Umwelt | Fall „Alpenkohle“

Klimapositiv, aber gefährlich?

Reststoffe der Holzvergasung: Die Ermittlungen gegen das Fernheizwerk Laas zeigen, wie riskant Innovation sein kann und ein gesetzlicher Graubereich zum Fallstrick wird.
Julian Gentile / Unsplash

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Die Festnahme von fünf Südtirolern auf Anweisung der Trentiner Staatsanwaltschaft vor rund zwei Wochen löste hierzulande nicht umsonst Bestürzung und Besorgnis aus: Denn die Antimafia-Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, illegal mit Abfällen aus der Holzvergasung des Fernheizwerks Laas gehandelt zu haben. Insgesamt wird im Rahmen der Operation „Alpenkohle“ gegen 19 Personen aus Italien, Österreich, Deutschland und Italien ermittelt.

Die Reststoffe des Fernheizwerks sollen als Grillkohle, Dünger und Baustoff auf den europäischen Markt gekommen sein. Wichtigste Streitfrage vor Gericht dürfte sein, ob diese Reststoffe für wirtschaftliche Zwecke genutzt oder als möglicherweise gefährlicher Abfall kostenpflichtig entsorgt werden müssen. 

 

„Umweltschutz, Rechtsstaatlichkeit und Transparenz bleiben unverzichtbare Werte für unsere politische Gemeinschaft.“

 

„Bei der Holzvergasung für die Stromproduktion wird der Grenzwert für polyzyklische aromatische Wasserstoffe (PAK) in der Regel um ein Vielfaches überschritten“, erklärt ein technischer Experte. Wie der österreichische Anwalt und Abfallrechtsexperte Joachim Stock bereits gegenüber Südtiroler Medien mitgeteilt hat, handle es sich beim Fernheizwerk Laas um einen Betrieb, der aber sowohl auf die Produktion von Strom als auch von Kohle ausgerichtet sei. 

Angewandt werde ein patentiertes Verfahren, das von dem Tiroler Unternehmen Syncraft unter dem Namen „Rückwärtskraftwerk“ vertrieben wird. Stock berät das Unternehmen mit Sitz in Schwaz, das im Fall „Alpenkohle“ ebenfalls Gegenstand der Ermittlungen ist und auf seiner Webseite mit „Grünem Gas und Grünem Kohlenstoff“ wirbt. Dank dem Verfahren werde nicht nur erneuerbare Energie, sondern auch Grüner Kohlenstoff erzeugt, der CO2 speichert und Garant für eine „klimapositive“ Zukunft sei. 

Grenzwerte überschritten?

Da es sich bei PAK um krebserregende Substanzen handelt, schreibt der italienische Gesetzgeber etwa für Dünger einen Grenzwert von sechs Milligramm pro Kilogramm vor. 

 

Grillkohle darf in Italien keinerlei Schadstoffe enthalten.

 

Bei Grillkohle hingegen wird vorausgesetzt, dass das Produkt keinerlei Schadstoffe enthält, da es bei der Verwendung in direktem Kontakt mit Lebensmitteln kommen kann. 

In Südtirol gibt es rund 75 Biomasseheizwerke – sie gelten als innovative und nachhaltige Form der Energiegewinnung und das Fernwärmenetz wurde in den letzten Jahren deutlich ausgebaut. Außerdem erforschte eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Freien Universität Bozen und des Versuchszentrums Laimburg die Nutzung der Reststoffe bei der Holzvergasung im Rahmen des Projekts „Wood-up“, das von der EU gefördert und 2020 abgeschlossen wurde.

Gartenarbeit: Für Dünger gelten strenge PAK-Grenzwerte, bei Grillkohle hingegen nicht. Hasan Hasanzadeh / Unsplash

Auch beim Forschungsprojekt kam heraus, dass die Reststoffe der Südtiroler Vergasungsanlagen wegen zu hoher PAK-Werte als Bodenverbesserungsmittel ungeeignet sind – allerdings wurden die Analysen vermutlich bereits abgeschlossen, bevor das Fernheizwerk Laas seine Vergasungsanlage in Betrieb genommen hat. „Wir haben importierte zertifizierte Pflanzenkohle im Obst- und Weinanbau getestet. Bis auf positive Effekte bei Jungpflanzen konnten wir aber keine größeren Langzeiteffekte feststellen und haben die Forschung deshalb beendet“, erklärt Florian Haas, Leiter des Fachbereichs Weinbau an der Laimburg.  

Freude über Entlassung

Gestern wurde die Untersuchungshaft der Landesbeamten Giulio Angelucci und Andreas Marri, des Präsidenten des Fernheizwerks Laas Andreas Tappeiner, des Heizwarts Hugo Trenkwalder und des Energieberaters Rupert Rosanelli aufgehoben. Das hat das Überwachungsgericht in Trient entschieden und die Südtiroler konnten aus den Gefängnissen in Bozen, Trient, Verona, Padua und Vicenza nach Hause zurückkehren. 

„Wir waren stets überzeugt von der Integrität aller Beteiligten und sind hoch erfreut, dass der Alptraum für alle Beteiligten und deren Familien heute zu Ende geht“, teilten Herbert Von Leon, Obmann des Raiffeisenverbandes Südtirol, und Thomas Gasteiger, Obmann des Südtiroler Energieverbandes SEV, gestern in einer Medienaussendung mit. 

Auch der Co-Sprecher der Grünen Luca Bertolini erklärte in einer Mitteilung seine Betroffenheit. Angelucci hatte bei den Landtagswahlen 2023 für die Grünen kandidiert. „Umweltschutz, Rechtsstaatlichkeit und Transparenz bleiben unverzichtbare Werte für unsere politische Gemeinschaft. Genau aus diesem Grund haben wir stets betont, dass die Wahrheitsfindung in den zuständigen Instanzen erfolgen muss, ohne dass eine Ermittlung zu einer Vorverurteilung wird“, so Bertolini.