die Ausstellung tatsächlich einwandfrei funktioniert, davon können sich Besucherinnen und Besucher seit gestern selbst überzeugen. „Pablo lernte ich Mitte der 1990er-Jahre kennen. Während ich bereits seit einiger Zeit in der Skateboard- und Graffiti-Szene aktiv war, gehörte er damals zur neuen Generation“, erzählt Klammsteiner über seinen Weggefährten. „Schon früh fiel sein Stil innerhalb der Szene auf, und mir wurde schnell klar, dass er einen besonderen Zugang zur Kunst hatte. Er besaß schon immer die Fähigkeit, seinen Arbeiten etwas Eigenständiges und Unverwechselbares zu verleihen“.

Viele Freundinnen und Freunde von früher waren zur Eröffnung am Donnerstag ins touristisch stark frequentierte Kaltern gepilgert, um in der kühlen Gefängnisinsel gemeinsam mit den beiden Künstlern anzustoßen, über die 1980er- und 1990er-Jahre zu sprechen und ihre zeitgenössische Kunst in der Gegenwart zu erleben.

Es war einmal... eine Eröffnung: Philipp Klammsteiner (Künstler), Irene Hell (Präsidentin Gefängnisgalerie) und Pablo Perra (Künstler) Nora Sölva

Mit seinen Illustrationen erschuf Perra bereits früh besondere Bildwelten, die den Betrachter und die Betrachterin unmittelbar in eine Geschichte hineinziehen. Während seines Studiums in Braunschweig verloren sich die beiden Freunde zeitweise aus den Augen. Mit dem Umzug nach Berlin begann Perra Art Toys zu produzieren und etablierte sich als Künstler. Seit über 15 Jahren entstehen in seinem Studio unter anderem Actionfiguren für die Berliner Hip-Hop-Szene. „Was mich jedoch bis heute am meisten an seiner Arbeit fasziniert, ist die spürbare Nostalgie der 1980er-Jahre, die sich konsequent durch sein Werk zieht und uns auch persönlich stark verbindet“, meint Klammsteiner über den Kollegen Perra. „Gleichzeitig erkenne ich in seinen Arbeiten viele Parallelen zu meinem eigenen Schaffen.“
 

Ein knackig-frischer Seitenhieb auf die Südtiroler Apfel- und Speck-Apostel?

Handgemachte Monster: Ob Hänsel und Gretel, der Daumenlutscher oder die Bremer Stadtmusikanten – Altbekanntes haben die beiden Künstler neu arrangiert und mit spitzen gesellschaftskritischen Anspielungen versehen. Nora Sölva

Zu sehen sind in der Ausstellung auch immer wieder von Klammsteiner geformte vergiftete Äpfel. Ein knackig-frischer Seitenhieb auf die Südtiroler Apfel- und Speck-Apostel? Die rot-verzierten Äpfel begegnen den Betrachterinnen und Betrachtern auf Augenhöhe (oder auch nicht). Hineinbeißen ist keine gute Idee. Eine gemeinsame Arbeit erwartet die Besucher am Eingang. Sie zeigt Schneewittchen und sieben Zwerge, die ein Selfie mit dem Smartphone machen. Immer wieder sind auch die typischen Like-Daumen von Klammsteiner eingearbeitet. Wer sich in Perras gewaltige Bildwelten, die an Hieronymus Bosch erinnern, verlieren möchte, kann in die Untiefen moderner Märchen eintauchen. Immer prall gefüllt mit Verweisen auf Vergangenes.

Neben den Objekten im Raum ist auch ein Märchen in Textform entstanden.

Das Märchen von Kaltern

Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit im Herzen eines kleinen Dorfes ein altes Haus, um welches die Menschen einen weiten Bogen machten. Besser war es sich nicht darin zu verirren, denn düstere Geschichten umschlingen seine morschen Mauern.
Man munkelte, in jenem Gemäuer gehe es nicht mit rechten Dingen zu. Alles, was die Menschen aus Märchen, Sagen und alten Erzählungen kannten, soll sich dort in verzerrter Gestalt offenbaren. Die vertrauten Bilder aus Kindertagen verwandelten sich in schaurige Wesen und wandelten durch die finsteren Kammern des Hauses.
Viele, die den Mut fanden, seine Schwelle zu überschreiten, wurden nie wieder gesehen. Andere kehrten wohl zurück, doch waren sie nicht mehr dieselben. Ihre Augen blickten leer, ihre Worte klangen wirr und voller Schrecken. Sie berichteten von grausamen Kreaturen, deren Anblick selbst den Tapfersten das Herz erstarren ließ. Sie erzählten von sonderbaren Welten und Dimensionen mit verzerrter Realität. Manche behaupteten gar, sämtliche Märchen, wie man sie kannte, seien nichts als Irrtum und Lüge.
Doch ungeachtet aller Warnungen fanden sich zwei Freunde, sehr wohl als Narren bekannt, die dem Schicksal trotzen wollten. Von Neugier und Übermut getrieben, beschlossen sie, eine ganze Nacht in dem verfluchten Hause zu verbringen.
Was sich dort abspielte traute sich bis auf den heutigen Tag niemand niederzuschreiben. Doch wer genügend Mut – oder Torheit – besitzt, dem stehen die Türen des Hauses noch immer offen …

Rucke di guh, rucke di guh: Aschenputtel in Kaltern? Eine Arbeit von Philipp Klammsteiner. Nora Sölva

„Der Kontrast zwischen rauer Realität und fiktionalen Elementen, den Perra in seinen Werken vereint, findet sich auch in meiner Arbeit wieder“, merkt Klammsteiner an. „Wahrscheinlich waren genau das die Gründe, weshalb ich sofort an Pablo denken musste, als ich gefragt wurde, eine Ausstellung im Gefängnis zu realisieren. Ich wollte schon immer gemeinsam mit ihm ein Projekt umsetzen – und diese Ausstellung erschien mir als die perfekte Gelegenheit dafür.“

Düsteres und Heiteres: Pablo Perra und Philipp Klammsteiner stellen gemeinsam in der Gefängnisgalerie aus. Nora Sölva

Es war einmal...

Die Ausstellung in der Galerie „GefängnisLeCarceri“ in Kaltern bleibt bis 2. August zugänglich. Mehr Infos finden Sie hier.