Film | Rezension

Ein Traum von einem Film!

Viel zu oft vergisst das Kino seinen Ursprung als Überwältigungsmedium mit direkter Verwandtschaft zum Traum. Resurrection von Bi Gan erinnert daran.
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Einen Film im Kino zu erleben ist wie träumen. Dieser Vergleich ist nun sicherlich nicht neu, aber er trifft zu. Dennoch haben Filme schon seit Jahrzehnten aus den Augen verloren, dass sie anfangs vor allem als Jahrmarktsattraktion, als überwältigendes Erlebnis, eben als träumerisches Dahingleiten in eine andere Dimension fungierte. Das Kino hat sich nach und nach die Erzähltechniken der Literatur angeeignet und die inszenatorische Kraft, die im Medium liegt, stiefmütterlich behandelt. Umso erfrischender ist es, wenn Filme wie Resurrection von Bi Gan entstehen. 

Nur wenige träumen noch, sie werden „Deliriants“ genannt, einen davon lernen wir im ersten Teil des Films kennen.

Der Titel allein könnte so verstanden werden, dass er das Kino als ungezähmten Traum wiederauferstehen lässt. Träumen ist überhaupt ein wichtiges Thema des Films, der von einer Welt erzählt, in der dies von den Menschen nicht mehr praktiziert wird, um dadurch unsterblich zu werden. Nur wenige träumen noch, sie werden „Deliriants“ genannt, einen davon lernen wir im ersten Teil des Films kennen. Er trägt in seinem Körper einen Filmprojektor, die Rolle darauf enthält seine Träume, die wir im Verlauf der folgenden 156 Minuten kennenlernen. Wie ein Traum hält sich Resurrection nicht an eine durchgehende Narrative, im Gegenteil: Der Film bricht die Erzählkonventionen des Kinos auf und führt das Medium anhand von hundert erzählten Jahren zurück an seinen Ursprung.

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Die Träume führen uns als Publikum an verschiedene Orte zu unterschiedlichen Zeiten. Mal erleben wir einen Stummfilm, der zum Anfang des 20. Jahrhunderts in eine Opiumhöhle entführt, mal sehen wir eine Spionagegeschichte mit Anleihen an den Film Noir und den deutschen Expressionismus, ein anderes Mal begegnet ein Mann in einem Tempel der Personifikation der Bitterkeit, die er als Zahn in seinem Mund trägt. Auch das Genre Thriller wird bedient, bis hin zu einem rund vierzigminütigen finalen Traum, der vorgibt, eine ununterbrochene Plansequenz zu sein, und zwei junge Menschen durch die Silvesternacht des Jahres 1999 begleitet. So ist Resurrection nicht nur eine Reise durch das Unterbewusstsein eines Träumenden, sondern auch eine Reise durch hundert Jahre Filmgeschichte.

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Träume zeichnen sich mitunter durch die Verkettung von unmöglichen Ereignissen aus. Der chinesische Regisseur Bi Gan folgt dem und inszeniert sein Epos in surrealen Bildern, die mal von überwältigender, mal sinnlicher und berührender Schönheit sind. Er spielt geschickt mit Ebenen und Licht, verwebt die Kulissen des Theaters mit hartem Realismus, nutzt Töne und Musik als erzählerisches Mittel. Dabei verweigert sich das Drehbuch einer zusammenhängenden Erzählung, sondern bietet kleine Ausflüge in ein Unterbewusstsein, das mit jedem neuen Traum das Genre und den Ton wechselt. Auf so ein Erlebnis muss man sich einlassen, es nimmt einen nicht an die Hand. 

Eine Collage aus Bildern und Tönen zu erzeugen, die sich der Poesie verschreiben und einem sprichwörtlich das zeigen, was man noch nie gesehen hat.

Doch es erinnert daran, was Filme einst waren und vielleicht wieder mehr sein sollten. Was wäre, wenn man das klassische Erzählen wieder mehr der Literatur überließe, und sich auf der Leinwand auf das konzentrieren würde, was das geschriebene Wort nur bedingt leisten kann: eine Collage aus Bildern und Tönen zu erzeugen, die sich der Poesie verschreiben und einem sprichwörtlich das zeigen, was man noch nie gesehen hat. Das Kino hat seinen Status als Raum des Staunens längst verloren, Resurrection ist aber eine dringende Erinnerung daran, ein Aufbäumen des Mediums, das in einer zunehmend von Algorithmen bestimmten Welt beinahe anachronistisch wirkt. Dafür kann man sich für Bi Gan, der dafür in Cannes den Spezialpreis der Jury erhalten hat, nicht genug danken.