Denn sie weiß, was gespielt wird
-
SALTO: Frau Porcheddu, wie hat Ihr persönlicher Weg Sie zur Intendanz dieses Theaters geführt?
Johanna Porcheddu: Ich kenne dieses Theater seit seinen Anfängen und war schon im Theater in der Klemme bei Franco Marini tätig, als die Idee des Theaters in der Altstadt geboren wurde. Nach meinem Studium und meiner Rückkehr nach Meran haben mich Rudi Ladurner und Franco Marini wieder ins Theater geholt und seitdem bin ich diesem Ort treu geblieben. Als mich Franco Marini und Rudi Ladurner kurz vor ihrem Tod mit ihrer Nachfolge beauftragt haben, habe ich mich dieser Aufgabe und Herausforderung gestellt.
Gab es auf Ihrem Karriereweg Momente, in denen Ihr Frausein eine besondere Rolle gespielt hat?
Ich glaube, dass man in unserer jetzigen Welt noch nicht wirklich davon absehen kann, eine „Frau“ zu sein. Es spielt stets eine Rolle, besonders in einem Beruf, der durchaus auch mit dem eigenen „Erscheinungsbild“ zu tun hat. Frauen werden viel stärker nach ihrem Aussehen beurteilt als Männer, werden leichtfertiger in Schubladen gesteckt und müssen meist doppelt so viel schuften und beweisen, um anerkannt und ernstgenommen zu werden. Auch finanziell. Das habe auch ich zu spüren bekommen. Doch ich will glauben und hoffen, dass sich das langsam ändern kann…
-
Zur Person
Johanna Porcheddu wurde 1969 in Messina geboren, sie studierte Theaterwissenschaften in Bologna und absolvierte von 1990 bis 1991 die Theaterausbildung des Teatro Stabile di Bolzano unter Marco Bernardi. Seit 2020 ist Porcheddu Künstlerische und Organisatorische Leiterin des Theaters in der Altstadt Meran.
Foto: Roland Bolego -
Was hat sich Ihrer Beobachtung nach in den letzten Jahren für Frauen im Theater verbessert – und wo besteht weiterhin Handlungsbedarf?
Gerade im Kultur- und Kunstbereich sind immer mehr Frauen, auch in führenden Stellen, präsent. Das Theater ist allgemein in den letzten Jahren immer weiblicher geworden. Spürbar verändert hat sich vor allem die zeitgenössische Dramaturgie. Es gibt nun endlich viel mehr - gute - Rollen und Theaterstücke für Frauen von Frauen. Und der weibliche und nicht binäre Nachwuchs in Regie und Schauspiel hat den männlichen überholt. Wenn das so weitergeht, werden wir zukünftig einen Männermangel beklagen (lacht). Dennoch neigen die Männer immer noch dazu, die „Sympathieträger“ zu sein. Sie treten selbstverständlicher in ihrer Professionalität auf und werden auch so wahrgenommen. In dieser Hinsicht haben wir noch Luft nach oben.
-
Theater verstehen sich gern als progressive Orte. Wie groß ist die Lücke zwischen Selbstbild und Realität?
Ich kann das schwer beantworten. Was genau verstehen wir unter progressiv? Was kennzeichnet einen progressiven Ort und was wäre sein Gegenteil? Ein regressiver oder konservativer Ort? Was wiederum bedeutet das? Das lateinische conservare bedeutet be-wahren, schützen, pflegen, be-dienen, für mich hat die Arbeit im Theater auch sehr viel mit diesen Begriffen zu tun.
Ich weiß nicht, ob diese Dichotomie dem Wesen des Theaters gerecht werden kann.
„‚Wos?! Schun wieder de Weiber?!‘ – Solche Sprüche habe ich in der Vergangenheit häufiger gehört.“
Ist Gleichstellung im Theater aus Ihrer Sicht ein ernsthaftes Ziel – oder oft nur ein Feigenblatt?
Gleichstellung sollte in jedem Bereich ein ernsthaftes Ziel sein und läuft ständig Gefahr zum Feigenblatt zu werden, wie so viele unserer zerkauten, zeitgenössischen Feigenblatt-Begriffe….
-
Spiegelt sich Ihre Perspektive als Frau in der Spielplangestaltung wider?
Das hoffe ich. In meinem Werdegang hat die Frauentheatergruppe Phenomena eine essenzielle Rolle gespielt. Fast alle damaligen Mitstreiterinnen sind immer noch meine Weggefährtinnen und unser Blick auf die Welt ist auch unser Blick aufs Theater. Das heißt aber nicht, dass „Frauenspezifität“ programmatischen Charakter hat. Ich versuche trotzdem einen vielsichtigen und vielschichtigen Spielplan zu gestalten, der nicht nur einen Blickwinkel zulässt und bedient.
Wie wichtig ist Ihnen die Sichtbarkeit von Frauen auf und hinter der Bühne?
Wichtig und erwünscht, aber, wie gesagt, nicht immer zwingend.
Wie reagieren Publikum und Politik auf feministische oder gesellschaftskritische Stoffe?
„Wos?! Schun wieder de Weiber?!“ – Solche Sprüche habe ich in der Vergangenheit häufiger gehört. Das hat sich in den letzten Jahren zum Glück etwas geändert und das Interesse und die Aufmerksamkeit für unbequeme, gesellschaftskritische Themen, wie die sehr präsente Genderdebatte, finden immer wieder ihren Platz.
„Ich sehe es als meine Aufgabe Menschen zu erreichen und nicht sie vor den Kopf zu stoßen.“
Gibt es Themen, die Sie bewusst nicht auf die Bühne bringen – aus Angst vor Widerstand?
Nein, sicher nicht aus Angst vor Widerstand. Aber ich stelle mir durchaus auch die Frage nach der Rezeption und dem Erwartungshorizont - um es mit Jauss zu sagen. Ich sehe es als meine Aufgabe Menschen zu erreichen und nicht unbedingt sie vor den Kopf zu stoßen.
-
Welche besonderen Chancen bietet ein kleines Stadttheater im Vergleich zu großen Häusern?
In erster Linie die Nähe: Nähe zwischen Spielenden und Publikum, zwischen Mitarbeitenden, zwischen Sparten und Tätigkeiten, zwischen dem Ort Theater und seiner Umgebung. Und die durchaus begrenzten Möglichkeiten und Ressourcen können im Umkehrschluss auch eine größere Freiheit und Kreativität mit sich führen, denn Freiheit und Kreativität haben sehr viel mit Grenzen und deren Auslotung zu tun.
Ist der Theaterberuf aus Ihrer Sicht realistisch vereinbar mit Familie und Care-Arbeit?
Leider nur sehr schwer oder kaum. Schon die Arbeitszeiten entsprechen nicht der gängigen Zeiteinteilung eines durchschnittlichen Jobs. Während der Probenzeit wird sehr viel Flexibilität und vor allem Verfügbarkeit verlangt und wenn man nicht ganzjährig engagiert ist, ist es sehr schwierig bis unmöglich, allein eine Familie zu erhalten. Theater verlangt große Hingabe und Familie und Pflege eben auch.
Welche Verantwortung tragen Intendantinnen und Intendanten gegenüber dem Nachwuchs?
Es tut nicht nur dem Nachwuchs gut, eine Chance zu erhalten, sondern auch dem Theater und den erfahrenen Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich mit neuen, jungen Kräften messen und auch ihre Erfahrung und ihr Wissen weitergeben können. Wir sind immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten und Begegnungen und manchmal muss frau auch etwas wagen und einen Sprung ins Unbekannte machen, um jemandem eine Chance zu geben. Allerdings ist es gar nicht so leicht Nachwuchs zu finden, vor allem in den Bereichen hinter der Bühne wie Regie, Bühnentechnik, Verwaltung, Kostüm, Maske und so weiter und diejenigen, die den Weg des Theaters beschreiten wollen, gehen richtigerweise ins Ausland und kommen meist nicht mehr zurück. Das ist oft sehr schade und setzt uns wohl auch ins selbe Boot mit anderen Branchen.
-
ALCHEMILLAndo
Alchemilla ist der lateinische Name des Frauenmantels. Diese Pflanze ist die Namensgeberin des feministischen Vereins „Alchemilla“ mit Sitz in Bozen. Seit beinahe 30 Jahren geben die Alchemillen den Südtiroler Frauenkalender heraus.
Die SALTO-Reihe „ALCHEMILLAndo“ leitet sich vom Vereinsnamen ab. Sie greift Themen des Kalenders auf, dient als feministischer Auf- und Zwischenruf und lädt zum Nachdenken und Vertiefen ein. Sie erscheint ab nun am 8. Tag jeden Monats; alle Texte sind von Alchemillen für SALTO verfasst unter der Koordination von Heidi Hintner.
Foto: Gabi Veit -
Was würden Sie jungen Frauen raten, die eine Leitungsposition im Theater oder eine Theaterkarriere anstreben?
Durchhalten und nicht sich selbst, sondern der Sache, sprich dem wunderbaren Mysterium des Theaters dienen! Aber ich weiß nicht, ob das ein guter Rat ist.
„Einfach ins Theater gehen und sich dort als Gemeinschaft einfinden, jenseits der sprachlichen Grenzen. Das wäre ein kleiner großer Traum!“
Woran möchten Sie sich am Ende Ihrer Intendanz messen lassen?
Das sollen diejenigen entscheiden, die mich messen wollen. Ich versuche nur so gut es geht und nach meinem Wissen und Gewissen, Theater zu machen.
Gibt es eine Vision oder ein Projekt, das Sie in den kommenden Jahren unbedingt realisieren möchten?
Mehrere. Vor ein paar Wochen bin ich zu einem italienischsprachigen Gastspiel des Teatro Stabile ins Puccini Theater gegangen. Das Theater war nahezu voll. Wenn ich doch alle diese Menschen erreichen könnte, wenn es doch möglich wäre, das Meraner Theater-Publikum zusammenzubringen, unabhängig davon, ob man deutsch oder italienisch spielt. Einfach ins Theater gehen und sich dort als Gemeinschaft einfinden, jenseits der sprachlichen Grenzen. Das wäre ein kleiner großer Traum!
-
Weitere Artikel zum Thema
Gesellschaft | ArmutSie schauen nicht weg
Gesellschaft | Finanzen„Der Schlüssel zur weiblichen Freiheit“
Gesellschaft | ALCHEMILLAndoFrauen im Alter: unSICHTBAR
Stimme zu, um die Kommentare zu lesen - oder auch selbst zu kommentieren. Du kannst Deine Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.