Die unheilvolle Allianz
-
Die Regierungen unterstützen die Klimapolitik nicht wie früher. In Europa werden die Klimaziele schwächer, wichtige Maßnahmen werden in Frage gestellt und der Rückenwind hinter dem Green Deal ist weg.
Wer verstehen will, warum das so ist, sollte sich nicht mit einfachen Erklärungen begnügen. Die Einstellungen zur Klimapolitik sind nämlich unterschiedlich. Sie hängen davon ab, was Menschen jeden Tag erleben, welche Arbeit sie leisten und welchen Platz sie in der Gesellschaft haben.In einer Forschungsarbeit wurden fast 200 Personen in Österreich, Spanien, Norwegen und der Slowakei befragt. Dabei kam etwas heraus, das zunächst seltsam wirkt: Viele bezeichnen das als Klimarealismus, aber dahinter verbergen sich sehr unterschiedliche Ansichten.
Der Begriff hat mit Vernunft und Nüchternheit zu tun. Dahinter erstecken allerdings meist sehr unterschiedliche Erfahrungen, Interessen und Weltsichten.Facharbeiterinnen und Facharbeiter, die in der Industrie arbeiten, nehmen den Klimawandel zwar ernst, aber sie haben auch andere Dinge im Kopf.
Wer am Ende des Monats kaum Geld hat, für den ist das Klimaproblem zwar real, aber er hat auch mit anderen Problemen zu kämpfen.
Die Politik empfiehlt das E-Auto, aber die meisten können es sich nicht leisten. Die umweltfreundliche Option ist somit ein Luxus.
Außerdem fühlt man sich oft nicht ernst genommen. Klimapolitik scheint von außen zu kommen. Sie wird anscheinend von Leuten gemacht, die nicht wissen, wie das Leben der Normalbürger ist. Ein belehrender Ton und Appelle zum Verzicht von Menschen, die es sich leisten können, werden nicht gern gehört. Meist ist der Zugang zusätzlich dramatisch und wird mit viel Tamtam vorgebracht.
Ein Zugang mit „Maß und Ziel“ wäre glaubwürdiger. Viele Menschen misstrauen der Politik ohnehin. Wenn Politiker und Politikerinnen zusätzlich noch als „Hampelmänner der Großindustrie“ gelten, wirkt ihr Einsatz für die Klimapolitik unglaubwürdig.Akademisch ausgebildete Menschen haben einen anderen Ansatz. Sie sind die Idealisten und die Vorkämpfer für das Klima. Für sie ist die Klimakatastrophe eine echte Gefahr.
Sie wollen handeln, denn es droht großes Unheil. Laut diesen Menschen müssten wir uns grundsätzlich anders verhalten. Es wäre sinnvoll, weniger zu fliegen, mit dem Zug zu fahren und regionale Produkte einzukaufen. Verzicht ist gut.Aber auch in dieser Gruppe gibt es Zweifel. Jeder sieht die klaren Grenzen für sein individuelles Handeln. Klimaschutz braucht kollektive Lösungen.
Klimarealismus bedeutet hier, dass man politische Forderungen stellen und Druck auf die Strukturen ausüben muss, die den Wandel bremsen. Dies ist die Gruppe, die am ehesten kämpferisch und voller Idealismus an das Thema herangeht.Managerinnen und Manager denken hingegen anders. Sie denken in Effizienz, Planbarkeit und Steuerung. Der Klimawandel ist sicherlich ernst. Aber wenn sich etwas nicht rechnet, kann es sich nicht durchsetzen. Der europäische Green Deal mit seinen Berichtspflichten ist überflüssig und schadet der Wirtschaft.
Es sollte marktübliche Anreize und keine Vorschriften geben. Aktivismus für das Klima erscheint als das Werk von „Moralaposteln“ ohne Realitätssinn.Die verschiedenen Realitäten wirken wie Verwandte, obwohl sie es nicht sind. Managerinnen und Manager, die die Klimapolitik als weltfremd kritisieren, werden von Arbeiterinnen und Arbeiter emotional unterstützt.
Dabei haben sie völlig verschiedene Interessen. Die Erfahrungen von Bediensteten mit dem Klimawandel sind ganz anders als die von Managerinnen und Manager.
Hier geht es um Investitionen und Marktlogik. Gerade die ökosoziale Regulierung, die diese als lästig ansehen, würde den Beschäftigten Vorteile bringen: mehr Arbeitnehmerrechte, bessere Gesundheitsstandards, Veränderungen mit einem sozialen Netz.Der politische Widerstand gegen die Klimapolitik kommt genau aus dieser eigenartigen Konstellation. Er verbindet Gruppen, die kaum gemeinsame Interessen haben, weil sie eine gemeinsame gefühlsmäßige Haltung teilen.
So regt sich Widerstand, wenn jemand vorschreibt was man tun soll. Auch wirkt es abstoßend, wenn jemand so redet, als wäre er besser als andere. Besonders verwerflich ist es, wenn diese „Predigten“ von der Politik stammen. Das wirkt sich dann politisch aus und verdeckt, wessen Interessen dabei eigentlich bedient werden.Dieser Denkweise zeigt fast nur die Kosten der Klimapolitik. Die Kosten des Nichthandelns kann man dabei leicht ausblenden. Konkret sieht man eben nur, dass die Preise für Energie und Lebensmittel steigen.
Und natürlich denkt jeder an die eigene Tasche. Klimapolitik hat eben seine Kosten, aber nicht zu handeln löst nicht das Problem, sondern belastet damit zukünftige Generationen. Die Rechnung läuft aber unvermindert weiter, man blendet sie aber aus.Wer das ändern will, muss die sozialen Grundlagen und Ungleichheiten ernst nehmen.
Es geht nicht darum, Einwände kleinzureden. Es geht darum, zu zeigen, wie verschieden die Ansichten sind, die sich hinter dem Begriff des „Klimarealismus“ verstecken. Und es geht darum aufzuzeigen wessen Interessen sie eigentlich bedienen.Josef Lazzari
Stimme zu, um die Kommentare zu lesen - oder auch selbst zu kommentieren. Du kannst Deine Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.