Wenn Zahlen Politik machen
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Zahlen können sehr überzeugend wirken. Wenn man eine Tabelle oder ein Diagramm sieht, denkt man oft, dass es sich um Fakten handelt, die man nicht in Frage stellen kann. Doch genau das ist das Problem, sagt der Mathematiker Gerd Bosbach. Zusammen mit Jens Jürgen Korff hat er ein Buch geschrieben, in dem sie zeigen, wie Zahlen manipuliert werden können.
Ein gutes Beispiel dafür ist der Vatikan. Wenn man die Kriminalitätsrate dort berechnet, kommt man zu dem Ergebnis, dass der Vatikan die höchste Kriminalitätsrate der Welt hat. Das klingt dramatisch, aber es ist ein einfacher Rechentrick. Man teilt die Straftaten durch die Einwohnerzahl, aber die 18 Millionen Touristen, die jedes Jahr durch den Vatikan kommen, werden nicht berücksichtigt. Wenn man die falsche Bezugsgröße wählt, kann man aus einer harmlosen Zahl eine Schlagzeile machen.
Ein weiteres Beispiel sind die Piloten. Jahrzehntelang hieß es, dass Piloten besonders früh sterben und deshalb schon mit 55 in Rente gehen müssen. Doch die Statistik, die dahinter steckt, stammt aus einer Zeit, in der es kaum alte, pensionierte Piloten gab. Wer starb, war fast automatisch jung, und es war kein Berufsrisiko, sondern reine Mathematik, die falsch gelesen wurde.
Manchmal sind solche Fehler jedoch kein Versehen. Bosbach kennt das aus eigener Erfahrung: Verbände jonglieren bewusst mit dem Ausgangsjahr einer Statistik, um ihre Ziele zu erreichen. Wenn eine Honorarkürzung droht, nimmt man ein besonders gutes altes Jahr als Vergleich, und schon sieht die Gegenwart nach einem dramatischen Verlust aus. Steht eine Vorstandswahl an, wählt man stattdessen ein schwaches Jahr als Basis, und plötzlich gibt es ein sattes Einkommensplus zu feiern. Die Zahlen bleiben dabei identisch, nur der Vergleichspunkt entscheidet, welche Geschichte man erzählt.
Das gleiche Phänomen funktioniert auch im Großen. Seit den 1990ern ist ständig von der „Kostenexplosion“ im Gesundheitswesen in Deutschland die Rede, um Zuzahlungen und Kürzungen zu rechtfertigen. Doch bei genauerem Hinschauen stimmt das gar nicht, behauptet Bosbach. Die Gesundheitsausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt sind nicht stärker gestiegen als andere Haushaltsausgaben. Das eigentliche Problem sitzt woanders, bei den Einnahmen. Löhne wachsen seit 1995 langsamer als die Wirtschaft, und Niedriglöhne und prekäre Jobs nehmen zu. Man redet trotzdem lieber über Ausgaben als über Einnahmen, weil es einfacher ist, wenn man privatisieren will.
Die Arbeitslosenstatistik ist ein weiteres Beispiel. Wer in Deutschland eine Weiterbildung macht, gilt nicht als arbeitslos. Wer am Stichtag krank ist, fällt aus der Zählung. Über-58-Jährige, die seit Jahren kein Jobangebot mehr bekommen, verschwinden komplett. Zählt man alles zusammen, liegt die echte Unterbeschäftigung nach Bosbachs Rechnung um mindestens zwei Millionen über der offiziellen Zahl. Die Statistik ist nicht gefälscht, aber die Bemessungskriterien entsprechen nicht dem, was die meisten Bürgerinnen und Bürger glauben.
Selbst bei der Demografie wird kräftig übertrieben.
Prognosen über 50 Jahre gelten unter Statistikern als unseriös, denn zu viele Umbrüche können alles kippen. Die Vergangenheit war durch zwei Weltkriege, die Pille, die Wiedervereinigung, Migrationswellen und ähnliche Ereignisse geprägt.
Obwohl solche Ereignisse laut Bosbach die Prognosen über den Haufen werfen, wird regelmäßig mit dem „Aussterben der Deutschen“ Angst geschürt. Übersehen wird dabei ein einfacher ökonomischer Zusammenhang: Wie gut eine Gesellschaft ihre Rentner versorgen kann, hängt nicht allein von der Kopfzahl der Erwerbstätigen ab, sondern von deren Produktivität.
Was also tun, wenn man selbst keine Statistikausbildung hat? Bosbach und Korff schlagen vier einfache Fragen vor, die jeder stellen kann. Erstens: Wer wurde überhaupt gezählt, und wer wurde ausgeschlossen? Zweitens: Worauf bezieht sich die Zahl – gibt es eine sinnvolle Vergleichsgröße? Drittens: Beginnt die Achse eines Diagramms bei null, oder wird der Effekt optisch aufgebläht? Viertens, und vielleicht am wichtigsten: Wer hat die Studie bezahlt, und welches Interesse hat er am Ergebnis?
Die Botschaft der beiden Autoren ist dabei keineswegs von Resignation geprägt. Schlechte Zahlen sind immer noch besser als gar keine Zahlen, betonen sie. Es geht nicht darum, Statistiken grundsätzlich zu misstrauen, sondern darum, sie mit wachem Blick zu analysieren und zu lesen. Wer die vier Fragen kennt, lässt sich von scheinbar objektiven Prozentzahlen nicht mehr so leicht einschüchtern, und das ist in einer Demokratie keine Nebensache, sondern eine Grundvoraussetzung für mündige Entscheidungen.
Gerd Bosbach ist Mathematiker und Statistik-Experte. Er hat unter anderem beim Statistischen Bundesamt und bei der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung gearbeitet und kennt die Praxis der „Zahlenschönung“ aus erster Hand. Er ist ein gefragter Experte im deutschsprachigen Raum und durch viele Fernsehsendungen dem breiten Publikum bekannt. Professor Bosbach wird im Oktober in Südtirol sein.
Jens Jürgen Korff ist von Haus aus Historiker und Politologe. Beruflich arbeitet er als freier Werbe- und Webtexter und ist Co-Autor des Buches „Lügen mit Zahlen“, in dem beide gemeinsam zeigen, wie Statistiken in Politik, Medien und Wirtschaft gezielt verzerrt werden.
Alfred Ebner