Wicked and Bonny als Bass-Rebel
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SALTO: Herr Mair, wenn Sie an die Anfänge in Schlanders 2015 zurückdenken – hätten Sie damals geglaubt, dass dieser eigenwillige Dub-Sound aus dem Vinschgau mal auf den größten Festivals der Welt (wie dem Outlook oder No Logo) funktioniert?
Markus Mair: Als wir 2015 im Wicked and Bonny Studio angefangen haben zu produzieren, war genau das unsere Vision: einen authentischen Sound zu schaffen, der sowohl in der Soundsystem-Kultur als auch auf großen Festivalbühnen funktioniert. Dieser Sound hat sich auf eine sehr natürliche Weise entwickelt, und vielleicht haben wir damit in dieser Zeit sogar etwas frischen Wind in die internationale Dub-Szene gebracht. Unsere Musik und die ekstatische Energie dahinter eignen sich besonders gut dafür, den typischen Vibe von Dub-Partys auf ein neues Level zu heben.
Euer Name ist Programm – mal hart, mal melodisch. Wie schafft ihr es nach zehn Jahren immer noch, diese Balance zwischen digitaler Präzision und dieser rohen, analogen Ästhetik zu halten?
Unser Sound ist ein Wechselspiel aus Härte und Melodie – das spiegelt unsere persönlichen Stimmungen und unseren Geschmack wider. Manchmal braucht es diesen direkten, rebellischen ‚In-your-face‘-Vibe als Ausdruck unseres Frusts über ein System, das das Leben als Musiker oft herausfordernd macht. In anderen Momenten ist die Musik eher melancholisch, nachdenklich oder purer Ausdruck positiver Energie.
Die digitale Welt ist heute oft extrem komplex und unübersichtlich.
Technisch bleiben wir dabei unserem analogen Verständnis treu, auch wenn wir viele digitale Tools nutzen. Ableton Live verwenden wir beispielsweise eher wie ein analoges Mischpult, in das wir kontinuierlich analoges Material einspeisen. Die digitale Welt ist heute oft extrem komplex und unübersichtlich; ich bin daher sehr dankbar, dass ich noch mit einem analogen Ansatz gelernt habe. Diese Denkweise hilft uns bis heute, unseren Sound organisch, greifbar und reduziert zu halten
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Welche inhaltlichen oder musikalischen Ideale verfolgt ihr mit eurer Musik? Geht es primär um den ‚Vibe‘ auf dem Dancefloor oder gibt es eine tiefere Vision hinter dem Projekt?
Mit Wicked and Bonny wollen wir in erster Linie die Menschen zum Tanzen bringen und ihnen ein gutes Gefühl geben. Der Vibe auf dem Dancefloor ist uns sehr wichtig, aber dahinter steht auch eine klare Haltung. Wir möchten Menschen dazu ermutigen, ihre Träume zu verwirklichen und den Mut zu haben, ihre eigene Meinung zu vertreten. Gleichzeitig greifen wir immer wieder Themen wie Frieden und Gleichheit auf, Werte, die wir stark aus der Reggae-Kultur übernommen haben. Unsere Botschaft ist dabei bewusst einfach gehalten: Frieden und gleiche Rechte für alle.
Dub und Reggae gelten als ‚Rebel Music‘. Welche Funktion hat eure Musik heute in der Gesellschaft? Seht ihr euch als jemand, der die Leute nur zum Tanzen bringt, oder wollt ihr aktiv etwas wachrüttler?
Ja, das stimmt – Dub und Reggae werden oft als ‚Rebel Music‘ verstanden. Genau deshalb finden sie im öffentlich-rechtlichen Radio oft weniger Platz: Die Inhalte sind häufig nicht konform mit dem Mainstream – so wie vieles aus der Underground-Szene. Umso mehr freut es uns, wenn Legenden wie Don Letts oder David Rodigan unsere Tunes regelmäßig auf der BBC spielen. Big ups to the UK sound culture!
Für uns gehört beides zusammen: Wir bringen die Leute zum Tanzen, nutzen diese Plattform aber ganz bewusst, um zum Nachdenken anzuregen und die Menschen auch mal wachzurütteln. Die Energie auf dem Dancefloor ist unmittelbar, und genau dort lassen sich Botschaften am besten transportieren.
Sun is shining - Yellow Room Session(c) Wicked and BonnyIst Freude in der heutigen Zeit vielleicht sogar die radikalste Form des Protests? Ihr habt eine klare antikapitalistische Haltung. Wie schwierig ist es, diese Werte als Musiker zu bewahren, wenn man gleichzeitig Teil eines internationalen Marktes ist?
In dem Bereich, in dem wir uns bewegen, geht es oft ganz grundlegend ums Überleben. Gerade deshalb ist es eine ständige Herausforderung, die eigenen Werte zu bewahren und gleichzeitig Teil eines internationalen Marktes zu sein. Man muss immer wieder abwägen, wo man Kompromisse eingeht und wo nicht.
Warum war jetzt der Moment gekommen, Wicked and Bonny zu einer vollwertigen Live-Band mit Bass, Piano und Synthesizern auszubauen?
Manchmal muss man den eigenen Horizont erweitern, um nicht stehen zu bleiben. Die Vision, Wicked and Bonny als Live-Band weiterzuentwickeln, trage ich schon seit 2024 mit mir herum – ich hatte einfach Lust, etwas Neues zu schaffen.
In dieser Phase ist Nik Herold zu unserem Team gestoßen. Er unterstützt uns nicht nur bei organisatorischen und bürokratischen Themen, sondern ist zudem ein hervorragender Komponist und Synthesizer-Spieler. Unser Bassist Lele ist der Jüngste in der Runde; ich habe ihn bei einem Musikworkshop kennengelernt, und seine Motivation sowie seine Liebe zur Musik haben mich sofort überzeugt. Jackson komplettiert das Team als vielseitiger Multiinstrumentalist und Tontechniker. So hat sich das Projekt Schritt für Schritt ergeben, bis wir schließlich anfingen, regelmäßig gemeinsam im Studio an unserem neuen Live-Sound zu feilen
Wicked and BonnySeit der Gründung 2015 in Schlanders steht das Projekt Wicked and Bonny für einen kompromisslosen Mix aus Roots, Rebel Music und experimentellem Dub. Mit über 500 Shows in 30 Ländern – von legendären Festivals wie dem Outlook oder Boomtown bis hin zu intimen Soundsystem-Sessions – hat sich die Formation weltweit einen Namen gemacht. Ihr Markenzeichen ist die Verbindung von digitaler Präzision mit rauer, analoger Handarbeit im Stil von Ikonen wie King Tubby. Mit dem 2025/2026 gestarteten Projekt Echo Syndicate transformiert sich das Projekt nun zur vollwertigen Live-Band: Eine energetische „Dub Experience“, die das Spektrum von Reggae bis Techno erweitert und klassische Old-School-Techniken mit modernen Live-Effekten auf die Bühne bringt.
Sie arbeiten auch viel alleine (‚Maggu‘). Wie unterscheidet sich Ihre Arbeitsweise im Studio, wenn Sie einen Track für ein Solo-Set bauen im Vergleich zu einem Arrangement für eine ganze Band?
Nach einiger Zeit im Studio habe ich für mich verstanden, dass es im Grunde immer um Vibes und Settings geht. Ich baue die Drums mit Sequenzern und Percussions, zeichne oder spiele Melodien und Basslines, so entsteht zunächst ein Riddim.
Wenn ich alleine im Studio arbeite, liegt die Verantwortung ganz bei mir.
Darauf kommen dann finale Elemente wie Vocals oder ein Instrumentalist. Wenn ich alleine im Studio arbeite, liegt die Verantwortung ganz bei mir: den Vibe zu schaffen, frei im Kopf zu bleiben und die Ausdauer zu haben, Projekte langfristig fertigzustellen. Mit der Band läuft das Prinzip ähnlich ab, aber hier teilen wir uns die Verantwortung. Mehr Köpfe im Raum bedeuten, dass sich die Vibes multiplizieren. – Ideen werden gemeinsam ausgearbeitet und der Sound bekommt dadurch eine zusätzliche Dynamik, die allein schwer zu erreichen wäre.Werden eure Songs nach wie vor komplett in Schlanders aufgenommen und gemastert, oder holen Sie sich für den finalen Schliff externe Ohren dazu, um diesen globalen Sound zu garantieren?
Ein Großteil unserer Aufnahmen entsteht nach wie vor im Wicked and Bonny Studio in Schlanders. Gleichzeitig arbeiten wir aber auch in anderen Homestudios, zum Beispiel in Bozen, oder auf unseren Reisen. Meistens wird das Material zunächst im W&B-Studio im klassischen Dub-Mix-Stil vorgemixt. Für den finalen Mix/Mastering wende ich mich an externe Studios, damit im letzten Schritt die neutralen Ohren nochmal drüber arbeiten.
Ihr werdet vom IDM Music Fund gefördert. Inwiefern hilft euch das dabei, künstlerisch unabhängig zu bleiben?
Wir sind sehr dankbar, 2026 eine Förderung vom IDM Music Fund erhalten zu haben. Sie gibt uns die Möglichkeit, unsere Projekte frei zu gestalten und unsere künstlerische Vision umzusetzen. Der IDM Music Fund ist eine großartige Initiative, um die Musiklandschaft in Südtirol zu stärken und Künstlerinnen und Künstlern die nötige Unterstützung zu bieten.
Über 600 Shows weltweit sind eine Ansage. Organisiert ihr diesen massiven Tourplan immer noch komplett selbst aus dem Vinschgau heraus?
Einige wenige Gigs bekommen wir mittlerweile von Agenturen vermittelt. Den Großteil unserer Touren managen wir jedoch immer noch nach dem DIY-Prinzip selbst, direkt aus dem Vinschgau heraus.
Wie schätzen Sie die aktuelle Szene in Südtirol ein? Gibt es heute mehr Platz für experimentelle Soundsystem-Kultur als noch vor zehn Jahren?
Als wir vor zehn Jahren angefangen haben, waren wir eine der ersten, die die Soundsystem-Kultur im Reggae- und Dub-Style mit unserem handgebauten Soundsystem Botheration Hifi in Südtirol betrieben haben.
Man könnte immer über die begrenzten Möglichkeiten klagen, aber in den letzten Jahren habe ich eine positive Entwicklung beobachtet.
Von Anfang an organisierten wir Reggae/Dub Events in Südtirol und haben in den letzten zehn Jahren eine große Anzahl an internationalen Gästen eingeladen. Mittlerweile gibt es weitere Initiativen und Realitäten, die aktiv in der Region tätig sind. Das ist nur möglich, weil es überhaupt Raum dafür gibt und deshalb sind die wenigen Locations, die wir in Südtirol bespielen können, besonders wichtig. Man könnte immer über die begrenzten Möglichkeiten klagen, aber in den letzten Jahren habe ich eine positive Entwicklung beobachtet. Es gibt wirklich tolle Locations in Südtirol, mit denen wir seit Jahren zusammenarbeiten und dafür gebührt ihnen ein besonderer Dank.
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