Lilly
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„Minikuchen für Zwei“, hieß das Rezept. Spätestens ab vier Uhr morgens hörte man unsere zwei Laggl in der Küche werkeln. Eva hört sowas nicht - ich bin die mit dem leichten Schlaf.
Ihr Denkfehler war, dass sie dachten, die Teigmasse wäre für zwei Personen, nicht zwei Backformen. Der Marmorkuchen ist in der großen Gugelhupfform nie richtig durchgebacken; war immer etwas gleim. Natürlich haben wir all die Jahre nie etwas gesagt und uns einfach gefreut. Heutzutage bin ich schon froh, wenn die Buibn am Muttertag die Pfannen abwaschen: halbnüchterne Abspüler – mit Restalkohol von Samstagnacht.
Lilly hat nie einen Kuchen gebacken, den Tisch mit einem Gläschen Himmelsschlüssel dekoriert oder mir ein Portrait gemalt, das die Kindergartentante dann zu einem Tischunterleger laminierte. Lilly hatte dazu auch keine Chance. Lilly hatte nie eine Chance.
Ich habe den Gedanken, etwas könnte schief laufen, nicht zugelassen. Nicht auf Intensiv. Ich meine, als man sie vorzeitig geholt hat. Das war keine Option. Lilly sah das genauso: Sie hat gekämpft. Wie … wie ihr Sternzeichen. Und wir haben uns von einem Raum zum nächsten gerungen. Langsam; Richtung Stationstür: Raus aus der Intensiv; ohne Sauerstoffschlauch; Milch am Wattestäbchen nuckeln; den Herzrhythmus stabilisieren. Ich war so voller Hoffnung für mein kleines Mädchen. Immer. Bis Dienstag.
Deshalb habe ich ganz bewusst nie auf die Zahl mit der Sauerstoffsättigung geschaut, nachdem es sie erwischt hat – nie. Natürlich lauert da der Zweifel; hinterm Schrank mit den Windeln, hockt auf dem Dräger-Turm. Aber man darf ihn nicht beachten. Sonst hat er gewonnen. Er ist fies. Man streichelt über warme Haut und plötzlich glotzt er einen an.
Darum bin ich explodiert. Ich habe den Arzt angefaucht, als er sagte es wäre besser Lilly gehen zu lassen. Gehen lassen! Verstehen Sie? Gehen lassen. Er hat nichts gesagt. Nur genickt. Das hat mich noch wütender gemacht. Es war nicht fair. Eva hatte ihre zwei Laggl und ich sollte keine Mama sein? Ich hätte auch gebrüllt, aber nach dem Monat auf der Intensiv, senkt sich die Stimme ganz automatisch, wenn hinter einem die schwere Stationstür ins Schloss fällt. Alles habe ich ihn geheißen. Dass er gehen soll. Sich zum Teufel scheren. Dass meine Lilly zu mir gehört, und …
Später am Abend, als ich dann eingewilligt habe, wollte ich mich entschuldigen, aber da war er nicht mehr im Dienst. Er kam dann zur Beerdigung. Ich war so baff. Ich habe mich so geschämt. Die totale Merda. Ich habe nur ganz kurz aufgesehen, als er mir Beileid wünschte. Dabei wollte ich ihm doch danken. Danken, weil er für die Tochter die einzig richtige Entscheidung getroffen hat, als ihre egoistische Mama das nicht konnte.Viel weiß ich von jenem Abend nicht mehr. Ich habe Eva angerufen und gesagt, dass sie bitte, bitte nicht kommen soll. Sie hat es verstanden. Irgendwie.
„Sie wissen, wo die Klingel isch“, hat die Schwester gemeint, nachdem sie den Schlauch abgenommen hatte und dann die Zimmertür hinter sich zuzog. Ich glaube, es war Caroline, aber beschwören könnte ich es nicht. Dann waren nur noch wir zwei. Lilly und ich. Und ich habe alles gesehen und gehört und gerochen. Alles: Ein Blau, das sich langsam in die Lippen frisst. Das Geräusch, wenn die Lunge nach Luft schnappt und nur dieses schaumige Rasseln kommt. Der Geruch nach Desinfektionsmittel und süßlich nach Muttermilch. Sie wurde leichter.
Hirsch ist mir in den Sinn gekommen. Ludwig Hirsch und sein blöder „Komm großer schwarzer Vogel“. Mit dieser Scheiß Textzeile „Na, na, na. Is ka Grund zum Traurigsein!“. Ich war so wütend auf mich. Weil ich bei Hirsch war und nicht bei meiner Gitsch. Kann man eine schlechtere Mutter sein?Manchmal hat Lilly mich angesehen. Ja, natürlich können Babys in dem Alter nicht sehen, also nicht richtig, aber ich habe mich in ihrem Blick sicher nicht getäuscht. Mütter spüren das. Und ich habe mir vorgestellt, was ich alles verlieren werde:
Wie sie zum ersten Mal „Mami“ für Eva und „Mama“ für mich richtig auseinanderhält. Sie mir mit vier den Grüffelo „vorliest“ und an den richtigen Stellen umblättert. Ihr erster Backside Heelflip. Die Diskussion, dass Dreizehnjährige ein Handy ohne Net Nanny App haben sollten. Die hysterische Szene um ein Uhr morgens, weil die zehn Seiten Absolutismus/Merkantilismus um diese Stunde nicht mehr in den Kopf wollen.Ihr und mein Leben zog an mir vorbei. Unser Leben. Mit jedem Atemzug. Flacher.
Ihre winzigen Finger haben meinen Zeigefinger umklammert. Ganz zart. Kaum spürbar. Sie war so schön. Ihre Flaumhärchen. Ihre Fingernägel. Ich habe nie einen zarteren Menschen gesehen. Wunderschön. Und ich wollte einfach nicht, dass du jetzt gehst und ich alleine zurückbleibe. Weil ich muss dir doch so viel sagen und so viel zeigen. Und so viel falsch machen. Und versagen. Wie alle Eltern. Dich anbrüllen und ohrfeigen. Und ich habe gebetet: Nicht jetzt. Nur noch eine Minute länger. Bitte. Ein Atemzug noch.
Und dann ist sie … also sie hat … ich meine …Dann war sie weg.
Ich weiß nicht, wie lange ich da gehockt bin. Der große schwarze Vogel hat nicht nur mein Gitschele mitgenommen, sondern auch die Zeit. Aber ich weiß noch, dass Caroline oder Alessia oder Evelin kein Wort gesprochen hat, als sie später ins Zimmer kam. Sie bewegte sich irgendwie wie in Zeitlupe. Ich habe sie angesehen. Lange. … und dann hat sie genickt. Sie hat Lilly von meinem Schoß genommen. Ganz, ganz vorsichtig; sachte und ich habe nie mehr Respekt in einer Geste gesehen als damals. Und sie hat das Leichteste und das Schwerste von mir genommen und dann ist alles zerbrochen … dann bin ich zerbrochen.
Ich habe dieses Zimmer nie verlassen. Nicht ganz, wollte ich sagen. Ich habe so gut es ging zusammengeklaubt was noch von mir übrig war, aber etwas ist dort geblieben. Etwas, das Wunden nicht heilen lässt. Die Erinnerung ist wie ein offenes Bein. Sie tut immer weh. Jetzt seltener. Aber der Gedanke an Lilly überfällt mich in den unwahrscheinlichsten Augenblicken und der einzige Unterschied zu jenem Dienstagabend ist, dass es jetzt ein dumpfer Schmerz ist - patiniert irgendwie. Seltsam entrückt.
Keiner von unseren Freunden hat es offen angesprochen, aber ihre Blicke haben mir eine weitere Schwangerschaft gewünscht: Eine Lisa, einen Max, eine Mia. War nie Thema für mich. Ich hätte mir nochmals die Gedärme aus dem Leib gekotzt; meinen Wompen auf die Tiefrasten geschleppt; den letzten Monat verliegen. Das war es nicht.Ich wollte nie wieder einem Kind beim Sterben zusehen. Nie wieder.
Ich kenne mich. Und dann bin ich ja schon Mama - der Laggl. Darum; keine kleine Schwester für die Laggl. Kein Schulhofblaffn: „Des sog i meina grousšn Briada.“ Ich bin alleine geblieben.
Geblieben. Geblieben ist nur die Erinnerung an ein kleines Mädchen namens Lilly. Wir haben sie verlegt – die Erinnerung; also zeitlich. Auf den Muttertag. Wir feiern Lillys Geburtstag nicht am 14. August, sondern immer am Muttertag. So wird er nicht vergessen. Feiern Sie mit, wenn Sie wollen. Sie sind herzlich eingeladen. Ich bin sicher, Lilly würde sich freuen. Also, wenn Sie Sonntag kurz Zeit haben - nach Marmorkuchen und Abwasch - stimmen Sie ein. Kann auch nur in ihrem Kopf sein. Lautlos:
Happy Birthday to you …
Happy Birthday Lilly!
Happy Birthday Lilly!
I werd singen, i werd lachn,…
I werd singen, i werd lachn, i werd: Des gibt’s net! schrein. Lilly in the Sky with Diamonds - happy birthday to you!