Musik | Folk & House

Ehrlicher Sound und elektronische Welten

Jonas Oberstaller pendelt zwischen Folk & House, Südtirol und Berlin. Ein Gespräch über ehrliche Musik, das Dilemma des Fertigwerdens und den Wert kultureller Freiräume.
Jonas Oberstaller, Musiker und Sänger
Foto: Blitzkneisser
  • Salto: Jonas, du bist aktuell mit zwei sehr unterschiedlichen Projekten unterwegs. Wie fühlt es sich an, ständig zwischen verschiedenen kreativen Welten zu wechseln? 

    Jonas Oberstaller: Grundsätzlich ist es extrem spannend, aber man muss ehrlich sein: Es kann auch stressig sein. Man widmet sich oft phasenweise intensiv einer Sache, wodurch andere Projekte manchmal etwas schleppender vorangehen. Aber gerade der Kontrast zwischen akustischer und elektronischer Musik reizt mich. Das sind völlig unterschiedliche Welten, und ich finde es faszinierend zu sehen, wie sie sich parallel entwickeln oder ob sie in Zukunft vielleicht sogar verschmelzen können. 

    Gibt es eine Richtung, in der dein Herz ein Stück weit lauter schlägt? 

    Ich kann mich da schwer entscheiden. Ich komme ursprünglich aus der traditionellen Ecke – Instrumente, Gesang, ohne komplizierte Produktion.

     

    Aber wenn ich ganz ehrlich bin, liegt mir die einfache Kombination aus Gitarre und Gesang am meisten am Herzen.

     

     In den letzten Jahren habe ich mich intensiv in die elektronische Welt eingearbeitet und viel gelernt. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, liegt mir die einfache Kombination aus Gitarre und Gesang am meisten am Herzen. Das fühlt sich für mich am echtesten an. 

  • Dein musikalischer Weg begann ja sehr früh. Welche Instrumente begleiten dich heute? 

    Das fing tatsächlich mit einem Kinderakkordeon an, als ich drei war. Später kamen in der Musikschule Klavier, Gitarre und Gesang dazu. Heute sind das meine Hauptinstrumente, auch wenn das Akkordeon immer mal wieder seinen Platz findet. Ich liebe es aber auch, in Neues hineinzuschnuppern – egal ob Didgeridoo, Bass oder Bassgeige. Ich bin darin sicher kein Profi, aber dieses Ausprobieren ist für mich essenziell. 

    Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Übst du noch nach einem festen Zeitplan? 

    Mittlerweile ist das sehr projektabhängig. In meiner Kindheit und Jugend habe ich extrem viel Zeit investiert. Heute profitiere ich davon, dass ich seit über zwölf Jahren regelmäßig live auf der Bühne stehe. Diese Auftritte waren die besten Proben; man verfeinert seine Fähigkeiten einfach beim Spielen vor Publikum. Wenn jetzt ein wichtiger Auftritt ansteht, arbeite ich gezielt darauf hin, aber das tägliche stundenlange Üben hat sich eher zu einer projektbasierten Arbeitsweise gewandelt.

  • In seiner Kindheit und Jugend hat Jonas extrem viel Zeit ins Üben investiert.: Foto: Corradini
  • Steht bei dir die Melodie im Vordergrund oder die lyrische Tiefe? 

    Früher hat mich das Musikalische, die Melodie, unterbewusst mehr „gecatcht“. In letzter Zeit lege ich aber viel mehr Wert auf die Texte. Ich möchte lyrisch tiefer gehen, die Gefühlswelt erkunden und das Oberflächliche hinter mir lassen. Es ist oft ein Mix, der stark davon beeinflusst wird, welche Künstler ich gerade selbst höre. Man schaut sich etwas ab, lernt dazu und versucht, sich selbst zu vervollständigen. 

    Fließen dabei auch politische oder soziale Themen ein? 

    Politik ist aktuell eher weniger ein Thema, das ich musikalisch ausdrücken möchte. Mich interessiert vielmehr die Psyche und das Zwischenmenschliche – die emotionalen und sozialen Aspekte zwischen den Menschen. Das ist das, was momentan in meine Texte einfließt.

  • Zur Person:

    Der Taistner wurde einem breiten Publikum durch seine Teilnahme bei „The Voice of Germany“ im Team von Mark Forster bekannt, wo er mit seiner charakteristischen, kraftvollen Stimme beeindruckte. Der Multiinstrumentalist, der neben Gesang vor allem Gitarre und Klavier beherrscht, startete seine Karriere mit erfolgreichen Cover-Versionen auf YouTube. Heute lebt der kreative Pustertaler von seiner eigenen Musikproduktion. Aktuell konzentriert er sich auf neue Veröffentlichungen für sein elektronisches Solo-Projekt sowie auf ein gemeinsames Akustik-Projekt mit Theresa Falkensteiner. 

    @kidjones.music   @jonandterry 

  • Du produzierst mittlerweile viel selbst. Wie viel Kontrolle gibst du bei deiner Musik ab? 

    Mir ist es wichtig, meine Vision so umzusetzen, wie ich es im Kopf habe, deshalb habe ich mir die Produktion in den letzten Jahren selbst beigebracht. 

     

    Nach dem 500. Mal Hören wird man betriebstaub;

     

    Das heißt nicht, dass man nicht gerne mit anderen zusammenarbeitet – neue Einflüsse sind immer bereichernd. Momentan mache ich vom Schreiben bis zum Produzieren fast alles selbst. Nur das Mastering gebe ich meistens ab. Nach dem 500. Mal Hören wird man betriebstaub; da braucht es frische Ohren, die mit einem gewissen Abstand auf das Ganze schauen. 

    Woran arbeitest du momentan konkret? 

    Es laufen zwei Projekte: Eines ist ein akustisches Folk-Indie-Projekt mit meiner Freundin Theresa Falkensteiner. Das ist sehr gemütlich und simpel gehalten, wir sind gerade im Schreib- und Aufnahmeprozess. Parallel dazu arbeite ich an meinem Solo-Projekt, das in die elektronische Richtung geht – House, aber mit Live-Elementen wie Gesang, Gitarre und Synthesizern. Mein Dilemma beim Solo-Projekt ist oft das Fertigwerden. Ich habe viele Sachen zu 80 Prozent fertig, fange dann aber lieber wieder etwas Neues an. Für dieses Jahr habe ich mir aber fest vorgenommen, wieder etwas zu releasen.

  • Jonas Oberstaller arbeitet und wohnt in Südtirol und in Berlin. Beides hat für ihn seinen eigenen Vibe.: Foto: Theo Kortschak
  • Du bist in Südtirol und in Berlin daheim. Wie erlebst du die Unterschiede in der Musikszene? 

    Berlin bietet natürlich eine enorme Größe und Vielfalt. Es ist inspirierend, dort einfach mal unkompliziert zu einem Konzert zu gehen. Aber auch in Südtirol blüht es, besonders im Sommer, extrem auf. Ich möchte gar nicht sagen, was besser ist; beide Orte haben ihren eigenen Vibe. Südtirol ist ein guter Nährboden für junge Talente, auch wenn es manchmal schwierig ist, aus der eigenen „Bubble“ auszubrechen. 

    Du warst einst bei „The Voice of Germany“ zu sehen und hören. Wirst du heute noch darauf angesprochen? 

    Nur noch sehr selten, meistens wenn mich jemand neu kennenlernt. Das ist auch gut so, es ist lange her. Es war eine interessante Erfahrung, mal hinter die Kulissen einer solchen Show zu blicken. Ich habe dabei schnell gemerkt, dass das nicht ganz meine Welt ist. Ich finde es schwierig, Kunst zu bewerten oder zu sagen, du bist besser oder schlechter als der andere. Solche Shows machen den Wert von Kunst ein Stück weit kaputt. 

    Der MusicFund  der IDM und Perfas scheint genau den richtigen Nerv zu treffen, um die Szene zu pushen. Geht es dabei deiner Meinung nach um mehr als nur finanzielle Hilfe, vielleicht auch um diesen wichtigen kulturellen Austausch?  

    Solche Initiativen sind extrem wichtig, um Südtiroler Künstler dabei zu unterstützen, über die Landesgrenzen hinaus durchzubrechen. Es braucht Orte und Förderungen für den kulturellen Austausch. Je mehr Räume wir haben, in denen Menschen physisch zusammenkommen und sich in einem kulturellen Umfeld austauschen können, desto besser ist das für die gesamte Gesellschaft.