Bühne, Wandel und weibliche Kraft
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Jetzt S+ abonnierenSALTO: Frau Posch, was fasziniert Sie an der Schauspielerei?
Krista Posch: Es ist die Verwandlung, diese Möglichkeit, sich in einer anderen, dichterisch ausgedachten Lebensgeschichte auch selbst zu entdecken. Es war für mich besonders in meinen Anfangsjahren ein echtes Bedürfnis.
Sie haben mit zahlreichen Regisseurinnen und Regisseuren gearbeitet. Was macht für Sie gute künstlerische Zusammenarbeit aus?
Der Dialog. Und die Chemie – ein „blindes“ Verstehen und Vertrauen. Wenn mir ein Raum gegeben wurde, in dem ich geschützt war und frei kreativ sein durfte, war das wie Fliegen am Ende. Ist nicht oft passiert (lacht).
Zur Person
Krista Posch ist Schauspielerin, Sängerin, Moderatorin und Synchonsprecherin. Sie hat in vielen Kino-, Fernsehfilmen und Fernsehserien mitgewirkt. Auch in Hörspielen und auf der Theaterbühne war sie für viele Jahre eine feste Größe. Als Synchronsprecherin lieh sie ihre Stimme unter anderem Charlotte Rampling und Julie Christie.
Wenn Sie auf die Anfänge Ihrer Karriere zurückblicken: Wie war es damals, als Frau im Theaterbetrieb? Hat sich heute etwas verändert?
Spontan fällt mir ein, dass man als Frau weniger Gage bekam. Das war ganz normal und hat sich bis heute nicht geändert. Das zweite Thema sind Übergriffe, verbal und physisch, auch die waren damals normal. Nur ein Beispiel: Bei meinem ersten Engagement auf einer Szenenprobe am Düsseldorfer Schauspielhaus steckte mir der alte Kollege beim vorgesehenen Kuss seine Zunge tief in den Hals und meinte nachher, er wollte, dass ich die Situation „echt empfinden“ kann … Ich war geschockt. Aus Scheu habe ich niemandem etwas gesagt. Heute wäre das anders (lacht).
„Übergriffe werden nicht mehr als Kavaliersdelikte abgetan.“
Seit #MeToo fallen mir immer mehr „Kleinigkeiten“ diesbezüglich ein – aus den 80ern und 90ern, auf Bühnen und beim Drehen. Aber es tut sich was, endlich, und Übergriffe werden nicht mehr als Kavaliersdelikte abgetan.
Gibt es eine Form weiblicher Stärke, die in unserer Gesellschaft oft übersehen wird?
Eindeutig JA. Wenn Frauen in ihrer Kindheit nicht allzu stark auf Unterwerfung und Anpassung getrimmt wurden, was ja leider immer noch zu oft geschieht, haben sie auf intuitive Weise das Nährende, das Erhaltende, das Lösungsorientierte in sich. Da bin ich überzeugt davon. Frauen sind meiner Ansicht nach der Power-Akku unserer Gesellschaft. Ich möchte übrigens unbedingt ergänzen, dass es immer mehr Menschen jeden Geschlechts gibt, die diese starke nährende Kraft in sich haben und sie auch zeigen. Was könnten wir für eine Welt sein…Für mich gibt es eine kosmische Urkraft, die in jedem Menschen enthalten ist, aber durch Konditionierung und Anpassungsdrill verschüttet wurde. Sie ist gesellschaftlich ja auch nicht unbedingt erwünscht, glaube ich, denn wer innerlich kraftvoll ist, lässt sich nicht so leicht kontrollieren…
Viele Schauspielerinnen berichten, dass sie mit zunehmendem Alter unsichtbar werden. Wie sehen Sie das?
Das ist eine Tatsache, ja, hauptsächlich in Film und TV. Schon ab 40+ ist es für viele schwierig, wenn sie nicht schon zur obersten Liga gehören. Auch Schauspielerinnen 60+ zeigen sich kaum mit grauem Haar, lassen „was machen“ aus Angst vor Unsichtbarkeit. Drehbücher, in denen Omas oder 70jährige vorkommen, werden umgeschrieben und die Frauenrollen verjüngt. Eine Generation wird so gut es geht ausgeblendet. Während Diversity angekommen ist, sind Frauen um die 70 jedenfalls noch extrem selten zu sehen. Ich hatte Glück, dass ich mit meinem kurzen Silberkopf noch ein paar Mal gedreht habe in den vergangenen Jahren. (lacht)
Neben Ihrer künstlerischen Arbeit beschäftigen Sie sich seit vielen Jahren mit Spiritualität und Energiearbeit. Wie begann dieser Weg?
Eine künstlerische Krise war ausschlaggebend, eine sinnlos aufreibende Theaterarbeit, und da meist auf mich zukommt, was ich gerade brauche – ist bei uns allen übrigens so – bin ich, um es kurz zu machen, einem Menschen begegnet, der energetische Seminare anbot. Mit dessen Energie ging ich spontan heftig in Resonanz. Als ob ich darauf gewartet hätte. Es war nichts Religiöses, es ging um energetische Räume, die ich in mir daraufhin öffnen konnte und später auch in anderen Menschen, wenn sie sich mir anvertrauten. Weitere Ausbildungen für metaphysische Arbeit folgten, die mir viel Freude gemacht haben, und durch mich dann auch anderen…
Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Schauspiel und spiritueller Arbeit?
Spiritualität ist für mich etwas Vitales, nichts Weihgeräuchertes, etwas, was im realen Leben zu spüren ist… Wandel ist alles. Auch beim Schauspielen geht es um Transformation, ums Verwandeln, um Räume, die zu öffnen sind. In die hat dann das Publikum Zugang, wenn es sich darauf einlässt, sich berühren lässt.
Viele Menschen suchen heute Orientierung und Halt. Was fehlt uns Ihrer Meinung nach oft?
Die Kirche, einst ein wichtiger Halt für viele, hat mit ihrer eigenen stockenden Aufarbeitung zu tun… Die sozialen Medien hetzen die meisten Menschen weg von sich selbst. Wir suchen Anerkennung im Außen, wir wollen, dass in einer Beziehung der oder die Andere uns glücklich macht. Das kann nicht klappen. Wir dürfen einfach bei uns selbst anfangen, Halt zu finden.
Das Wort SELBSTLIEBE kommt mir in den Sinn. Die fehlt uns. Die ist heilsam und hat nichts mit Egoismus oder Eigensucht zu tun. Wir mögen uns selbst nicht, wir wertschätzen zu wenig, was wir als einzelner Mensch schon geschafft haben. Und erst wenn wir lernen – es hat uns ja keiner beigebracht in Familie oder Schule! – uns selbst zu lieben, freundlich über uns selbst zu sprechen und mit uns selbst zu sein, werden wir glückliche intime oder freundschaftliche und wertschätzende Beziehungen haben. Und das zieht dann Kreise im eigenen Umfeld, und diese Kreise begegnen weiteren...
Sie begleiten Menschen in Meditationen und spirituellen/energetischen Prozessen. Was berührt Sie dabei besonders?
Oh, die Blicke, die Tränen, wenn sich etwas gelöst hat, der erstaunte, satte Gesichtsausdruck nach einer energetischen Übertragung oder Behandlung, das Schweigen nach einer Sitzung, das dankbare Feedback, das mich oft erst am nächsten Tag per Nachricht erreicht, der Anruf mit der Bitte um weitere Sitzungen, oder um die Fortsetzung einer Ausbildung.
„Alles hängt zusammen, wenn man bewusst schöpferisch ist.“
Welche Rolle spielt Intuition in Ihrem Leben?
Intuition leitet mich tatsächlich, lässt mich immer klarer JA oder NEIN sagen. Und ich lerne manchmal schmerzhaft, wenn ich eher vom Kopf her entscheide, und das leise hartnäckige Klopfen der Intuition überhöre.
Sie sind auch Autorin. Warum ist es Ihnen wichtig zu schreiben?
Zum Schreiben bin ich über meine Chansontexte gekommen, die mir leicht (zu)fielen und für meine Fantasie ein gutes Ventil waren. Seit eineinhalb Jahren schreibe ich mit Unterbrechungen an einem ersten Roman – mal sehen, ob was draus wird. Schreiben ist eben auch eine weitere Art, Räume in einem selbst zu öffnen und im besten Fall für Leserinnen und Zuhörer. Alles hängt zusammen, wenn man bewusst schöpferisch ist.
ALCHEMILLAndo
Alchemilla ist der lateinische Name des Frauenmantels. Diese Pflanze ist die Namensgeberin des feministischen Vereins „Alchemilla“ mit Sitz in Bozen. Seit beinahe 30 Jahren geben die Alchemillen den Südtiroler Frauenkalender heraus.
Die SALTO-Reihe „ALCHEMILLAndo“ leitet sich vom Vereinsnamen ab. Sie greift Themen des Kalenders auf, dient als feministischer Auf- und Zwischenruf und lädt zum Nachdenken und Vertiefen ein. Sie erscheint ab nun am 8. Tag jeden Monats; alle Texte sind von Alchemillen für SALTO verfasst unter der Koordination von Heidi Hintner.
Wenn Sie Frauen etwas mitgeben könnten – was wäre das?
Das hinge natürlich von der jeweiligen Frau ab, jede steht individuell an einem anderen Punkt in ihrem Leben. Aber generell vielleicht so: Beginne zu Dir selbst zu stehen. Im Kern weißt du längst ganz genau was passt und was hinderlich ist. Es geht nicht darum, alle bisherigen Verhaltensweisen über den Haufen zu schmeißen – die haben dich ja auch geschützt. Aber wenn du jetzt merkst so geht es einfach nicht weiter, der ganze Körper und die Seele rebellieren, dann versuche nach und nach einmal mehr „nein“ zu sagen anstatt einer halbherzigen Zustimmung (wozu auch immer)… oder sage „ja“ zu etwas, wofür du so lange keinen Mut hattest. Das setzt wunderbare Energien frei! …Das würde ich sagen.
Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz und welche Niederlage war rückblickend ein Geschenk?
Als ein schon fast fest zugesagter Film platzte, auf den ich mich gefreut hatte, habe ich begonnen, Texte zu schreiben, um das offene Zeitfenster kreativ zu füllen; Musiker fanden sich daraufhin ein, aus heiterem Himmel, ich gründete eine Band, und meine Solo-Abende entstanden. Ich sang eigene Texte, die mir auf den Leib komponiert worden waren, habe zum ersten Programm auch eine CD produziert. Das alles war ein Geschenk insofern, als ich wieder die Möglichkeit hatte, mich neu zu erfinden. Zu lernen, Fehler zu machen, weiter zu lernen. Mit einigen meiner Chanson-Abende habe ich auch in Bozen gastiert, erinnere ich mich gerade.
Wenn die Menschen nach diesem Gespräch nur einen Gedanken von Ihnen mitnehmen könnten – welcher sollte das sein?
Da fällt mir ein Satz ein, den mir meine Mutter, die sich wahrscheinlich nicht immer an diesen Satz gehalten hatte, geschenkt hat, als ich sehr jung war. In meinem Mittel-Alter begann er zu greifen und tut inzwischen richtig gut. (lacht) Er lautet:
Was andere über Dich denken und sagen, hat nichts mit Dir zu tun.
Lass das wirken und sag Dir das im passenden Moment.