Politik | Italienische Schule

„Wir lösen das Problem auch heuer nicht“

Der italienische Bildungslandesrat Marco Galateo verspricht bei der Schuljahresbilanz mehr Inklusion, räumt aber ein: Ganz lösen lasse sich das Problem auch heuer nicht. Zudem teilt er gegen die Lehrerproteste aus: „Das kann nicht länger toleriert werden!“
TF/unsplash

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Bei der Bilanz des zu Ende gehenden Schuljahres stellt Bildungslandesrat Marco Galateo vor allem ein Thema in den Mittelpunkt: Inklusion. Zunächst rügt er die Medien und richtet dann ein Versprechen an Familien, Lehrpersonen und Schülerinnen sowie Schüler: „Wir wollen niemanden zurücklassen“ – gleichzeitig räumt er ein, dass der steigende Bedarf auch im kommenden Schuljahr nicht vollständig aufgefangen werden könne. Schließlich folgt harsche Kritik an den Lehrerprotesten: „Ich bin total gegen diese Protestform“.

Rückblick auf das Schuljahr: Der italienische Bildungslandesrat Marco Galateo und der italienische Bildungsdirektor Vincenzo Gullotta blickten auf das vergangene Schuljahr zurück. Themenschwerpunkt war Inklusion. DO/SALTO

Rüge der Medien und neues Modell

Laut Galateo sind in Südtirols italienischen Schulen derzeit 3.591 Schülerinnen und Schüler mit besonderem Bildungsbedarf (BES – Bisogni Educativi Speciali). Das entspricht rund 17 Prozent der gesamten Schülerschaft. Darunter würden Kinder und Jugendliche fallen, die durch das Gesetz 104/92 geschützt sind, also mit schweren Beeinträchtigungen leben, und junge Menschen mit klinischen Gutachten und besonderem Bildungsbedarf nach staatlichen Vorgaben (Gesetz 170/2010). Dabei kämen laufend neue Diagnosen hinzu. Die Daten würden praktisch wöchentlich aktualisiert, so Galateo.

 

„Wunder vollbringen wir keine. Lösen werden wir das Problem auch heuer nicht.“

 

Galateo kritisierte an dieser Stelle die mediale Berichterstattung rund um die möglichen Ressourcenkürzungen im Inklusionsbereich, die bereits im April aufgekommen seien. „April ist aber genau der falsche Zeitpunkt für solche Informationen, da die endgültigen Zuweisungen erst nach dem Nachtragshaushalt und teils erst im August feststehen“, so Galateo. Seine Botschaft: „Wir wollen niemanden zurücklassen. Wunder vollbringen wir keine. Ganz lösen werden wir das Problem auch heuer nicht.“

Galateos Stellungnahme bezieht sich auf die Sorge mehrerer Eltern- und Schulverbände, die zuletzt vor Kürzungen oder sogar Streichungen von Integrationsstunden gewarnt hatten. Betroffen sein könnten demnach vor allem Schülerinnen und Schüler mit als „minder schwer“ eingestuften Beeinträchtigungen – etwa Kinder und Jugendliche mit ADHS oder Autismus des Schweregrads 1. 

Die Verbände CONFAD Aps Alto Adige, GretA und Neurotribe kritisierten, dass die Zuweisung von Integrationslehrpersonen und Mitarbeitenden für Integration zunehmend nicht mehr nach dem tatsächlichen Bedarf, sondern nach dem verfügbaren Personal erfolge.

Der italienische Bildungslandesrat spricht in diesem Zusammenhang von der geplanten Überwindung des bisherigen Berechnungsmodells. Die Regelung aus dem Jahr 2000, die sich an einer fixen Quote von Unterstützungsstunden pro Schülerzahl orientiert, sei nicht mehr zeitgemäß. „Wir werden das Gesetz aus dem Jahr 2000 ändern, und das System wird flexibler werden, sodass Ressourcen auf Grundlage der Anzahl an Diagnosen bereitgestellt werden können“, so Galateo. Auch in Bezug auf die Personalressourcen nennt der italienische Bildungslandesrat Zahlen: Stellen für Mitarbeitende für Integration soll von 157,5 Stellen im Schuljahr 2022/23 auf 230,5 Stellen im kommenden Schuljahr steigen – vorausgesetzt, die zusätzlichen Mittel werden im Haushalt genehmigt, wovon Galateo ausgeht.

Um zukünftig derartige Missverständnisse zu vermeiden, will Galateo an der Kommunikation mit den Familien arbeiten. „Ab dem kommenden Jahr wird es häufiger Treffen zwischen mit den Elternverbänden geben, um einen offenen, direkten Austausch zu ermöglichen – so wie ich ihn bereits mit den Wirtschaftsverbänden und mit den Verbänden aus dem Kulturbereich pflege“, betont Galateo.

Schule in Zahlen

Bildungsdirektor Vicenzo Gullota gibt einen Gesamtüberblick: Insgesamt besuchen derzeit 22.409 Schülerinnen und Schüler die italienische Schule in Südtirol. Auch die Zahl der Lehrlinge ist in den vergangenen Jahren gestiegen: von 333 im Schuljahr 2020/21 auf 449 im laufenden Schuljahr.

Galateo vs. Lehrerproteste

Während Galateo beim Thema Inklusion auf mehr Dialogbereitschaft baut, zieht er bei den Lehrerprotesten eine klare Grenze. Auf die Frage von SALTO, ob die Annäherung zwischen deutschen und italienischen Schulen in Südtirol auch ein Vorbild für die Bildungsdirektionen sein könnte, dementiert Galateo direkt: „Die Zusammenarbeit zwischen den Bildungsdirektionen hat bereits 2024 begonnen. Wir setzen auf den Austausch mit Lehrpersonen und offiziellen Gewerkschaftsvertretungen. Ich bin total gegen diese Protestform, weil am Ende die Schülerinnen und Schüler dafür bezahlen“, so Galateo. 

Sorge mache ihm, dass diese Art des Protests „außerhalb jeder gewerkschaftlichen Logik“ liege, so Galateo. Sein Vergleich: „Stellen wir uns vor, Ärztinnen und Ärzte erbringen ihre Leistungen nicht mehr vollständig. Das kann nicht länger toleriert werden“.