Bumser 2.0
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Es ist 5:45, als mich das erste Rudel aus dem Schlaf sägt. Kein Hahn, kein Kuckuck – ein Schwarm Chevrolet Corvettes, der sich durch die Kehren unterm Schlafzimmerfenster quält. Lerchengesang; verglichen mit der Horde Harleys, die kurz danach mitten durch die Bettstatt röhrt. Ich liege im Dunkeln und zähle: siebzehn Maschinen in vier Minuten. Früher zählte man bei Schlaflosigkeit Schäfchen, ich zähle Bierbäuche auf zwei Rädern, die ihre Maschine im Anhänger über den Brenner karren, um hier oben mit 130 ihrer Jugend nachzujagen. 50+, weil das, was um halb sechs unterm Fenster aufheult, das Einzige ist, was mann in dem Alter noch zuverlässig auf Touren bringt.
Der ursprüngliche Plan, das Grödner Joch nur im September und Oktober zu sperren – also dann, wenn die Sentas und Scusis abgereist sind und man sich als Einheimischer wieder in die Dolomiten traut – hätte sogar die Kienzl mit ihrem „Man hält uns für doof“ quittiert. Das Kletterfenster am Brunecker Turm im Herbst zusperren, aber offen lassen, solange die Brieftasche im Land Urlaub macht? Nicht für doof – für total bescheuert.
Was soll ich sagen: Jetzt wird sogar dieses Schamtuch an Verkehrsberuhigung zurückgenommen. Nix Sperre. Jahrelang hieß es, wir hätten trotz tollster Autonomiereform keine Handhabe gegen die Lamborghini- und Ford-Mustang-Conventions; kaum ist eine ZTL doch rechtlich möglich, hat mich der personifizierte Interessenskonflikt des Hotel Delta in Kolfuschg in seiner Unfähigkeit nicht enttäuscht – war eh klar, dass der sich nicht selbst das Wasser, pardon, die Motorradgäste abgräbt. Also wird weiter testgelaufen, monitoriert und arbeitsgegruppt, natürlich alles digital: Nullen, die sich für die Nummer eins halten. Damit wird mein alter Plan schlagend: Welche Möglichkeiten habe ich im Rahmen von Gesetz und Ordnung, um Driftern, Oldtimerrennen und der Karawane an Harleywompen den Garaus zu machen – und was würde es mich kosten!
Art. 595 Codice Penale – Diffamazione
„… offende l’altrui reputazione, è punito con la reclusione fino a un anno o con la multa fino a milletrentadue euro.“
Ein Jahr Haft, nur zum Einwärmen, sportlich, aber machbar. Das Ziel ist schnell ausgemacht: Der Mensch beim HGV wehrt nach wie vor ab, dass seine Bettenburger irgendeine Schuld am Verkehrskollaps trügen – obwohl ihn der Arno-Boy von der A22 mit Zahlen Lügen straft: Im November rollt der halbe Verkehr wie im August. Da ließe sich ansetzen. CEO ist in Südtirol kein Akronym für „Chief Executive Officer“, sondern für „Coglione Esel Orschloch“. Reicht das als Verleumdung?
Art. 18 TULPS – Pubbliche riunioni
„I promotori di una riunione in luogo pubblico … devono darne avviso, almeno tre giorni prima, al Questore. I contravventori sono puniti con l’arresto fino a sei mesi …“
Eine unangemeldete Mahnwache vor dem Pfarrplatz 11 der Weltlandeshauptstadt wäre das Mindeste, um auf die verkehrsüberlasteten Pässe aufmerksam zu machen. Wer, wenn nicht die IDM schaufelt uns die neun Millionen Ankünfte ins Hoametl? Eigentlich wollte ich auf mein Schild „Mann von Tchibo go home“ schreiben – meine Vatersprache Englisch für einen Mann, in dem kein gerader deutscher Satz wohnt, schien mir angemessen. Dann durfte ich mit Freude lesen, dass er ohnehin weiterzieht, um – wie heißt das in diesem bescheuerten Managersprech immer - „sich neuen Aufgaben zuwenden“; Herausforderungen suchen; gestalten(!!!). Also schreibe ich „Danke für nichts“.
Art. 1 D. L. 22 gennaio 1948, n. 66 – Impedimento della libera circolazione
„Chiunque, al fine di impedire … la libera circolazione, depone o abbandona congegni o altri oggetti di qualsiasi specie in una strada … è punito con la reclusione da uno a sei anni.“
„Depone o abbandona congegni“ bezieht sich auf die Krähenfüße, die ich auf der Sella Ronda großzügig säen würde. Selbstredend würde ich mit den Gommisti und den Abschleppdiensten vorher einen großzügigen Franchise-Vertrag abschließen. Der Erlös ginge als Schmerzensgeld an uns arme Übernachtige, die von der Hatz um die Berge bei MorgenGrauen aus den Betten geworfen werden. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, könnte man gleich mit TÜV und Stiftung Warentest eine Studie zur Sicherheit von Helmen und Motorradkleidung anlegen. Bei der Menge an zu erwartenden Stürzen hätte man ein aussagekräftiges Sample unter Laborbedingungen. Kehre Neun: 2x Querschnittslähmung trotz Protektoren und Tartaruga aus Hartgummi. Ich schweife ab.
Art. 423 Codice Penale – Incendio
„Chiunque cagiona un incendio è punito con la reclusione da tre a sette anni.“
Natürlich würde ich die Autos erst abfackeln, nachdem ihre Insassen ausgestiegen sind, um das Bergpanorama zu fotografieren – obwohl ich gestehe, dass die Versuchung, nicht zu warten, groß ist. Und ich würde keinen Unterschied zwischen einem Ferrari und einem Tesla machen, zumal letztere hervorragend brennen, wie man bei den Protesten gegen Elon Musk gesehen hat. Logistisches Problem: Viele heizen über die Pässe, ohne ein einziges Mal anzuhalten – das Adrenalin unter den Haarspitzen schnürt die Harnblase ab. Halt, auf der Südtiroler Seite des Timmelsjochs hat man mit den Mautgeldern ja diese bescheuerten Fotospots geschaffen. Gugger, Riesenstühle, Klettergerüste für die kleinen Racker in Plan de Gralba oder beim Passo Sella Dolomiti Mountain Resort – und der Moment zum Zündeln ist gebongt.
Art. 605 Codice Penale – Sequestro di persona
„Chiunque priva taluno della libertà personale è punito con la reclusione da sei mesi a otto anni.“
Vermutlich kommen noch Sachbeschädigung und allerlei aggravanti hinzu, wenn ich die Wildcamper um Mitternacht auf einen Abschleppwagen hieve und beim nächstgelegenen Campingplatz entsorge. Selbstredend versiegle ich vorher die Türen und fetze mit einem Affenzahn durch die Kehren ins Tal – damit sich die blauen Flecken für die lesioni personali auch ordentlich auszahlen. Ich wette, es spricht sich in den einschlägigen Foren binnen einer Woche herum, dass man in Südtirol besser nicht am Straßenrand mit Bergblick übernachtet – ungeachtet dessen, ob das Verwaltungsgericht das Wolkensteiner Camper-Verbot kassiert hat oder nicht.
Art. 426 Codice Penale – Inondazione, frana o valanga
„Chiunque cagiona … la caduta di una valanga, è punito con la reclusione da cinque a dodici anni.“
Fünf bis zwölf Jahre ist heftig. Aber was tut man nicht alles, damit endlich a Ruah isch. Der Plan: die Sellatürme auf der einen, den Brunecker Turm am Grödner Joch auf die andere Seite auf die Passstraße runtersprengen, sodass die Straßenmandr vom Beton-Daniel mindestens bis 2038 brauchen, um sich durch den Schutt zu wühlen – also ungefähr bis zu dem Tag, an dem ich wegen schlechter Führung auch den letzten Tag im Tschumpus abgesessen habe.
Ich höre Ihren Einwand: dass ich damit nichts gewonnen, im Gegenteil meine eigenen Kletterrouten in den Schutt gesprengt hätte – die Stegerkante am ersten, die Messner am zweiten, die Vinatzer am dritten Sellaturm, dazu die Ottovolante am Brunecker Turm; Routen, in denen ich mir die Finger wund gerissen habe.
Sie verkennen, wozu Männer fähig sind, um in die Geschichtsbücher einzugehen. Angefangen bei Herostratos, dem Brandstifter des Tempels der Artemis, über Arno, den Autonomiereformer (damit nach drei Legislaturen wenigstens eine Fußnote in der Geschichte übrigbleibt), bis zu Goggel Totsch, dem Zerstörer der Kletterrouten und Passstraßen, dem die Verlogenheit ums UNESCO-Weltnaturerbe einfach zu viel wurde.
Moooment! Jetzt habe ich mich wie die Winkeladvokaten durch den walschen Codice Penale gewühlt und sehe erst jetzt, dass für meine Taten gar nicht Bozen, sondern der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag zuständig wäre. Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord – in meinem Fall: Genozid am Volk der Touristen.
Vor 65 Jahren haben die Buabm in der Feuernacht die Hochspannungsmasten umgelegt, die den Strom in die Bozner Industriezone schaufelten – Sabotage gegen einen Staat, der ihnen die Heimat genommen hatte. Ich bin der Bumser 2.0: Ich sprenge keine Masten gegen Rom, ich sprenge die Sellatürme gegen ein Geschäftsmodell. Der Kerschbaumer wollte die Montecatini treffen, ich treffe die IDM. Damals stand am Schild „Los von Rom“, bei mir steht „Los von Tchibo“. Die einen wurden zu Märtyrern und kriegten Gedenkfeiern in St. Pauls, ich krieg fünf bis zwölf Jahre und einen Eintrag bei den niederen Beweggründen. So ändern sich die Zeiten: Früher saß der Feind in Trient, heute checkt er um 15:01 im Hotel Delta ein.