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Gesellschaft | Fritto Misto

Alles raus – ich halt‘s nicht aus

Online Second-Hand zu kaufen ist günstig und nachhaltig. Nur nicht für unsere Nerven.

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Der Frühling verleitet bekanntermaßen nicht bloß dazu, sich fortzupflanzen, sondern auch endlich Kästen und Schränke auszuräumen, was mindestens ebenso befriedigend sein kann. Besonders wer Kinder hat, wird feststellen, dass sich von Jahr zu Jahr mehr Kleidung, Spielzeug und Firlefanz ansammeln, derer man kaum noch Frau wird. 

Doch es gibt es Abhilfe, und nachhaltige noch dazu: In Facebook-Gruppen, die irgendwas mit RAUS und ZUHAUS heißen und meist durch Großbuchstaben und die großzügige Verwendung von Rufezeichen die Dringlichkeit der heimischen Entrümpelung unterstreichen, oder aber auf den zahlreichen „Babyflohmarkt“, „Flohmarkt für Kinder“, „Baby-und Kinderflohmarkt“-Seiten und seinen Ablegern könn(t)en alle selig werden: Der, dessen sehnlichster Wunsch es immer schon war, ein handgeschnitztes 20-teiliges Weinbecher-Set aus Ultner Wurzelholz sein eigen zu nennen, und der, der das (geerbte? geschenkte?) Glump einfach nur loswerden will. Die, die die abgenudelte Playmobil-Ritterburg nicht wegwerfen will, und die, die sich darüber freut, dass sie das Teil günstig bekommt, ganz ohne den Konsumwahn zu befeuern. 

 

Der Informationsaustausch ist knapp und effizient, das Geld abgezählt, und tschüs

 

Theoretisch ein Win-win, und manchmal klappt es ja auch wirklich ganz wunderbar: Zwischen den Artikel online stellen und Abholung vergeht ein überschaubarer Zeitraum, der Informationsaustausch ist knapp und effizient, das Geld abgezählt, und tschüs: Viel Spaß damit! In solchen Momenten frage ich mich, wieso ich das nicht öfter mache – die Antwort darauf gibt es spätestens bei der nächsten Interaktion mit scheinbar kaufwilligen Interessentinnen (ja, es ist vorwiegend eine Frauendomäne, weshalb im Folgenden die Typen in der weiblichen Form beschrieben sind), hinter denen sich die Reiter der Apokalypse verbergen, die es bloß auf deinen Nervenzusammenbruch abgesehen haben. Da hätten wir etwa:

- den Info-Junkie: Sie will alles über den Artikel wissen, und mit alles meine ich auch wirklich: alles. Wie lang, wie breit, wie hoch, wie tief, wo gekauft, wie oft benutzt, Abnutzungsspuren bitte? Welches Material, wie oft gewaschen und kann ich es in den Trockner geben? Mit einem verschwommenen Foto vor unaufgeräumtem Hintergrund ist sie nicht zufrieden, sie will: „Noch mehr Bilder, bitte“, am besten aus jeder erdenklichen Perspektive, und eine detaillierte Beschreibung des Objekts, keine faul hingeworfenen drei Worte. Wenn du das alles geliefert, ja sogar noch den drei Jahre alten scontrino rausgestriahlt hast, werden deine Mühen wie folgt belohnt: „I überlegs mir.“ Natürlich hörst du nichts mehr von ihr.

 

Der Burner kommt dann, wenn man den Deal eigentlich schon als abgeschlossen betrachtet, und er ist vernichtend: „Iatz muas i lei no in Monn frogen.“

 

- das Tradwife: Der Informationsaustausch mit dem Tradwife verläuft zunächst eigentlich recht erfreulich. Es will zwar was wissen, aber nicht allzu viel, meldet sich verlässlich wieder, streut ein wenig Smalltalk ein, aber nicht unangenehm, und macht keine Zicken, wenn es heißt: Bitte selbst abholen. Der Burner kommt dann, wenn man den Deal eigentlich schon als abgeschlossen betrachtet, und er ist vernichtend: „Iatz muas i lei no in Monn frogen.“ Wirklich. Ich hoffe stets, dass der Sager bloß eine faule, wenn auch peinliche, Ausrede ist, weil sie es sich anders überlegt hat; die Vorstellung, die gute Frau müsse tatsächlich den Gebieter fragen, ob sie das Kinderkappele um 5 Euro erstehen dürfe, ist gar zu unerträglich. „Der Monn“ scheint übrigens immer „njet“ zu sagen. 

- die Verschollene: Für mich persönlich der Endgegner, weil dich diese Spezies geschickt über einen längeren Zeitraum zwischen Sorge und Fassungslosigkeit oszillieren lässt. Sie schreibt – aber nur einen Satz. Du antwortest sofort, das Gesetz der Verschollenen will es aber so, dass du die Reaktion darauf erst wieder in nicht weniger als 24 Stunden erhalten wirst. So zieht sich ein Verkaufsgespräch, das mit ganz oben geschilderten No-Nonsense-Partnern in zwei Minuten abgeschlossen ist, über Wochen hin. Das macht nix, wenn du der Verkäufer bist und gleich den Braten riechst, artet aber in Seelenpein aus, wenn du den Artikel unbedingt haben willst, die Verkaufspartei sich aber nur alle heilige Zeiten dazu bequemt, dir zu antworten. Ist sie in Geiselhaft? Permanent im Funkloch? Macht sie Digital Detox und hat nur eine Minute Handyzeit am Tag? Oder macht sie sich ganz einfach einen Jux daraus, dich zappeln zu lassen? Fazit ist, der Deal wird nie zustande kommen. In der Geschwindigkeit, wie die Konversation vorangeht, ist es sowieso unmöglich, Abholzeit und -ort zu definieren, da sich derweil Zeitrechnung und Tektonik ändern.

 

„Nimsch es norr?“

 

-das Plaudertäschchen: Das Plaudertäschchen ist anfangs recht reizend weil sehr kommunikativ, aber schon bald kommen dir Zweifel, ob es wirklich an der schnürlsamtigen Bubenhose Größe 98 oder doch nur an Zeitvertreib interessiert ist. Es stellt wohl Fragen zum Artikel, doch, aber mehr noch liefert es selbst ungefragt Auskunft über den zukünftigen Träger der Bubenhose Größe 98 und die eigene Lebenssituation. Das ist natürlich voll okay, macht aber das Gespräch schwierig: Die eine Seite will effizient verkaufen, die andere will: einfach nur ratschen. Das funktioniert bis zu einem gewissen Punkt (der sich am Geduldsfaden des Verkäufers befindet) und mündet schließlich erschöpft in die Frage: „Nimsch es norr?“, welche meist mit „Jo, wenn du mirs bringen kannsch weil i wohn jo in XY und s Auto hot der Monn und morgen muas i orbeiten und der Bus fohrt aa lei die holbe Zeit.“ Vermutlich ist durch das Gequatsche die Illusion eines Nahverhältnisses entstanden, in der mal solche Freundschaftsdienste durchaus einfordern kann (und bei ausreichender Weichkochung auch tatsächlich erbringt; Hauptsache, dann ist Ruhe).

Es gibt gewiss noch weitere Typen (die Reservierungssüchtige, die Feilscherin, etc.), die leidgeprüftes Kopfnicken bei der Leserschaft hervorrufen, aber mein Appell: Lasst euch nicht abschrecken. Augen zu und durch. Wenn dabei auch ein paar Nervenstränge draufgehen, tröstet euch damit: Ihr tut der Umwelt Gutes. Und dem Geldbeutel auch.