„Illusion, dass KI alles besser macht“
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SALTO: Frau Lo Piccolo, Österreich plant ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige, ein richtiger Schritt?
Luana Lo Piccolo: Nachdem die Europäische Kommission immer wieder auf das Thema hingewiesen hat, sind nun auch Mitgliedsländer wie Österreich aktiv geworden. Ich begrüße solche Initiativen, auch wenn ich mich frage, wie genau dieses Social-Media-Verbot dann umgesetzt wird. Außer Zweifel steht jedenfalls, dass Kindern und Jugendlichen häufig das kritische Bewusstsein dafür fehlt, Informationen im Internet einzuordnen.
„Aber die KI kann niemals ein gutes Management oder eine gute Regierung ersetzen.“
Welche Folgen hat das?
Meine Sorge gilt nicht der Nutzung von Tools wie ChatGPT an sich, sondern vielmehr deren Missbrauch oder der übermäßigen Abhängigkeit davon – insbesondere bei jüngeren Nutzern, die möglicherweise noch keine Fähigkeiten zum kritischen Denken entwickelt haben. Entscheidend ist, sicherzustellen, dass diese Tools als ergänzende Instrumente genutzt werden und nicht als Ersatz für menschliches Urteilsvermögen, Interaktion und Lernen dienen. Der Fokus sollte auf einer ausgewogenen Nutzung, verantwortungsvollem Design und Bildung liegen, anstatt die Technologie selbst als von Natur aus schädlich darzustellen.
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Zur Person
Luana Lo Piccolo berät Regierungen, öffentliche Institutionen und private Unternehmen zu Fragen der KI-Governance sowie zu damit verbundenen rechtlichen und politischen Themen. Die 39-jährige Juristin studierte in Mailand, London und Cambridge und beschäftigte sich mit Diplomatie, KI-Ethik, Leadership, internationalem Recht und Menschenrechten. Lo Piccolo hat italienische Wurzeln und lebt in Barcelona in Spanien.
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In vielen EU-Ländern haben bürokratische Auflagen Oberhand gewonnen: Kann die KI hier helfen?
Ja, die KI-Anwendung kann es einfacher machen. Aber die KI kann niemals ein gutes Management oder eine gute Regierung ersetzen. Damit meine ich keine bestimmten Regeln, sondern die menschliche Fähigkeit, eine Strategie zu entwickeln, Entscheidungen zu fällen und mit Leidenschaft dafür einzustehen. Denn eine KI kann beim Bürokratieabbau nur hilfreich sein, wenn die Menschen in der Lage sind, die KI sinnvoll zu verwenden. Erst kürzlich musste ich am Telefon eine halbe Stunde lang mit einer KI-Stimme kommunizieren, bevor ich mit einem Menschen sprechen konnte, der das Problem löste. Heute haben wir die Illusion, dass die KI alles besser macht. Das gelingt aber nur, wenn die KI mit den richtigen Daten trainiert wurde und dafür braucht es eine Strategie, die den Datenschutz berücksichtigt.
Welche neuen Arbeitsplätze entstehen durch KI und welche fallen weg?
Das ist vermutlich die falsche Frage (lacht). Die richtige Frage wäre, wie sich die Jobs durch KI verändern werden. Denn natürlich werden in Jobs Aufgaben wegfallen, die repetitiv sind, also immer wieder dasselbe getan werden muss. Stattdessen wird eine neue Figur hinzukommen, weil irgendwer die Arbeit der KI kontrollieren muss. Andere Tätigkeiten können schwieriger ersetzt werden, auch manuelle wie in der Pflege zum Beispiel, wo es auf emotionale Intelligenz ankommt, die eine KI nicht haben kann.
„Denn wenn überall Verwirrung gestiftet wird, braucht es umso mehr wissenschaftlich geprüfte Fakten, um unsere Demokratien zu schützen.“
Mit welchen Schwierigkeiten kämpfen Regierungen in EU-Ländern bei der KI und der Digitalisierung?
Die zentrale Schwierigkeit liegt nicht nur in der institutionellen Komplexität, sondern vielmehr darin, eine wirksame Harmonisierung zwischen Mitgliedstaaten mit sehr unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen, digitalen Reifegraden und strategischen Prioritäten zu erreichen. Darüber hinaus sieht sich Europa im Vergleich zu anderen Regionen mit einer strukturellen Investitionslücke konfrontiert, insbesondere bei der Skalierung von Innovationen und der Förderung wachstumsstarker Technologie-Ökosysteme. Dies führt zu einem Spannungsverhältnis zwischen regulatorischen Ambitionen und industriellen Kapazitäten. In diesem Zusammenhang sollten Rahmenwerke wie der AI Act (EU-Verordnung zu KI, Anm. der Red.) als Festlegung einer gemeinsamen Basis verstanden werden. Doch ihre Wirksamkeit wird letztlich von einer koordinierten Umsetzung, ausreichenden Investitionen und der Fähigkeit abhängen, die Innovationspolitik mit den Regierungszielen in der gesamten Union in Einklang zu bringen.
Sie haben eine beachtliche Karriere hingelegt, was empfehlen Sie jungen Menschen?
Sie sollten interessiert sein. Wissen ist das Schlüsselwort. Wir müssen wissen, wie die Welt funktioniert, um den Herausforderungen von heute zu begegnen. Ich beispielsweise habe mich auf Technologien konzentriert. Als ich in Harvard studierte, war ich erstaunt darüber, dass wir für unsere Abgaben ein Profil auf Facebook erstellen sollten. Ich fragte nach, wieso die Universität mit einem profitorientierten Unternehmen zusammenarbeitet, das unsere Daten für kommerzielle Zwecke nutzt. Mit dieser Frage fing alles an (lacht). Bis heute ist diese Neugier ein Ansporn für mich. Denn wenn überall Verwirrung gestiftet wird, braucht es umso mehr wissenschaftlich geprüfte Fakten, um unsere Demokratien zu schützen.
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WoMen in Tech-Event von Thrive+
20. Mai 18 Uhr Progress Group Brixen
Einlass ab 17 Uhr
Keynote von Luana Lo Piccolo zu „Responsibility, governance and real-world ethical implications of emerging technologies“ in englischer Sprache
Podiumsdiskussion ebenfalls in Englisch mit Angelika Peer (Freie Universität Bozen), Elisa Piras (Eurac Research) und Luana Lo Piccolo, Moderation: Stefania Tiboni
Hier der Link zur Anmeldung.
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