Gesellschaft | Muttertag

Erwartungen, die wir als „normal“ tarnen

Mutterschaft sollte nicht als belanglose Aufgabe abgetan werden, die Frauen so nebenbei erledigen. Unsere Gesellschaft tut aber genau das. Ein Gastbeitrag.
Mutter mit Kind
Foto: Iris Rabensteiner
  • Ich sitze auf dem Spielplatz. Neben mir unterhalten sich zwei Mütter, während ihre Kinder im Sand spielen: „Helena meinte neulich, die Nächte seien so anstrengend. Ihre Kleine wird ständig wach und will getragen werden.“ „Oh wie mühsam! Also meine schläft ja seit der achten Woche durch“ „Meiner eigentlich auch - meistens zumindest.“

    Kurze Pause.

     

    Ich frage mich, wie viele Sätze hier fehlen.

     

    „Stillst du eigentlich noch?“ „Nein, meine Kleine hat sich einfach von selbst abgestillt. Das war total unkompliziert“. „Bei uns war das auch so! Eigentlich keine große Sache.“

    Sie lachen leise.

    Ich höre zu und überlege, wie viel von dem Erzählten wirklich stimmt. Ich frage mich, wie viele Sätze hier fehlen: wie viele Unsicherheiten, Zweifel, Herausforderungen und Sorgen. Warum schweigen wir und tun so, als ob...? Weil es leichter ist? Weil es sich besser anhört? Weil es das Bild aufrechterhält, dass es gut läuft?

  • „Stillst du eigentlich noch?“: eine dieser Fragen, die schnell gestellt sind und doch sehr privat - bei denen Unsicherheiten und Herausforderungen oft unausgesprochen bleiben. Foto: Iris Rabensteiner
  • Über die Autorin

    Iris Rabensteiner ist Hebamme im Krankenhaus Bruneck und begleitet seit Jahren Frauen auf ihrem Weg durch Schwangerschaft und Geburt. Als zweifache Mutter kennt sie die vielen Facetten von Elternschaft auch aus eigener Erfahrung. Auf ihrem Blog „kopfdrunter.herzdrüber“ schreibt sie über das, was oft unausgesprochen bleibt. 

  • Ein paar Tage später sitze ich in einem Wartezimmer und stille mein acht Monate altes Baby. Mein Partner sitzt gegenüber und liest unserem Sohn aus einem Buch vor. Nach dem Stillen nimmt er unser Baby in die Trage, verabschiedet sich mit einem Kuss und geht.

     

    Warum ist Fürsorge bei einem Vater bewundernswert und bei einer Mutter selbstverständlich?



    Neben uns sitzt eine ältere Dame. Ich spüre ihre Blicke, seit sie gekommen ist. Als sich unsere Augen treffen, sagt sie: „So liebe Kinder haben Sie da.“ Ich bedanke mich mit einem Lächeln für das Kompliment. „Hat denn der Vater heute frei?“ „Ja, er hat sich frei genommen.“
    Sie nickt anerkennend: „Ach, wie schön, dass sich die Väter heutzutage so einbringen. Bei uns hätte es das nie gegeben. Sie haben Glück mit einem so engagierten Papa.“ Ich lächle höflich, antworte aber nichts.

    Ein leises Unbehagen befällt mich: warum ist Fürsorge bei einem Vater bewundernswert und bei einer Mutter selbstverständlich? Warum staunen wir, wenn gemeinsame Verantwortung auch gemeinsam getragen wird? 

  • „Ach, wie schön, dass sich die Väter heutzutage so einbringen.“: Ich lächle höflich, antworte aber nichts. Foto: Iris Rabensteiner
  • Nach der Untersuchung sitzen wir in der Cafeteria. Hinter uns sprechen zwei Frauen über eine Bekannte: „Die Geburt ist schon drei Wochen her und sie ist immer noch nur daheim.“ „Ich verstehe das auch nicht.“

    Kurzes Schweigen.

    „Weißt du, wer noch schwanger ist?“ „Ja, endlich! Sie haben es jahrelang versucht.“ „Ja, und dann diese Fehlgeburten...“ „Also ich finde, sie hat da schon ein wenig übertrieben mit all der Trauer. Klar ist es schlimm, aber in so frühen Wochen kann man ja noch nicht von einem Kind reden.“

    Ich schlucke.
     

    Mühelos sprechen wir über Körper, über Verluste, über Gefühle, die uns nicht gehören.


    „Hast du ihren Bauch gesehen? Für die Woche ist der schon sehr groß, oder?“ „Und sie weiß nicht mal, was es wird.“ „Typisch, heute macht man immer ein Geheimnis daraus.“

    Die beiden Frauen gehen.

    Ich blicke ihnen hinterher und wundere mich, wie selbstverständlich über solch intime Themen geredet wird, die so viel mehr sind als belangloser Gesprächsstoff. Mühelos sprechen wir über Körper, über Verluste, über Gefühle, die uns nicht gehören - wir bewerten, vergleichen und mutmaßen.

    Wann haben wir verlernt, einfach nur wahrzunehmen und mitzufühlen? Vielleicht sind es genau diese kleinen Momente im Alltag auf dem Spielplatz, im Wartezimmer, in Gesprächen, in der Cafeteria, die zeigen, wie wir als Gesellschaft auf Elternschaft blicken. Schnell gesagte Sätze, kaum hinterfragte Gedanken, die vielleicht harmlos wirken und doch Spuren hinterlassen: In uns. In dem, was wir glauben, fühlen zu dürfen. In dem, was wir meinen, leisten zu müssen. In dem, was wir erwarten.

    Ja, ich glaube, es sind wir: Unsere Bemerkungen. Unsere Blicke. Unsere Erwartungen, die wir als „normal“ tarnen. Und ich wünschte, wir würden beginnen, Elternschaft so zu sehen, wie sie ist: in all ihren Facetten.

  • Meine Wunschliste

    Ich wünsche mir eine Gesellschaft, 

    die zu jeder schwangeren Frau sagt: „Wow du trägst neues Leben in dir, ich bewundere dich!“ ... anstatt über Bauchform und Geschlecht zu debattieren

    die mitfühlt ... anstatt Liebe in Wochen und Größe zu messen.

    die eine Wöchnerin wie eine Königin behandelt und ihr jeden Wunsch von den Augen abliest ... anstatt zu erwarten, dass sie in kürzester Zeit wieder ganz die Alte ist und bedingungslos funktioniert.

    die weiß, dass es herausfordernd sein kann und manchmal auch schwierig ... anstatt zu vermitteln: läuft es nicht gut, dann läuft etwas falsch.

    die es auf selbstverständliche Weise voraussetzt, dass der Vater genauso Verantwortung übernimmt ... anstatt ihn voller Begeisterung zu loben und zu bewundern, wenn er von selbst daran denkt, die Windeln zu wechseln oder mit der Babytrage spazieren zu gehen.

    die Mütter hochleben und spüren lässt, was sie tagtäglich leisten ... anstatt ihr Tun als Selbstverständlichkeit und ursprüngliche Pflicht zu entwerten.

    die begreift, was es wirklich bedeutet, Eltern zu sein ... anstatt es als belanglose Aufgabe abzutun, die leicht zwischen Job und anderen Pflichten einfach so nebenher läuft.