Odysseus mal anders
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Jetzt S+ abonnierenKennt ihr Emily Watson? Nicht? Aber wahrscheinlich kennt ihr den Odysseus von Homer und habt die Geschichte in einer der vielen verfügbaren Übersetzungen gelesen. Emily Watson hat eine davon gemacht, als erste Frau hat sie die Odyssee 2017 ins Englische übersetzt und dabei, wie alle Übersetzer:innen, ihren Sichtpunkt einfließen lassen. So wurde „polytropo“ erstmalig nicht übersetzt als „einfallsreich/vielseitig“ und „heroisch“, sondern als „kompliziert“. Plötzlich ist Odysseus nicht mehr der unbestrittene Held, sondern moralisch zwielichtig. Gewalt ist Gewalt und nicht mehr heroischer Triumph. Eine kleine sprachliche Nuance, die anders gedeutet, vieles in Frage stellt.
Wie unbequem sind doch nach wie vor brillante, intelligente, selbstständige Frauen – nicht nur in der Literatur oder als Übersetzerinnen.
Noch brenzliger wird es, wenn es um die versklavten Frauen in Odysseus' Haushalt geht: in seiner 20-jährigen Abwesenheit dringen Fremde in sein Haus ein, versklaven die Frauen und zwingen sie zu sexuellen Handlungen. Nach seiner Rückkehr richtet Odysseus die Frauen darum bestrafend hin. In den Übersetzungen durch Männer geht es um „untreue“ Dienstmädchen, als hätten die Frauen eine Wahl gehabt und den Tod verdient. Watsons Übersetzung des Wortes „dmoai“ als „Sklavin“ gibt uns das Massaker machtloser Frauen wieder, die von Invasoren vergewaltigt worden waren. Und dann ist da natürlich noch Penelope, üblicherweise dargestellt als die geduldig Wartende (20 Jahre lang!). Dabei lässt sich ihre Beschreibung als „periphron“ durchaus als strategisch und berechnend übersetzen. Das heißt: alles andere als passiv wartend. Das Gegenteil wird deutlich: Sie ist eine politisch aktive Figur. Aber wie unbequem sind doch nach wie vor brillante, intelligente, selbstständige Frauen – nicht nur in der Literatur oder als Übersetzerinnen.
Diese Beispiele führen zu einer komplexeren und weitaus interessanteren Version von Homers Odyssee. Und genauso verhält es sich mit allem Geschriebenen: Neutralität gibt es nicht. Alles ist gefiltert durch den Sichtpunkt der Schreibenden, der Betrachter:innen. In den meisten Fällen ist es ein vereinfachender patriarchaler Sichtpunkt.