Nische nachhaltiges Sanieren
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Jetzt S+ abonnierenDer Bausektor ist einer der größeren Hebel im Klima- und Ressourcenschutz. Laut jüngstem Bericht von UNEP und der Global Alliance for Buildings and Construction verbraucht er rund 32 Prozent der globalen Energie und verursacht rund 34 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen. In Italien drängt ISPRA, das nationale Institut für Umweltschutz und Umweltforschung, daher auf Kreislaufwirtschaft im Bauwesen: Stichworte sind hier: Bau- und Abbruchabfällen sowie Umweltmanagement. In Deutschland sprach sich der Sachverständigenrat für Umweltfragen in einer aktuellen Stellungnahme für Kreislaufwirtschaft im Bausektor aus: Bestehende Bausubstanz soll erhalten, Baustoffe wiederverwendet und Um- oder Rückbau bereits bei der Planung mitgedacht werden.
Genau hier setzt das grenzüberschreitende Interreg-Projekt RenewLab – Sanierungspraxiszentrum an: In Schlanders, der Tiroler Gemeinde Obertilliach und Calalzo di Cadore in Belluno entstehen drei sogenannte Living Labs, in denen nachhaltiges und kreislauffähiges Sanieren und Bauen unter realen Bedingungen getestet werden soll.
Wie kann Leerstand zum Labor für nachhaltige Sanierung werden? André Mallossek Koordinator der Plattform Land und BASIS-Projektmanager Luca Daprà erklären den Ansatz von RenewLab.
Labor für nachhaltiges Bauen
Konkret entstehen drei sogenannte Living Labs. Dabei handelt es sich um reale Lern-, Versuchs- und Ausstellungsräume in bestehenden beziehungsweise leerstehenden Gebäuden. Für Luca Daprà, Projektmanager für Finanzierung und Projektentwicklung in der BASIS Vinschgau Venosta, liegt der Ansatz nahe. Die BASIS selbst sei bereits ein Beispiel dafür, wie Leerstand neu genutzt werden kann. Die Kreativwerkstatt in den ehemaligen Räumlichkeiten der Drusus-Kaserne zeige, welches Potenzial in bestehenden Gebäuden stecken könne. „Das Thema Sanieren im Leerstand ist Teil unserer Identität“, sagt Daprà. In den Räumlichkeiten der BASIS soll mit regionalen und biobasierten Materialien wie Holz, Hanf, Lehm, Kalk oder Stroh experimentiert und ihre Verwendbarkeit etwa für Dämmungen, Putze, Böden oder Fensterlösungen erprobt werden.
RenewLab soll nicht bloß ein einzelnes Gebäude sanieren und am Ende ein fertiges Vorzeigeobjekt präsentieren. Vielmehr soll der Sanierungsprozess selbst sichtbar und nachvollziehbar werden. In der BASIS entstehen dafür Räume, in denen unterschiedliche Wandaufbauten, Materialien und Sanierungsschichten gezeigt, verglichen und getestet werden.
„Das ist ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt, das weit über die Gemäuer der BASIS hinausgeht.“
Daprà erklärt: „So könnte etwa eine Wand teilweise saniert und teilweise im ursprünglichen Zustand belassen werden, um Unterschiede und Wirkungen direkt erfahrbar zu machen. Sensoren und Monitoring sollen zusätzliche Daten liefern. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich nachhaltige Materialien im bestehenden Gebäudebestand sinnvoll einsetzen lassen. Denn gerade bei Sanierungen gibt es keine Standardlösung: Denkmalschutz, Fassaden, Raumzuschnitt und Bausubstanz verlangen je nach Gebäude unterschiedliche Antworten.“
Die Ergebnisse sollen auch für Betriebe, Schulen, Gemeinden und Gebäudeeigentümer nutzbar gemacht werden. „Das ist ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt, das über die Gemäuer der BASIS hinausgeht. Ein Teil der Projekttätigkeit wird außerwärts stattfinden, zum Beispiel in Schulen oder im NOI-Techpark“, betont Daprà.
RenewLab soll also auch als Schulungs- und Weiterbildungsort dienen. Geplant sind Workshops, Exkursionen, digitale Formate und Kooperationen mit Berufsschulen. Die Berufsschule Schlanders liegt nur wenige hundert Meter von der BASIS in Schlanders entfernt und soll in das Projekt miteingebunden werden, ebenso der Wirtschaftsverband Handwerk und Dienstleister – lvh.
Entscheidende Akteure im Dialog
Für André Mallossek, Koordinator bei Plattform Land, liegt der eigentliche Mehrwert des Projekts in der dauerhaften Vernetzung. Die Plattform Land beschäftige sich seit Jahren mit Leerstand, Sanierung und ländlicher Entwicklung, vor allem wenn es darum gehe, jene Akteure zusammenzubringen, die in der Praxis entscheidend sind: Land, Gemeinden, Handwerksbetriebe, Architektinnen und Architekten, Forschungseinrichtungen, Ausbildung, Verwaltung, Eigentümerinnen und Eigentümer.
„Gerade daran scheitert nachhaltige Sanierung nämlich häufig. Die einen planen, die anderen führen aus, Gemeinden müssen genehmigen oder begleiten – doch nicht immer wird dasselbe Wissen geteilt. Der Mehrwert, den wir mit dem Projekt erzielen, besteht auch darin, Leerstandsmanagement nicht als Top-down-Mechanismus zu vermitteln, sondern im ländlichen Raum zu verankern“, so Mallossek.
„Nachhaltiges Sanieren und Bauen im alpinen Raum kann eine Nische besetzen, die eine echte Chance für die Zukunft ist!“
Das Projektthema sei eng mit den großen Fragen des ländlichen Raums verbunden: Leerstand, Bodenverbrauch, leistbarer Wohnraum und Ortsentwicklung. „Im Alpenraum ist Fläche ein knappes Gut, aber wir sind reich an Naturmaterialien. Nachhaltiges Sanieren und Bauen im alpinen Raum kann eine Nische besetzen, die eine echte Chance für die Zukunft ist“, betont Mallossek. Deshalb müsse der Blick stärker auf bestehende Gebäude gerichtet werden. Er führt aus: „Sanierung kann helfen, Boden zu sparen, Wohnkosten zu senken, Ortskerne zu stärken und vorhandene Ressourcen besser zu nutzen“.
Living-Lab-Beispiel: CUBO-Prototyp
Ein Teil des Projekts widmet sich auch neuen Wohnformen. So soll in den BASIS-Laboratorien im Zuge von RenewLab erste Prototypen des Projekts „The CUBO – Compact Urban Built Optimization“ realisiert werden. Dabei handelt es sich um ein Konzept des jungen Architekten Mattia Montagna, mit dem kompakter qualitätsvoller Wohnraum auf kleinem Raum geschaffen werden soll. The CUBO funktioniert als Raum-in-Raum-Lösung: In bestehende, leerstehende Räume wird ein modulares Wohnsystem eingebaut. Die technische Installationsebene wird dabei über einen umlaufenden, unauffällig integrierten Sockel geführt. Dadurch müssen bestehende Böden nicht aufgeschlagen werden, und Eingriffe in die Bausubstanz bleiben auf ein Minimum reduziert. Der Würfel misst 2,20 x 2,20 x 2,20 Meter und integriert zentrale Funktionen einer Wohnung: Küche, Bad, Stauraum und ein ausziehbares Doppelbett.
Das System ist als Plug-and-Play-Modul gedacht und soll sich rasch sowie vergleichsweise kostengünstig in bestehende Gebäude integrieren lassen. Leerstehende Räume könnten dadurch für verschiedene Wohnformen nutzbar gemacht werden. Dabei ist The CUBO noch keine fertige Serienlösung. In der BASIS soll nun getestet werden, wie bestehende Bausubstanz durch das Konzept von Montagna flexibler, ressourcenschonender und leistbarer genutzt werden kann – ein möglicher Ansatz gegen Leerstand und Wohnungsnot sowie für schneller realisierbare, leistbarere Wohnmodelle.