Change | Overtourism

Kein isolierter Wirtschaftszweig

Südtirols Tourismuszahlen sind beeindruckend, aber wie viel von diesem Erfolg kommt bei den Menschen an, die in Südtirol leben und arbeiten?
Titelbild des Buches: „Il turismo che non paga“ Bild: Verdenero

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Südtirol ist eine touristische Erfolgsgeschichte. Mehr als 38 Millionen Übernachtungen im Jahr 2025, eine international bekannte Marke, eine hoch entwickelte Beherbergungsstruktur und Täler, in denen der Tourismus Einkommen und Arbeitsplätze sichert. Die Zahlen sind beeindruckend. Aber sie beantworten eine Frage nicht: Wie viel von diesem Erfolg kommt tatsächlich bei jenen an, die hier leben und arbeiten?

Genau diese Frage stellt die italienische Journalistin Cristina Nadotti in ihrem 2025 erschienenen Buch „Il turismo che non paga“. Sie beginnt nicht mit einer volkswirtschaftlichen Statistik, sondern in einem überfüllten Bus in Alghero. Schon im Mai drängen sich dort Einheimische, Touristen, Koffer und Sonnenschirme. Eine Bewohnerin fragt sich, wie sie im August überhaupt noch in den Bus kommen soll. Nadottis Reaktion darauf ist die Schlüsselfrage des gesamten Buches: „Sarà un bene per chi?“ – Für wen ist das eigentlich gut?

CHANGE

Tourismus und Overtourism beschäftigen uns bei CHANGE in den Monaten September und Oktober. Unsere Partner bei der Bearbeitung und Vertiefung dieses Themenkomplexes sind der Heimatpflegeverband Südtirol, die Toblacher Gespräche, Politis und UFO Bruneck.

Toursimus ist arbeitsintensiv

Nadotti dreht damit die übliche Perspektive auf den Tourismus um. Üblicherweise sprechen Unternehmer über Ankünfte, Nächtigungen und Umsätze, Politiker über Arbeitsplätze und wirtschaftliche Entwicklung, Gäste über Landschaft, Erholung und Erlebnis. Die Perspektive der Menschen, die das ganze Jahr in den Destinationen leben, kommt weit seltener vor. Dabei sind sie es, die nicht nur vom Tourismus profitieren, sondern auch seine Folgekosten tragen: Verkehr, hohe Wohnkosten, Flächenverbrauch, überlastete Infrastrukturen, steigende Preise und Nutzungskonflikte im öffentlichen Raum.

„Müsste stärker danach gefragt werden, wie produktiv diese Arbeit ist und welche Einkommen damit erzielt werden?“

Wie ist das in Südtirol? Kaum eine Region Europas ist touristisch so intensiv genutzt und zugleich wirtschaftlich so erfolgreich. Der Tourismus ist zweifellos ein zentraler Teil dieses Erfolgs. Nach Berechnungen des AFI erwirtschafteten Beherbergung und Gastronomie 2019 rund 11,4 Prozent der gesamten Südtiroler Wertschöpfung. Gleichzeitig arbeiteten dort 13,7 Prozent aller Erwerbstätigen, Selbstständige und mitarbeitende Familienangehörige eingeschlossen. Der Sektor bindet damit anteilsmäßig mehr Arbeitskräfte, als er zur Wertschöpfung beiträgt.

Das ist im Prinzip kein Makel, sondern ein Strukturmerkmal. Tourismus ist arbeitsintensiv. Ein Hotel kann zusätzliche Gäste nicht einfach durch eine leistungsfähigere Maschine bedienen. Zimmer müssen gereinigt, Frühstücke vorbereitet, Mahlzeiten gekocht und Gäste betreut werden. Genau daraus ergibt sich aber eine wirtschaftspolitisch interessante Frage: Ist die Zahl der Arbeitsplätze tatsächlich der beste Maßstab für den Nutzen einer Branche – oder müsste stärker danach gefragt werden, wie produktiv diese Arbeit ist und welche Einkommen damit erzielt werden?

„Die Illusion des BIP“

Die Südtiroler Zahlen geben darauf zumindest einen Hinweis. 2022 lag die durchschnittliche Wertschöpfung der Unternehmen bei rund 73.100 Euro je Beschäftigtem. Im Produzierenden Gewerbe waren es 96.200 Euro, also gut 31 Prozent mehr. Auch bei den Einkommen gehört der Tourismus nicht zur Spitze. Das mittlere Bruttojahreseinkommen eines Vollzeitbeschäftigten in Beherbergung und Gastronomie lag laut AFI bei 28.356 Euro; ASTAT weist für Beschäftigte mit Tourismusvertrag 2022 einen Median von 26.783 Euro aus. Im öffentlichen Dienst waren es im selben Jahr 35.400 Euro. Die Datensätze sind wegen unterschiedlicher Bezugsgrößen nicht vollständig vergleichbar, zeigen aber dasselbe Spannungsfeld: viel Beschäftigung, aber vergleichsweise geringe Wertschöpfung pro Arbeitskraft und keine hohen Lohneinkommen.

„Overtourism ist ein komplexes und multidimensionales Phänomen.“

Hier trifft Nadottis Kritik einen neuralgischen Punkt der Südtiroler Tourismusdebatte. Sie wendet sich in ihrem Buch gegen die Vorstellung, touristisches Wachstum sei schon deshalb gesellschaftlicher Wohlstand, weil es das Bruttoinlandsprodukt erhöht. Ihr Kapitel über die „Illusion des BIP“ fragt vielmehr, wie die Erträge verteilt sind und welche Kosten in der Erfolgsrechnung nicht auftauchen. Denn Umsatz ist nicht Einkommen, Wertschöpfung nicht automatisch Wohlstand für alle und ein zusätzlicher Arbeitsplatz nicht unabhängig davon positiv zu bewerten, wie sicher und gut bezahlt er ist.

Millionen zusätzliche Nutzer eines begrenzten Raums

Ein weiterer bedeutender Faktor kommt hinzu: der Raum. Eine Fabrik kann ihre Produktion steigern und mehr Waren exportieren, ohne dass deshalb Zehntausende zusätzliche Menschen am Produktionsstandort Wohnungen, Straßen, Parkplätze, Restaurants, öffentliche Verkehrsmittel und Erholungsräume nutzen. Beim Tourismus ist genau das Teil des Geschäftsmodells. Der Konsument kommt zum Produkt. Und dieses Produkt ist zu einem erheblichen Teil der Raum selbst: Landschaft, Berge, Dörfer, Städte, Straßen und öffentliche Infrastruktur. Millionen Übernachtungen sind mehr als eindrucksvolle Zahlen in der Tourismusstatistik. Sie stehen für Millionen zeitweilige zusätzliche Nutzer eines begrenzten Lebensraums. 

Nadotti schlägt vor, Overtourism genau so zu verstehen: nicht einfach als „zu viele Touristen“, sondern als eine Situation, in der touristische Nutzung die physische, ökologische, soziale, ökonomische oder politische Tragfähigkeit eines Ortes überschreitet. Entscheidend ist für sie der Begriff der Schwelle: Ressourcen und Räume sind begrenzt, deshalb kann nicht jede Nachfrage unbegrenzt wachsen.

„Il turismo che non paga“

Cristina Nadotti: Il turismo che non paga. Come il turismo sta cambiando l’Italia. Vorwort von Ferdinando Cotugno, Edizioni Ambiente, Mailand 2025, 192 Seiten, ISBN 978-88-6627-401-7

Verdenero

Dieser Umstand führt unmittelbar zur Wohnungsfrage. Mehr touristische Nachfrage erhöht auch die Nachfrage nach Hotels, Ferienwohnungen, Gastronomieflächen, Grundstücken und Dienstleistungen. Wo Boden knapp ist, konkurrieren unterschiedliche Nutzungen besonders stark. Für Eigentümer können steigende Immobilien- und Bodenpreise einen erheblichen Vermögensgewinn bedeuten. Wer dagegen hauptsächlich von seinem Arbeitseinkommen lebt, profitiert davon nicht automatisch, muss aber dieselben gestiegenen Wohn- und Lebenshaltungskosten bezahlen.

Gerade an solchen Stellen überzeugt Nadottis Buch, weil es Tourismus nicht als isolierten Wirtschaftszweig betrachtet. Er greift in Wohnen, Mobilität, Landschaft, Arbeitsmarkt und öffentliche Dienstleistungen ein. Die Autorin spricht deshalb von einem Bündel unterschiedlicher Auswirkungen. Overtourism ist für sie ein „komplexes und multidimensionales“ Phänomen. Die reine Zahl der Gäste sagt noch wenig darüber aus, wann eine Grenze erreicht ist.

Für Südtirol ist diese Unterscheidung zentral. 38 Millionen Übernachtungen verteilen sich weder gleichmäßig über das Jahr noch gleichmäßig über das Land. Ein zusätzliches Bett irgendwo in Südtirol ist etwas anderes als weitere Betten an einem Ort oder in einem Tal, in dem Straßen, Wasserressourcen, Landschaft oder Wohnungsmarkt bereits unter Druck stehen. Das entscheidende Kriterium ist das Verhältnis zwischen Nachfrage und lokaler Tragfähigkeit.

Touristen in den Dolomiten: Der Konsument kommt zum Produkt. Und dieses Produkt ist zu einem erheblichen Teil der Raum selbst: Landschaft, Berge, Dörfer, Städte, Straßen und öffentliche Infrastruktur. Othmar Seehauser/ Seehauserfoto

Das führt auch zu einem anderen Blick auf Mobilität. Tourismus produziert Verkehr nicht als unerwünschte Randerscheinung, sondern systembedingt: Gäste müssen anreisen und sich vor Ort bewegen. Straßen, Bahn, Busse und Parkplätze werden damit Teil der touristischen Produktionsstruktur, ihre Kosten aber nicht oder nur in geringem Ausmaß von den Gästen getragen. Nadotti beschreibt Pendler, die kaum noch in öffentliche Verkehrsmittel kommen, überlastete Gesundheitsdienste, Abfallentsorgung und andere Infrastrukturen, deren Kapazitäten an der Wohnbevölkerung ausgerichtet sind, zeitweise aber eine wesentlich größere Bevölkerung versorgen müssen. Schon in der Einleitung ihres Buches macht sie diese Perspektive zum Ausgangspunkt ihrer Recherche.

Die Klimakrise stellt diese Fragen noch dringlicher. Gerade der alpine Tourismus hängt von natürlichen Voraussetzungen ab, die sich verändern. Nadotti formuliert den Widerspruch drastisch: Skisaisonen auf Pisten zu vermarkten, auf denen der Schnee verschwindet, sei keine Strategie mit Zukunft. Technische Anpassung kann Grenzen verschieben, aber nicht aufheben. Beschneiung, Speicherbecken und leistungsfähigere Aufstiegsanlagen lösen das Grundproblem nicht, wenn gleichzeitig Energie-, Wasser- und Flächenbedarf steigen.

Eine andere Rechnung

Nadotti argumentiert nicht gegen das Reisen und auch nicht gegen den Tourismus. Sie bezeichnet sich selbst als Reisende und räumt ein, damit Emissionen zu verursachen und Dienstleistungen von Menschen in Anspruch zu nehmen, die teilweise schlecht bezahlt werden. Einen Tourismus ohne Auswirkungen gibt es nicht. Ihre Konsequenz lautet deshalb nicht Abschaffung, sondern eine ehrliche und transparente Bilanzierung seiner Wirkungen, die sich in der Folge konkret auf die Gestaltung des Tourismus und die Verteilung der Erlöse auswirkt.

Das ist auch für Südtirol die zielführendere Fragestellung. Die Alternative lautet nicht Tourismus oder kein Tourismus. Der Sektor schafft Einkommen, Unternehmen und Arbeitsplätze und trägt wesentlich zur wirtschaftlichen Stärke vieler Täler bei. Aber eine robuste Volkswirtschaft braucht daneben Industrie, Technologie, Forschung und hochwertige Dienstleistungen – Bereiche, in denen hohe Wertschöpfung und Einkommen wachsen können, ohne dass im selben Ausmaß zusätzliche Menschen den begrenzten Lebensraum beanspruchen.

Nadottis Buch legt auch für Südtirol einen Perspektivwechsel nahe. Jahrzehntelang wurde touristischer Erfolg vor allem quantitativ gemessen: Betten, Ankünfte, Übernachtungen. Für die nächste Entwicklungsphase könnten andere Kennzahlen wichtiger werden: Wertschöpfung pro Beschäftigtem, Löhne und Arbeitsbedingungen, Flächenverbrauch, Verkehrsaufkommen, Wohnkosten, Ressourcenverbrauch und die Belastung der öffentlichen Infrastruktur.

Dann bekäme auch die Zahl von 38 Millionen Übernachtungen eine andere Bedeutung. Sie bliebe ein Indikator für die enorme wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus. Aber nicht mehr automatisch für seinen gesamtgesellschaftlichen Erfolg. Denn Übernachtungen lassen sich zählen. Ob die Menschen, die das ganze Jahr hier leben, dadurch besser leben können, ist eine andere Rechnung.

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