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Politik | Dialekt

Mein Dialekt ist mein Kaschtl

Das Beharren auf dem Dialekt im Landtag ist Teil eines Diskurses, der a priori ausschließt. Italiener:innen, Migrant:innen. Andere. Mit dem Dialekt wird im Landtag ein „Wir“ konstruiert, das auf die Einschränkung der Grundrechte hinarbeitet.
Hinweis: Dieser Artikel ist ein Beitrag der Community und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.
Cover Ausgabe1992
Foto: @ Europa Verlag
  • „Ich verschwand, hinunter zum Totentanz, unter jene freundliche Kuppel, die die Lebenden einlädt, mit den Toten Zwiesprache zu halten. Hier betete ich eine seltsame Litanei aus Dialektwörtern: ich sagte Engelsteine für Krokus, Kuckuckhandschuhe und Schusterstühlchen für Enzian, Königäuglein für Primeln, Pfutschkönig für Zaunkönig, Fógazze (...) für jenes germanische Fruchtbarkeitsbrot, das die Taufpaten uns Kindern nach altem Brauch zu Ostern geschenkt hatten, einen Hahn den Buben, eine Henne den Mädchen; ich sagte Gingge für Hügel und Gungge für Mulde und afóure für draußen und awáus für hinunter und Himmlatzn für Wetterleuchten. Ich sprach sie für den Jörgl, die Litanei dieser Wörter. Und jedes Wort klang wie ein Vers, voll und rund und sich reimend auf das heitere Traumwunder unserer Kindheit.

    Ich schrie sie alle laut in mir, damit ich Pallers dröhnende Rede nicht hörte.“

    Es ist die schönste Passage eines der wichtigsten Bücher der Südtirol-Literatur, nämlich „Schönes Land, böse Leut“ von Claus Gatterer. Ich habe über dieses Buch (und viele andere Bücher zu Option und Nazifaschismus) meine Diplomarbeit geschrieben.

    Diese Sätze habe ich immer geliebt, und im Zuge der „Dialektdebatte“, die in Südtirol derzeit ausgebrochen ist, ist mir die Passage wieder eingefallen.

    Dabei hatte ich ein wichtiges Detail vergessen. Denn Gatterer „betet“ seine Litanei aus Dialektwörtern nicht, wie man meinen könnte, gegen die Faschisten herunter, obwohl ein großer Teil des Buches von der faschistischen Unterdrückung der Südtiroler:innen in den 20er und 30er Jahren handelt. Nein, es ist anders.

    Gatterer spricht die Litanei der Dialektwörter, um die Nazirede seines Dorfkollegen (!) Paller nicht mehr hören zu müssen.

    Das passt sehr gut in die aktuelle Debatte, finde ich, und wir können es uns genau das vergegenwärtigen, wenn wir erleben, wie der Dialekt derzeit von den Patrioten vor sich hergetragen wird.

    Wie der Dialekt benutzt, ja missbraucht wird, um damit rassistische Sprüche von sich zu geben, sozusagen im Namen des „Südtiroler Volkes“.

    Dabei ist unser Dialekt tatsächlich etwas Wunderbares. Ich liebe ihn seit meiner Kindheit. Aufgezogen von einer Mutter, die ihr Leben lang „schöne alte Dialektwörter“ in einem Büchlein sammelte, um sie uns vorzulesen, hänge ich außerordentlich an meinem Unterlandler Dialekt. Ich liebe Wortspiele im Dialekt, ich integriere Dialektwörter in meine Reden und Texte.

    Jetzt sind wir in einer Art Kulturkampf gelandet, rund um den Dialekt.

    Die Fakten scheinen harmlos: Ein Abgeordneter weigert sich, im Landtag Hochdeutsch zu sprechen. Er begründet das damit, dass er reden wolle, „wie ihm der Schnabel gewachsen ist.“ Im Namen der Selbstbestimmung, sagt sein Fraktionschef.

    Es geht aber um mehr. Die Süd-Tiroler Freiheit wandelt sich schon seit einiger Zeit von einer Partei die sich dem Patriotismus und der Sezession von Italien verschrieben hatte, zu einer offen rassistischen, fremdenfeindlichen und rechten Partei. Mit anderen politischen Kräften kämpft sie darum, wer die AfD in Südtirol ist, aktuell gewinnt sie diesen Kampf „a mani basse“.

    Das Beharren auf dem Dialekt im Landtag ist Teil eines Diskurses, der a priori ausschließt. Die italienischen Kolleg:innen zum Beispiel. (Sven Knoll: Ah was dürfen wir jetzt nicht mehr unsere Muttersprache sprechen, nur weil die Italiener nicht deutsch können?)

    Es bedeutet auch, viel subtiler, die Herstellung und Afirmation eines „Wir“, das – völlig beliebig konstruiert – dazu dient, anderen Rechte zu nehmen. „Wir“, das sind je nach Kontext, die „daitschen Südtiroler“, wenn es um die Sprache geht, oder die „Einheimischen“, wenn es um die Emarginierung von Menschen mit Migrationshintergrund geht.

    Es ist normal geworden, im Südtiroler Landtag, davon auszugehen, dass „unsere Leute“ mehr Rechte haben als andere. Jeder Mensch ist gleich an Rechten und Würde geboren? Gilt längst nicht mehr für alle.

    Deshalb sage ich, dass unser Dialekt hier missbraucht wird. Einer der Gründe, warum ich dagegen bin, dass wir in der höchsten Institution des Landes während der Sitzung Dialekt reden.

    Es gibt noch andere.

    Erstens den bereits genannten: Wir sind ein mehrsprachiges Land. In solchen Kontexten ist es normal, dass sich eine „Lingua Franca“ etabliert (wie etwa das Englische in der Europäischen Union), über die man sich sprachübergreifend verständigt. Bei uns gibt es deren zwei: das Italienische und das Standarddeutsch. Der Dialekt, die Dialekte gehören nicht dazu. Es ist nicht verlangbar, dass die 5 Italiener:innen im Landtag die 29 deutschen Dialekte und das Ladinische verstehen. Ja, es gibt Übersetzung, aber einander verstehen, und einander entgegen kommen, das sollte uns ein Anliegen sein, wenn wir schon gemeinsam dieses Land politisch vertreten und lenken.

    Zweitens, weil uns nicht unser Dialekt, sondern die Hochsprache den Anschluss an den deutschen Sprachraum sichert. Wir sind eine Minderheit im italienischen Staat und zugleich Teil eines großen Sprach- und Kulturraum, an dessen südlichem Rand wir leben. Wir sollen unseren Dialekt hegen und pflegen – wenn wir in Berlin, Hamburg oder Frankfurt unsere deutschen Sprachkolleg:innen treffen, brauchen wir das Hochdeutsche (da ist es sicher auch für den Herrn Abgeordneten aus Villanders kein Problem, Hochdeutsch zu sprechen). Also, ganz im Sinne der patriotischen Rechten (und ihrer langjährigen Galionsfigur Eva Klotz, die bestimmtes Getue tatsächlich nicht nötig hatte!): Hegen und pflegen wir die Hochsprache – und nutzen wir die wenigen Gelegenheiten, wo wir sie überhaupt noch benutzen können. Außer in der Schule, in internationalen Konferenzen und im Fernsehen gibt es ja eh fast keine Gelegenheiten mehr, Standarddeutsch zu sprechen.

    Drittens: Die Institution Landtag ist das höchste Organ des Landes, unser Landesparlament. Wenn wir sprechen, stehen wir auf. Wir bedanken uns beim Landtagspräsidenten für das Wort. Wir wissen um unsere Rolle, um die Ehre und die Würde der Volksvertretung. Wir sind ein Vorbild oder sollten es zumindest sein. Es gilt im Landtag wie in jeder Organisation die Grundregel, dass nur das gut oder schlecht ist, was auch dann gut oder schlecht ist, wenn alles es tun (Meine Mutter sagte dazu: Wenn des alle tatn…?). Solange einer Dialekt spricht, mag das noch Folklore sein. Wenn das alle täten, wie klänge das? Auf den Villanderer Dialekt würde der Gsieser folgen, auf den Malser der Unterlandler, auf das Boznerische das Laivesott'. Es könnte auch ganz lustig sein, an Würde würde unsere Rede und unser Haus sicher verlieren, an Verständlichkeit sowieso.

    Daher bin ich unverbrüchlich für den Schutz und die Pflege und die Förderung unseres Dialekts. Und ebenso unverbrüchlich bin ich gegen des Missbrauch unseres Dialekts für Ausgrenzungsphantasien und Miar-sein-Miar-Argumentationen.

    Auch ich bete manchmal still in mir Dialektlitaneien herunter – gegen Nazis, gegen Ausgrenzung und Rassismus und für ein freundliches Südtirol, das sich gegenseitig verstehen will.