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Die Anatomie des Pusterer Erfolgs

Der HC Falkensteiner Pustertal setzt seinen Höhenflug in der ICE Hockey League fort und zieht nach dem Overtime-Sieg gegen Ljubljana ins Endspiel gegen die Graz 99ers ein. Über die Gründe, warum das Wolfsrudel derzeit so gefährlich ist.
Pustertal feiert, zurecht.
Foto: Iwan Foppa/HC Falkensteiner Pustertal
  • Erinnerungen wurden wach am Dienstagabend in der Brunecker Intercable Arena. Vor genau drei Wochen gipfelte das entscheidende Viertelfinalspiel gegen Salzburg in einer langen, nervenaufreibenden Verlängerung. Die vierte Linie mit Kapitän Raphael Andergassen ließ die mehr als 3.000 Fans im Stadion nach 105 Minuten und 38 Sekunden jubeln. Würde jetzt, in Spiel Nummer fünf gegen die Drachen aus Ljubljana, erneut ein langes Bangen bevorstehen – mit ungewissem Ausgang? Das Nervenkostüm auf den Pustertaler Rängen dürfte bei so manchem allein beim Gedanken daran schon gehörig strapaziert worden sein.

    Bereits Spiel vier in Ljubljana am Sonntag war sprichwörtlich auf Messers Schneide. Luca Zanatta schoss die Wölfe kurz vor Spielende zum vermeintlichen Sieg, Olimpija erzwang noch eine Verlängerung mit dem besseren Ende für die Hausherren. Wieder daheim in Bruneck waren es die Pusterer, die erst im Schlussdrittel durch Austin Osmanski zum Ausgleich kamen. In einer zerfahrenen Partie taten sich die Wölfe mehr als zwei Drittel lang äußerst schwer. Anders als in den ersten drei Playoff-Partien gegen die Slowenen wollte das schnelle Umschaltspiel der Wölfe nicht aufgehen; die Beine schienen schwer, wie auch Rok Tičar im Interview nach dem Spiel bestätigte. Das Team blieb aber besonnen und hatte laut Osmanski eine klare Marschroute: „Wir wollten nicht zurück nach Ljubljana. Wir sagten uns schon vor der Overtime: Wir beenden das heute Abend“, wie er tags darauf gegenüber SALTO schildert.

    Just der gebürtige Jesenicer Tičar avancierte am Dienstagabend dann aber nach gerade einmal 66 Sekunden mit einer Deflection zum Matchwinner und brachte die ausverkaufte Halle zum Überkochen. So groß der Kontrast zum entscheidenden, überlangen Spiel gegen Salzburg auch war, der Sieg gegen Olimpija zeigte: Das Erfolgsrezept des HC Pustertal fußt auf mehreren Säulen. Und es funktioniert auch dann, wenn die Mannschaft einen schwierigen Moment durchlebt.

  • Der Moment, in dem Rok Ticar den Puck zum Siegtor abfälscht.: Etwas mehr als eine Minute in der Overtime gespielt, da rappelt es im Netz. Der Slowene fälscht einen Schuss von Zanatta unhaltbar ab. Foto: Iwan Foppa/HC Falkensteiner Pustertal
  • Ein Hexer im Kasten: Die beeindruckenden Playoffs von Eddie Pasquale

    Wenn man über den Erfolgslauf des HCP spricht, kommt man an einem Namen nicht vorbei: Eddie Pasquale. Der kanadische Schlussmann holte schon seit seiner Ankunft während der Saison 2024/25 immer wieder die Kohlen aus dem Feuer. Nun setzte er in diesen Playoffs völlig neue Maßstäbe. Mit einer Serie von über 279 Minuten ohne Gegentor gegen Salzburg und Ljubljana, inklusive dreier Shutouts im Halbfinale, stellte die Nummer 80 einen neuen Ligarekord auf. In den sozialen Medien wurden ihm Beinamen wie „Eddie, der Drachentöter“ zuteil; andere forderten, man möge ihm ein Denkmal setzen.

    In bisher neun Postseason-Spielen musste Pasquale nur 13-mal hinter sich greifen, fünf der Gegentreffer kassierte er dabei in einem einzigen Spiel. Er wehrte 94,85 Prozent aller Schüsse ab und konnte sich somit im Vergleich zur Hauptrunde noch einmal deutlich steigern. Vor allem aber erwies sich der 35-Jährige als Ruhepol für die gesamte Hintermannschaft. Wann immer es brenzlig wird, ist auf den Rückhalt der Wölfe Verlass.

    So auch im alles entscheidenden Spiel gegen die Laibacher, in dem er wiederholt gefährliche Alleingänge unterband und notfalls auch mit seinem Helm parierte. Kapitän Andergassen adelte seinen „letzten Mann“ schon nach der Viertelfinal-Serie: „Wir haben mit Eddie Pasquale einfach einen gewaltigen Tormann.“ Vielleicht ist es schlicht Schicksal, dass Pasquale gerade rund um Ostern zur Höchstform aufläuft. 

  • Eddie Pasquale war auch am Dienstag wieder in Höchstform.: In neun Playoffspielen bisher glänzt er mit einer Save-Percentage von fast 95 Prozent. Foto: Iwan Foppa/HC Falkensteiner Pustertal
  • Pustertals Defensiv-Verbund: Pünktlich zur Crunchtime wurde der „Malta“ hart

    Doch auch der beste Torwart ist nur halb so gut, wenn da nicht auch eine Hintermannschaft zur Stelle ist, die ihrem Namen gerecht wird. Besonders eindrucksvoll wurde dies den Wölfen einige Male in der Regular Season vor Augen geführt. Nicht nur in Bozen gab es zweimal eine derbe Derby-Klatsche, auch in Budapest oder zu Hause gegen Graz setzte es empfindliche Niederlagen. Da half auch der Hexer Pasquale im Kasten nicht.

    Dabei hatte der sportliche Baumeister des HC Pustertal, Patrick Bona, im Sommer mit den Star-Verpflichtungen von Jon Blum und Markus Lauridsen aus der DEL eigentlich ein solides Fundament gegossen. Zusammen mit den Olympiafahrern Daniel Glira, Luca Zanatta und Greg Di Tomaso sowie Abwehrhüne Austin Osmanski sollte defensiv der nötige Beton angerührt werden. Der Schwede Adam Almquist komplettierte die Defensive während der Saison. Und die Mannen um Eigengewächs Glira machten über weite Strecken einen guten Job. Stimmen aus dem Pusterer Eishockeypublikum murrten dennoch: Da geht noch mehr.

    Und schon in den ersten Spielen nach der Olympiapause schien der „Malta“, den der viel kritisierte Bona im Sommer angerührt hatte, so richtig fest zu werden. Spätestens mit Beginn der intensiven Serie gegen die Roten Bullen aus Salzburg wurde der solide Defensivverbund der Wölfe zum Prunkstück. Die Verteidiger verdrängten dabei nicht nur hinten ordentlich Luft (mit nur 1,4 Gegentoren im Schnitt), sondern setzten auch vorne Akzente. Mit dem Ausgleichstreffer von Osmanski in Spiel 5 gelang es jedem schwarz-gelben Defender, mindestens einmal selbst als Torschütze anzuschreiben.

  • Austin Osmanski trifft zum Ausgleich.: Für den US-Defender war es erst das zweite Saisontor. Foto: Iwan Foppa/HC Falkensteiner Pustertal
  • Die Special Teams als entscheidender Faktor

    Dass die Defensive um Blum und Lauridsen pünktlich zur Postseason einen Gang zulegte, liegt aber auch an den Vorderleuten. Insbesondere bei Spielern wie Mikael Frycklund, die während der regulären Saison manchmal eher blass wirkten, legten die Entscheidungsspiele offenbar einen Schalter um. Gerade gegen physisch starke Teams wie Salzburg und Ljubljana wurde jedes Kilogramm Offensiv-Power an den Banden im eigenen Defensivdrittel spielentscheidend. 

    „Wir haben Spielmacher, die ihren Körper im Forechecking einsetzen, Torjäger, die Schüsse blocken. Und natürlich  Verteidiger, die treffen, wenn es nötig ist. Jeder, von Eddie bis ganz nach vorne, tut, was er kann“, bringt es Osmanski auf den Punkt. 

    Wie ausschlaggebend eine geschlossene Defensivarbeit des gesamten Teams ist, stellte der HCP zudem vor allem in Unterzahlsituationen unter Beweis. Serienübergreifend ganze sieben Spiele lang leistete die Penalty-Killing-Abteilung um Bully-Spezialist Cole Bardreau ganze Arbeit und blieb in mehr als 25 Unterzahlsituationen ohne Gegentreffer. Laibachs TJ Brennan brach erst im vierten Semifinalspiel den Powerplay-Bann gegen die Pusterer.

    Gebetsmühlenartig wiederholten beide Coaches, wie wichtig die Special Teams sind. Und auch im Powerplay legte der HCP eine beachtliche Effizienz an den Tag: Vier der 15 schwarz-gelben Halbfinaltreffer fielen in Überzahl – und entschieden die ersten beiden Aufeinandertreffen zugunsten der Schwarz-Gelben. In 57 Spielen weist Pustertal eine Powerplay-Erfolgsquote von 21,3 Prozent auf und rangiert damit ligaintern auf Rang drei; nur Wien und Graz kommen beide auf über 23 Prozent. Luft nach oben gibt es allerdings trotz allem. In den letzten drei Partien blieb das Powerplay der Wölfe zahnlos.  

  • Pustertals Kollektiv kann „jeden Spieltstil spielen“

    26 Tore erzielten die Wölfe in den bisherigen neun Partien gegen Salzburg und Ljubljana. Was sich schon die ganze Saison über andeutete und gegen den Meister aus Salzburg konkretisierte, setzte sich auch gegen den Hauptstadtklub aus Slowenien fort: Im Goalscoring können die Wölfe auf eine beeindruckende Variabilität bauen. Mit Di Tomaso, Bowlby, Tičar, Glira, Bardreau, Frycklund, Lauridsen, Blum, Purdeller, Andergassen, Rueschhoff, Almquist, Deluca, Zanatta und schließlich Osmanski trugen sich 15 verschiedene Akteure in die Torschützenliste ein. Defensiv- wie Offensivkräfte, erste wie vierte Linie, egal ob präziser Blueliner, blitzschneller Sololauf oder eiskalter Abstauber: Der Gegner weiß nie, von wem als Nächstes Gefahr ausgeht.

    Osmanski sieht darin den Schlüssel zum Erfolg: „Das Team spät in der Saison gezeigt, dass wir jeden Spielstil spielen können. Wir können sehr defensiv spielen, wir können ein schnelles Up-and-Down-Spiel aufziehen oder physisch dagegenhalten. Das zeigt, was ein Siegerteam ausmacht.“

     

    Wir haben so viel Tiefe. Wenn eine Reihe mal keinen guten Abend hat, fängt die nächste sie auf.

     

    Das gefürchtete Umschaltspiel der Wölfe ist somit nicht der einzige Erfolgsgarant. „Die Stärke des Rudels ist der Wolf, und die Stärke des Wolfs ist das Rudel“, heißt es im Dschungelbuch, dem Erfolgswerk von Autor Rudyard Kipling. Von Vereinsseite wird man nicht müde zu betonen, dass man bei der Zusammenstellung des Wölfe-Teams von Anfang an großen Wert auf das passende Mannschaftsgefüge gelegt hat. Nicht ein einzelnes Alphatier führt die Pusterer aufs Eis, sondern ein erfahrenes Kollektiv. Charakter und harte Arbeit schlagen im Zweifelsfall das Talent, wie es auch an den Wänden in den Katakomben der Intercable Arena sinngemäß heißt.

  • Die Final-Termine

    1. Spiel: Mittwoch, 15.04. - Graz (19:45 Uhr) 
    2. Spiel: Freitag, 17.04. - Bruneck (19:45 Uhr) 
    3. Spiel: Sonntag, 19.04. - Graz (16:30 Uhr) 
    4. Spiel: Mittwoch, 22.04. - Bruneck (19:45 Uhr) 
    5. Spiel: Freitag, 24.04. - Graz (20 Uhr)*
    6. Spiel: Sonntag, 26.04. - Bruneck (16:30 Uhr)*
    7. Spiel: Mittwoch, 29.04. - Graz (19:15 Uhr)*
       

    *wenn nötig

  • Der Glaube an den großen Wurf

    In Bruneck war von Anfang an klar, wohin die Reise gehen muss. „Wir wussten mit unserem Scouting in der Offseason, wen wir holten. Wir wussten, dass wir eine Mannschaft unter Vertrag nehmen, die eine Meisterschaft gewinnen kann“, sagte Headcoach Jason Jaspers nach dem Spiel auf die Frage, wie groß der Hunger nach dem Titel in Bruneck sei. Auch wenn man das Wort Meisterschaft im grünen Tal nicht vorschnell in den Mund nehmen möchte, war das Selbstvertrauen bei Spielern, Trainern und Management schon die ganze Saison über groß. „Wir haben gute Chancen, heuer um den Titel mitzuspielen“, gab sich Youngstar Tommy Purdeller noch Ende Januar selbstbewusst gegenüber SALTO.

    Bis zum möglichen Titel ist es noch ein steiniger Weg, im Finale wartet Grunddurchgangssieger Graz. Abwehrrecke Osmanski ist aber zuversichtlich: „Wir sind als Team aufgebaut, das mit allen Reihen spielen kann und einfach immer weiter und weiter macht, um den Gegner mürbe zu machen. In der regulären Saison gab es vielleicht einige Zweifel, aber ich denke, jetzt in den Playoffs zählt es. Wir haben gezeigt, dass es ein Marathon ist, kein Sprint.“ 

  • Foto: Iwan Foppa/HC Falkensteiner Pustertal
  • Dem Coaching-Staff ist es jedenfalls gelungen, eine eingeschworene Truppe zu formen, die auch in schwierigen Momenten eine Reaktion auf das Eis zaubern kann. Gegen die favorisierten Salzburger konnte das Team in jedem Spiel einen Rückstand in einen Sieg ummünzen. Laibach stellte den HCP im vierten Spiel vor allem psychisch auf eine harte Probe, in Spiel fünf hinkten die Wölfe dann auch physisch etwas hinterher. Wie schon in zahlreichen Spielen der Regular Season und der Playoffs vermochte aber ein Impuls, der Mannschaft neues Leben einzuhauchen. Die Steirer dürften jedenfalls gewarnt sein: Die Wölfe sind wohl hungriger denn je.