Wirtschaft | Einkommen

Löhne fallen, Steuern federn leicht ab

Eine neue Studie des „Ufficio Parlamentare di Bilancio“ zeigt, dass die realen Bruttolöhne privater Angestellter in Italien zwischen 1990 und 2026 um 6,6 Prozent gesunken sind.

Hinweis: Dies ist ein Partner-Artikel und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.

Bild: (IA)

Der UPB ist eine vom Gesetz eingerichteten Stelle, die als unabhängiger Prüfer für die Staatsfinanzen arbeitet. In der genannten Studie schneidet Italien im Vergleich zu anderen Ländern  besonders schlecht ab. In den meisten anderen großen Industrieländern sind die Löhne im gleichen Zeitraum deutlich gestiegen.

Die unteren Einkommen trifft es besonders hart. Das unterste Zehntel der Lohnbezieher hat 40,8 Prozent an Kaufkraft verloren. Das oberste Zehntel konnte dagegen ein leichtes Plus von 3,3 Prozent verzeichnen.

Nach 2021 hat die hohe Inflation die Kaufkraft in allen Einkommensgruppen weiter verringert. Dafür wurde ein sehr großer Datensatz des INPS mit rund 4,8 Millionen Beobachtungen von über 460.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ausgewertet. Besonders auffällig ist die wachsende Spaltung des Arbeitsmarkts in drei Bereichen.

Die Löhne in Industrie und Bauwesen sind um 16,5 Prozent gestiegen. Im Dienstleistungssektor sind sie dagegen um 20,9 Prozent gesunken. Der starke Anstieg von Teilzeitarbeit hat die durchschnittlichen Jahreslöhne gesenkt und die Ungleichheit verschärft. Arbeiter haben außerdem eine deutlich schlechtere Lohnentwicklung als Angestellte.

Ausgehend von diesen Daten wollte die Studie herausfinden, wie stark die Einkommenssteuer diese Ungleichheit ausgleicht. Die Steuerreformen, besonders seit dem „Bonus Irpef“ von 2014 und der Reform von 2025, haben die Steuerlast für niedrige und mittlere Einkommen deutlich gesenkt. Gleichzeitig ist die Steuerlast für höhere Einkommen gestiegen.

Das lag aber nicht an gezielten politischen Entscheidungen, sondern vor allem an der sogenannten „kalten Progression“. Da die Steuertarife nicht an die Inflation angepasst werden, rutschen Steuerzahler bei einer Lohnerhöhung oft automatisch in eine höhere Steuerklasse.

Laut Studie liegt die Grenze zwischen „Gewinnern“ und „Verlierern“ dieser Entwicklung bei etwa 35.100 Euro Jahreseinkommen, gerechnet zu Preisen von 2026. Wer weniger verdient, zahlt heute weniger Steuern als 1990. Wer mehr verdient, zahlt heute mehr.

Ein häufig verwendetes Maß für Ungleichheit ist der sogenannte Gini-Koeffizient. Ein Wert von 0 steht für völlige Gleichheit. Ein Wert von 1 bedeutet maximale Ungleichheit. Bei den Bruttolöhnen stieg dieser Wert zwischen 1990 und 2026 von 0,330 auf 0,403.

Die Löhne wurden also ungleicher verteilt. Bei den Nettolöhnen, also nach Steuern, fiel der Anstieg mit 0,302 auf 0,338 deutlich schwächer aus. Das heißt, die Steuer gleicht einen Teil der wachsenden Lohnungleichheit aus.

Die Autoren nennen vier Faktoren: Steuerreformen für niedrige und mittlere Einkommen, Steuerlast für hohe Einkommen, die kalte Progression und Veränderungen am Arbeitsmarkt. Laut Studie machen die Steuerreformen etwa 80 Prozent des beobachteten Anstiegs der Umverteilungswirkung der Einkommensteuer aus.

Besonders wichtig ist die Legislaturperiode von 2014 bis 2018. Die Einführung des „Bonus Irpef“ unter Renzi erklärt etwa 39 Prozent der gesamten Veränderung. Die Maßnahmen der aktuellen Regierung für niedrige und mittlere Einkommen, darunter die Umwandlung von Beitragsentlastungen in Steuererleichterungen, erklären dagegen etwa 26 Prozent.

Das UPB beschreibt nicht nur diese Zusammenhänge bei der Verringerung der Lohn- und Gehaltsunterschiede durch steuerliche Maßnahmen. Die Autoren zeigen auch mehrere Probleme des aktuellen Modells. Die Umverteilung wurde vor allem durch die Entlastung niedriger und mittlerer Einkommen erreicht.

Eine grundlegende strukturelle Steuerreform fand nicht statt. Das könnte auf mittlere und längere Sicht negative Anreize für besser bezahlte Arbeit schaffen.


Das System reagiert meistens erst im Nachhinein auf steigende Lohnungleichheiten. Es löst aber nicht die Ursachen. Diese liegen in der Stagnation der Löhne und in der unsicheren Arbeit. Es entstehen größere Unterschiede zwischen Beschäftigten und anderen Gruppen. Ein Beispiel dafür ist die Flat Tax für Selbstständige.

Nicht zuletzt hat die Regierung mit dem Haushaltsgesetz 2026 beschlossen, Lohnerhöhungen aus Tarifverträgen außerhalb der normalen Steuerprogression mit 5 Prozent zu besteuern. Davon profitieren nur Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Privatsektor. Sie müssen im Jahr 2025 ein Einkommen aus unselbstständiger Arbeit von höchstens 33.000 Euro erzielt haben.

Diese Regelung gilt für Kollektivverträge, die zwischen dem 1. Januar 2024 und dem 31. Dezember 2026 unterzeichnet wurden. Politisch heißt das, die Regierung muss eine gewisse Inkohärenz im System anerkennen.

Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass die Einkommenssteuer in den letzten dreißig Jahren die wachsende Lohnungleichheit in Italien abgeschwächt hat. Doch dieses Modell stößt jetzt an seine Grenzen. Für weitere Fortschritte bei der Umverteilung sind zusätzliche Maßnahmen nötig, meinen die Autoren.

Sie schlagen vor, Steuervergünstigungen zu überprüfen, die Einkommen aus der normalen Besteuerung ausnehmen. Außerdem müsse die Steuerhinterziehung gezielt bekämpft werden, um die Steuerbasis zu verbreitern. Es sollten auch strukturelle Maßnahmen gegen Lohnstagnation und prekäre Beschäftigung ergriffen werden. Zusätzlich empfehlen sie eine bessere direkte Einkommensunterstützung.

Alfred Ebner
 

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