Fenster zu Südtirols Siedlungsgeschichte
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Eine Website als dokumentarisches Archiv zur Südtiroler Geschichte der Südtiroler Siedlungen ist das jüngste Kind des Kuratoriums für Technische Kulturgüter. Zunächst für ein Buch Südtiroler Siedlungen – Condominium in mind zusammengetragen und beim Verlag A. Weger unter diesem Titel erschienen, wandern die Inhalte nun geordnet abrufbar ins Internet.
Ein Zugewinn für Forscherinnen und Forscher allemal, auch wenn der Warenkorb für kostenpflichtige Pläne und Fotos etwas marktschreierisch und lachhaft erscheint. Warum gerade mit dieser lange verdrängten Geschichte Geld machen? Sollte man nicht endlich froh sein, unbeschwerter über historische Vorkommnisse im Dunstkreis der vielen von autoritärer Regiehand geplanten Bauobjekte sprechen zu können?
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Die „Barackler“
Vorstellung des Webprojekt zu den Südtiroler Siedlungen: Wegbereiterin zum Buch und Webprojekt Wittfrida Mitterer. Sie kümmert sich seit vielen Jahren um die Erhaltung und Vermittlung von technischen Kulturgütern in Südtirol. Foto: SALTO/HMDas letzte „Tiroler Lager mit Südtiroler Aussiedlern“ befand sich laut einem Vortrag der Historikerin Sabine Pitscheider im Rahmen der wissenschaftlichen Tagung zum Themenschwerpunkt Displaced Persons vor einigen Jahren in Eichat in Absam in Tirol. Es wurde 1969 geschlossen, als die letzten Südtiroler und Südtirolerinnen – von der Tiroler Bevölkerung manchmal als „Barackler“ bezeichnet – eine kleine Wohnung in den jeweiligen Gemeinden beziehen konnten. Viele Schicksale Tausender Displaced Persons liegen im Dunkeln, auch jene der Südtiroler Aussiedler zur Optionszeit.
Bereits im Jahr 2017 ließ der Schriftsteller und Musiker Hans Platzgumer die Geschichte der Südtiroler Siedlungen in ein literarisches Werk Am Rand einfließen.
Der Roman war erfolgreich und machte auch die Geschichte der Südtiroler Siedlungen außerhalb von Vorarlberg und Tirol bekannter. „Mich hat es fasziniert, wie durch eine historische Entscheidung geplante Ghettos entstanden sind“, erzählte Platzgumer damals gegenüber SALTO. Er habe selbst während seiner Zivildienstzeit in einer Südtiroler Siedlung gewohnt. „Dort zu wohnen war günstig.“
In seinem Roman schildert er das Leben in den Siedlungen als eine „andere Welt“, in der nicht nur die Häuser anders sind, sondern auch die Leute anders reden. Es seien vielfach „Parallelgesellschaften“ geblieben, die „nie wirklich integriert wurden“.
Die Geschichte der Neubauten für die Südtiroler und Südtirolerinnen ist insbesondere in Zeiten, in denen nahezu jede politische Partei das Wortpaar „leistbares Wohnen“ bemüht und sich auf die eigene Fahne schreiben will, von großem Interesse.
Heute sind die Südtiroler Auswanderer der zweiten und dritten Generation eine Minderheit in den Südtiroler Siedlungen; vor allem Migranten und Migrantinnen oder Menschen aus unteren Einkommens- und Bildungsschichten bewohnen die einst für die Südtiroler Aussiedler und Aussiedlerinnen geplanten Siedlungen.Die Geschichte der Neubauten für die Südtiroler und Südtirolerinnen ist insbesondere in Zeiten, in denen nahezu jede politische Partei das Wortpaar „leistbares Wohnen“ bemüht und sich auf die eigene Fahne schreiben will, von großem Interesse. Aus der Logik der Nationalsozialisten wurde für die Heimatfernen architektonisch heimatnah und mitunter modern gebaut, während man heute die Siedlungen abreißt oder nachhaltig aufrüstet.
Forschungs- und Dokumentationsprojekt
Südtiroler Siedlungsspuren in Österreich: Auf einer Karte der Website kann man den unterschiedlichen Orten in Österreich nachspüren. Foto: SALTO/HMIm Zentrum des Webprojekts steht nicht nur die historische Aufarbeitung, sondern – wie betont wurde – auch und vor allem die Bedeutung von Erinnerungskultur und deren Verantwortung für Gegenwart und Zukunft. Gerade angesichts aktueller politischer Entwicklungen und der Tatsache, dass Zeitzeugen und Zeitzeuginnen zunehmend verschwinden, besteht die Gefahr, dass historische Ereignisse verzerrt oder in Vergessenheit geraten. Erinnerung aber dürfe nicht zum Selbstzweck verkommen, sondern müsse einen klaren Auftrag erfüllen, der Orientierung gibt und es allen Generationen ermöglicht, aus der Geschichte zu lernen.
Mit Plänen, Fotografien, Drohnenaufnahmen und weiteren Quellen dokumentiert das Webprojekt historische Bauwerke und Siedlungen umfassend. Dabei geht es in erster Linie nicht nur um die Sicherung von Daten, sondern vor allem um die Weitergabe von Wissen. Die Bauwerke werden dabei als materielle Zeugnisse der Geschichte verstanden, die helfen, den historischen Kontext lebendig zu halten und einer Verharmlosung entgegenzuwirken.
Dennoch ist festzuhalten, dass die Umsiedlung in ein verbrecherisches System eingebettet war.
So geschehen etwa auch mit dem Theaterprojekt bei den Tiroler Volksschauspielen in Telfs, wo 2019 das Stück Verkaufte Heimat von Felix Mitterer überaus erfolgreich im für den Abriss bestimmten Südtiroler Siedlungsbau in Telfs aufgeführt wurde.Die Siedlung in Telfs ist Kulisse geblieben. 2026 wird sie erneut gebraucht, denn Felix Mitterer „kehrt zurück“ mit dem Stück Feuernacht. Herbert Pixner komponiert – „und spielt jeden Abend live mit seiner Band auf“, heißt es auf der Seite der Tiroler Volksschauspiele.
Südtiroler SiedlungsmaßnahmenEin zentraler Teil der Vorstellung widmete sich der historischen Einordnung der rund 130 Südtiroler Siedlungen. Sie entstanden im Kontext der Option von 1939, wie Politologe Günther Pallaver berichtete, bei der sich Südtirolerinnen und Südtiroler zwischen dem Verbleib in Italien oder der Auswanderung ins Deutsche Reich entscheiden mussten – eine Zeit, die von massiven politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umbrüchen sowie von großflächigen Migrationsbewegungen in Europa geprägt war. Insgesamt waren etwa 75.000 Südtiroler von der Umsiedlung betroffen. Die Umsiedlungspolitik diente nicht primär dem Schutz von Minderheiten, sondern verfolgte strategische Ziele der Nationalsozialisten. Während in Bozen die Semirurali-Siedlungen der Faschisten entstanden, wurden jenseits des Brenners Südtiroler Siedlungen gebaut.
Im Vergleich zu anderen deutschsprachigen Minderheiten in Europa wird die Situation der Südtiroler Umsiedlerinnen und Umsiedler von Pallaver als einigermaßen privilegiert geschildert, da es teilweise mehr Mitspracherecht bei der Ansiedlung gab und bereits fertiggestellte Wohnungen auf die neuen Bewohner und Bewohnerinnen warteten. Dennoch ist festzuhalten, dass die Umsiedlung in ein verbrecherisches System eingebettet war.
Wer Mitglied der Nationalsozialisten war, lässt sich seit wenigen Tagen in einem vom US-National Archives lancierten Projekt nachzeichnen, in dem die Mitgliederkarten der Nationalsozialisten einsehbar sind und für so manchen Experten oder Hobbyhistoriker für Überraschungen sorgen könnten.
Siedlungen onlineÜber eine Karte auf der Website kann nun Südtiroler Baugeschichte im Ausland recherchiert werden. Die Benutzerfreundlichkeit des Webauftritts ist zwar noch ausbaufähig, aber die enthaltenen Dokumente sind eine Wucht für die Bauforschung, denn die errichteten Siedlungen stellen eines der größten zivilen Bauprogramme der Nationalsozialisten dar, waren technisch modern ausgestattet und boten im Vergleich zu früheren Wohnverhältnissen einen deutlichen Fortschritt, etwa durch sanitäre Einrichtungen und Elektrizität.
Gleichzeitig waren sie – zivile und militärische Interessen waren eng miteinander verknüpft – Teil der nationalsozialistischen Politik und dürfen nicht losgelöst von diesem Kontext betrachtet werden.
Zufall: Bad RadkersburgBei einem zufälligen Recherchebeispiel während der Pressevorstellung am heutigen Vormittag in den prachtvollen Räumen des Denkmalamtes wurde gegen Ende auf Zuruf Pallavers nach einer Südtiroler Siedlung in Bad Radkersburg in der Steiermark gesucht. Und die Suchmaschine wurde fündig. Die Funddichte in der kleinen Grenzgemeinde zu Slowenien – wie auch in ganz Österreich (und sogar darüber hinaus) – dürfte auch die in der dortigen Grenzgegend ansässige Susanne Weitlaner freuen. Die zweisprachig in Graz aufgewachsene Expertin für Minderheitenfragen hat Slowenisch und Russisch studiert und ist Obfrau des Slowenischen Kulturvereins für die Steiermark sowie Leiterin des Pavelhauses in Laafeld. Ihre Vorfahren? Sie kamen aus Südtirol...
Insgesamt wurden rund 130 Siedlungen identifiziert, von denen etwa 50 detailliert untersucht wurden. Anhand von Beispielen wird auch gezeigt, wie diese Siedlungen heute genutzt werden. So sind viele im Gedächtnis der Gegenwart vergessen, andere niedergerissen. Wieder andere haben sich zu „normalen Wohngebieten“ entwickelt, wobei lediglich der eine oder andere Straßenname an die Geschichte der Südtiroler Siedlungen erinnert.
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