Kultur | Overtourism

Trügerische Postkartenidylle

Mit einer künstlerisch intelligenten Postkartenaktion rüttelt die Künstlerin Muriel Senoner an den Grundfesten des Tourismus in ihrer Herkunftsgegend. Kann das gutgehen?
Muriel Senoner

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Bereits im Jahr 2015 gab die Künstlerin Muriel Senoner mit ihrem Projekt Urtijëi:? den Anstoß, über die Sinnhaftigkeit mancher neuerer architektonischer Eingriffe nachzudenken, und zeigte die soziale Funktion von Kunst auf. Damals meinte die in St. Ulrich aufgewachsene Künstlerin gegenüber SALTO: „Ich erlebe den architektonischen Wandel, der sich im Dorf vollzieht, immer wieder als einschneidend, wenn ich nach St. Ulrich komme.“ 

Es interessiere sie auch, meinte sie damals, wie die Bevölkerung die laufenden architektonischen Veränderungen wahrnehme und welchen Standpunkt sie zu einigen zentralen Fragen im Zusammenhang mit Themen wie Tourismus, Architektur, Kultur und Nachhaltigkeit habe. Nun, über ein Jahrzehnt später, geht Muriel Senoner wieder auf Tuchfühlung zu ihrem Herkunftsort.
 

Die Überentwicklung hat im Laufe der Zeit gegenteilige Effekte hervorgebracht.

Mit Kunst die Augen öffnen: Muriel Senoner wurde 1974 in Bozen geboren, wuchs in St. Ulrich auf und besuchte dort die Kunstschule. Sie studierte Bildende Kunst in Berlin, Brescia und Mailand. Ihr künstlerisches Schaffen konzentriert sich auf die Untersuchung alltäglicher Bedingungen, gesellschaftlicher Funktionsweisen und Denksysteme. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Bozen. Privat

Die Herstellung von Postkarten bildet nun die zweite Phase des Projekts. Aber weshalb Postkarten in Zeiten von Instagram? „Ich fand die Postkarten als Aktion für mich schlüssig, weil sie die aktuellen Gegensätze, wie sie im echten Leben bestehen, darstellen“, lässt sie wissen, „also eine Art Schwebezustand zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Realität und Fiktion. Außerdem wollte ich das Projekt, das mit der Umfrage begann, irgendwie abschließen.“ 

Postkarten an sich sind als Medium zwar überholt, das weiß auch Senoner, aber sie gehe mit ihrem Projekt einen Schritt weiter, indem sie nicht nicht mehr die Realität zeige, sondern die Fiktion. Zudem verlängere sie den Zeitfaktor. „Ein Bild im Netz schaut man sich im Schnitt rund zwei bis drei Sekunden an, der Blick auf Postkarten dauert im Gegensatz dazu – hoffentlich – länger.“ 

Ihre Aktion richte sich vorwiegend an die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner von St. Ulrich, die die frisch gestalteten Karten aufbewahren oder im besten Fall verschicken. Vielleicht bedienen sich ja auch Touristinnen und Touristen daran.

Vergnügung statt Erholung: Das Projekt beinhaltet eine digitale Interaktion auf der Plattform Instagram via QR-Code, was eine zweite Phase der kollektiven Partizipation eröffnet. Muriel Senoner

Die Touristifizierung hat sich seit Jahrzehnten mit allerhand einschneidenden Veränderungen ins Tal eingeschrieben. „Von der massiven Bautätigkeit für Beherbergungsbetriebe über die Zuspitzung der Verkehrsströme und die Steigerung der Lebenshaltungskosten – im Bereich von Konsum, Mieten und Immobilienkäufen – bis hin zur Verdrängung des öffentlichen Raums, der zunehmend auf die Bedürfnisse des touristischen Angebots ausgerichtet wird“, mahnt die Künstlerin. Dieser Prozess habe zu einer „fortschreitenden Marginalisierung der lokalen Gemeinschaft geführt“, sagt sie, „der die historischen Orte der Begegnung und des gesellschaftlichen Lebens entzogen wurden“. 

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Zwar versichere der Tourismus einerseits den bereits gewohnten und manchmal unersättlichen materiellen Wohlstand, andererseits habe seine „Überentwicklung im Laufe der Zeit gegenteilige Effekte hervorgebracht und eine dringliche Debatte über die ökologische und soziale Nachhaltigkeit dieser touristischen Monokultur entfacht.“

Und worin unterscheidet sich das Projekt von 2015 von dem gegenwärtigen? „Damals habe ich die Menschen zu ihrer Wahrnehmung und Befindlichkeit im Zusammenhang mit der Veränderung des Dorfs und der Lebensumstände durch den Tourismus befragt“, sagt Senoner, „heute verbildliche ich diese Antworten durch meinen inneren Filter und den der KI.“

Wie Tourismuskritik in Gröden aufgenommen wird, dazu konnte Muriel Senoner bereits 2015 Erfahrungen sammeln. „Damals, bei der Umfrage, die ich für ca. zehn Tage im Circolo, dem Kreis für Kunst und Kultur, in St. Ulrich ausgestellt hatte, sind viele Leute auf mich zugekommen, die den Entwicklungen im Tourismus kritisch gegenüberstehen.“ 
 

Auch das Kommentieren ist möglich – und natürlich das Lesen der Kommentare.

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Da die von ihr gezeigten Fragebögen auch nach außen, also zum öffentlichen Raum hin, ausgestellt waren, kamen somit auch einige Hoteliers zum visuellen Handkuss, ohne den Ausstellungsraum zu betreten. „Ich selbst wohne ja nicht mehr im Dorf, höre aber immer wieder, dass ein größerer Teil der Bevölkerung sehr wohl Kritik übt – an dem Zu-viel, Zu-groß, Zu-Kitschig –, aber leider kaum mitentscheiden kann. Außer vor den Wahlen.“

Am übermorgen (9. Juli) wartet Muriel Senoner gespannt darauf, wie viele Postkarten beim Circolo und an anderen Standorten (Bibliothek, Museum usw.) mitgenommen werden und „wie die Kommentare im Netz ausfallen. Denn es gibt einen Instagram-Account, der über den QR-Code auf den Postkarten erreicht werden kann.“ Dort zeigt sie auch Teile der Umfrage und die Postkartenmotive selbst. Auch das Kommentieren ist möglich – und natürlich das Lesen der Kommentare.

Liebe Grüße aus Urtijëi

Muriel Senoner

Seinen Abschluss findet das Projekt in einem Künstlerinnenbuch, das die originalen Fragebögen und die bildnerischen Arbeiten enthält, um dem Werk eine archivierende und materielle Dimension zu verleihen.