Löffel, Bergwerk, Rosenkranz
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Jetzt S+ abonnierenSALTO: Gabi, was bedeutet dir die langjährige, kontinuierliche Arbeit für und mit Alchemilla?
Gabi Veit: Am wichtigsten war das Lernen, die Welt aus der Sicht der Frauen zu sehen. Ich war mir lange nicht bewusst, dass vieles in unserer Gesellschaft für Frauen anders funktioniert, meistens nicht besser, als für Männer. Die Alchemillen waren und sind gesellschaftlich und politisch engagiert und gut vernetzt.
Wie hast du beim Frauenkalender gearbeitet?
Die Arbeit am Kalender hat mich immer ein halbes Jahr beschäftigt. Von Februar bis September. In den ersten Monaten habe ich die verschiedenen Kalendarien vorbereitet und mich mit der Gestaltung der Eingangsseiten der Monate beschäftigt. Im Mai gab es eine große Runde mit dem Plenum; da habe ich Gestaltung und Farbgebung vorgestellt, und die Alchemillen haben dann entschieden, wie der Kalender ausschauen wird. Danach intensivierte sich der Kontakt mit der Koordinatorin, die sich um alle Texte, Inhalte und Quellen gekümmert hat. Die Inhalte der Frauenorganisationen und der verschiedenen Rubriken erhielt ich im Juni. Nun ging es hin und her zwischen den Seiten und der Koordinatorin und mir. Ende August stand dann der Kalender für eine letzte Korrekturrunde bereit, im September ging er in Druck und im November wurde er der Öffentlichkeit vorgestellt und großzügig verteilt. Meist an die 20.000 Exemplare.
„Ich bin immer weniger Dienstleisterin und immer mehr Gestalterin.“
Du bist Grafikerin, Künstlerin, Schmuckgestalterin. Stimmt die Reihenfolge 2026 noch?
Grafikerin bin ich seit 27 Jahren, mit Schmuck und Löffeln beschäftige ich mich seit fast 18 Jahren. Der Begriff Künstlerin ist mir lange nicht über die Lippen gekommen. Meine Herangehensweise an die Arbeit ist ein künstlerischer; ich bin immer weniger Dienstleisterin und immer mehr Gestalterin.
Zur Person
Gabi Veit lebt in Bozen und in der Schweiz. Sie hat ein Grafikstudio eröffnet, ein Kleinkunsttheater gegründet und geleitet sowie ein Studium für zeitgenössischen Schmuck abgeschlossen. Nun kreiert sie Löffel, macht Ausstellungen, gestaltet Bücher und ist gerne unterwegs in Küchen, Gärten, Bergen und zwischen den Welten. Viele Jahre lang hat sie den Frauenkalender „Alchemilla“ künstlerisch gestaltet, und viele Jahre waren sie und die Autorin dieses Interviews, Heidi Hintner, das gestaltende Tandem. Gemeinsam feierten sie ihren 50. Geburtstag in New York und waren gemeinsam in London, wo Gabi Veits Löffel verkauft werden.
Du lebst und arbeitest in Bozen und in Aesch in der Schweiz. Zwei Heimaten?
Ich teile mein Jahr in Drittel auf: Ein Drittel Bozen, ein Drittel Schweiz und ein Drittel unterwegs. Das Unterwegssein ist bestimmt durch die Arbeitsreisen, durch Ausstellungen und die Zusammenarbeit mit Kolleginnen. Bozen ist meine Heimat, dort bewege ich mich wie ein Fisch im Wasser. Dort habe ich meine Freundinnen und bin viel unter den Menschen. In der Schweiz lebe ich Zweisamkeit und Ruhe ohne große Ablenkung. Dieses Wechselspiel aus Aktion und Rückzug tut mir gut.
Du bist immer viel unterwegs: Letzthin Sizilien, Deutschland, Griechenland, Japan, Armenien. Was bedeutet dir Reisen?
Reisen bedeutet für mich Neues zu entdecken. Mittlerweile reise ich vor allem für die Arbeit. Das hat eine große Qualität. Irgendwo hinzugehen, um mit den Menschen vor Ort zu arbeiten oder um einen Ort näher kennenzulernen bedeutet sich selber neu zu sehen. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass ich gar nicht weit reisen muss, um Neues zu sehen. Andererseits ist genau dieses Aus-dem-Alltag-Gehen eine Quelle für intensives Erleben und Erkennen.
„Der Löffel ist für mich Sinnbild von Nehmen und Geben.“
Du bist Löffelsammlerin und Löffeldesignerin: Du arbeitest seit 20 Jahren mit dem Motiv des Löffels, der deine Arbeit prägt. Warum wurde ausgerechnet dieses Alltagsobjekt zu deinem künstlerischen Universum?
Ich habe zuerst als Löffelsammlerin begonnen. Auf einer Reise nach Südamerika bin ich mit sieben Löffeln zurückgekommen und habe daraufhin angefangen, mich mit dem Alltagsobjekt zu beschäftigen und weiter zu sammeln. Später habe ich angefangen, selber Löffel zu machen. Ich bezeichne mich als Löffelmacherin und nicht als Löffeldesignerin, da ich zwar viel zeichne, aber die Objekte im Machen entstehen.
ALCHEMILLAndo
Alchemilla ist der lateinische Name des Frauenmantels. Diese Pflanze ist die Namensgeberin des feministischen Vereins „Alchemilla“ mit Sitz in Bozen. Seit beinahe 30 Jahren geben die Alchemillen den Südtiroler Frauenkalender heraus.
Die SALTO-Reihe „ALCHEMILLAndo“ leitet sich vom Vereinsnamen ab. Sie greift Themen des Kalenders auf, dient als feministischer Auf- und Zwischenruf und lädt zum Nachdenken und Vertiefen ein. Sie erscheint ab nun am 8. Tag jeden Monats; alle Texte sind von Alchemillen für SALTO verfasst unter der Koordination von Heidi Hintner.
Der Löffel gilt als häuslicher, beinahe „weiblich“ konnotierter Gegenstand. Reizt du genau diese Zuschreibung aus?
Der Löffel fasziniert mich aus vielerlei Sicht. Er ist ein Werkzeug. Ein Werkzeug, das schon immer benutzt wurde und überall auf der Welt verwendet wird. Es begleitet uns von klein auf und jeden Tag. Er hat eine einfache Form, die aus einem Kreis und einer Linie besteht. Unsere Hand mit dem Arm ist ein natürlicher Löffel. Ohne Löffel könnten wir keine Suppe essen. Löffel werden aus verschiedensten Materialien und für unterschiedlichste Nutzung hergestellt. Löffel erzählen Geschichten von Armut und Reichtum, von besonderen Momenten am Tag und im Leben.
„Der Löffel schneidet nicht und spießt nicht auf.“
Der Löffel ist für mich Sinnbild von Nehmen und Geben. Der Löffel ist ein großzügiges Besteckteil, er ist weich und rund, unkompliziert und immer einsatzbereit. Er schneidet nicht und spießt nicht auf. Wenn dies weibliche Eigenschaften sind, dann wünschte ich mir, dass ALLE Menschen weiblich sind oder zumindest diese Eigenschaften ernstnehmen und leben.
2026 erscheint ein neues Löffelbuch von dir: Was kannst du uns dazu schon verraten?
Nach sieben Jahren sind einerseits die 1.000 gedruckten Bücher vergriffen und andererseits viele neue Arbeiten in anderen Kontexten entstanden. Die Freude als Grafikerin ein weiteres Buch für die Löffelmacherin zu gestalten ist wieder groß. Wenn ich durch die Texte der Schreiberinnen und die Bilder der Fotografinnen meine Löffel neu sehe, ist dies ein Erweitern meiner Zugänge und Ansporn für Neues.
Die Autorin
Heidi Hintner ist Deutschlehrerin an der TFO Bozen und setzt sich dort auch für eine mädchenfreundliche(re) Schule ein. Sie arbeitet als freie Publizistin für Kulturredaktionen, ist unterwegs als Moderatorin, Vortragende und Sprachexpertin und gestaltet seit vielen Jahren die RAI-Morgengedanken. Sie ist feministische Aktivistin und auch im Landesbeirat für Chancengleichheit.
Viele deiner Objekte wirken verspielt und poetisch – gleichzeitig erzählen sie von Rollenbildern, Körpern und Beziehungen. Ist das politisch gemeint?
Ich beschäftige mich lange mit einem Objekttyp, mit einer Kollektion. Oft sind Beobachtungen aus der Natur Ausgangspunkt. Bei den Löffeln im Besonderen interessiert mich die Funktion des Objekts als NICHT-Funktion. Was macht einen Löffel unmöglich? Wie verhindere ich gutes Essen oder wie kann Essen eine andere Bedeutung bekommen? Ich beobachte gerne Menschen und ihr Verhalten. Isst jemand schnell und gierig, teilt jemand sein Gericht oder will es für sich allein? Wie kann ich einem Objekt, dem wir kaum Beachtung schenken, Raum geben und Geschichten erzählen? Ich bin ein politischer Mensch. Meine Arbeit ist oft aber nicht offensichtlich politisch.
Kunstgeschichte und Designgeschichte wurden lange aus männlicher Perspektive erzählt. Spürst du diese Tradition bis heute?
Ich bin tatsächlich geprägt von dieser Tradition. Erst die Erkenntnis, dass immer schon Frauen da waren, die Künstlerinnen und Gestalterinnen waren, hat mich dazu gebracht, mich mit Frauen und ihren Werken zu beschäftigen. Ohne die Recherche von Frauen, die gezielt Frauen und ihr Werk „gesucht“ haben, wären Frauen weiterhin unsichtbar geblieben. Ich spüre dies immer noch und gehe mit einem anderen Blick durch Museen und Ausstellungen.
„Handarbeit braucht Mut und Tatkraft.“
Haben Frauen in der Kunst- und Designwelt heute tatsächlich dieselben Chancen wie Männer?
Theoretisch haben Frauen heute in unseren Breitengraden die gleichen Chancen wie Männer. Sie studieren, machen Entwürfe und erfinden neue Objekte und Techniken. Ich bin aber davon überzeugt, dass Frauen heute immer noch nicht die gleichen Chancen in der Gesellschaft haben, ihren Weg zu gehen. Viele Arbeitsfelder sind männlich geprägt und nicht vereinbar mit dem Leben einer Familie. Erst wenn beide Elternteile gleich viel Anteil an der Erziehung haben, werden Arbeitsplätze für alle Geschlechter gleich attraktiv. Die „vermeintlich“ weiblichen Skills sind für die Gesellschaft nicht nur im Privaten, sondern auch im Öffentlichen und Politischen sehr wichtig.
Du hast Grafik studiert und später - mit 40 - zeitgenössischen Schmuck in Florenz. Wie hat sich dein Blick auf Kunst dadurch verändert?
Was ich spannend finde am zeitgenössischen Schmuck, sind die endlosen Möglichkeiten, Aussagen zu machen und diese am Körper zu tragen. Die drei Jahre in Florenz waren ein Eintauchen in die Renaissance, in die Zeit der Entdeckungen und Erfindungen. Öfters schien es mir, ALLES sei in Florenz erfunden worden. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass so viel Schönheit und künstlerische Leistung, die Kraft für die zeitgenössische Kunst aufsauge, dass alle Expertise in den Erhalt der jahrhundertealten Werke und Bauten aufginge und wenig Platz für zeitgenössische italienische Künstlerinnen ließ.
Hast du ein Lieblingsstück?
Der Ring ist mein Lieblingsstück.
Viele Künstlerinnen berichten, dass ihre Arbeiten häufiger als „dekorativ“ beschrieben werden als die ihrer männlichen Kollegen. Kennst du solche Zuschreibungen? Du machst Broschen, Ringe, Ketten…
Nein, diese Zuschreibungen kenne ich nicht. Meine Löffel werden zu gleichen Teilen von Männern und Frauen gekauft. In meiner Arbeit sind die Zuschreibungen Kunst, Handwerk, Kunsthandwerk, angewandte Kunst verwirrend. Für Menschen, die eine Einordnung brauchen, sind meine Arbeiten kompliziert.
„Klar hat die Biografie einen Einfluss auf das, was wir machen, aber wir können uns in viele Richtungen entwickeln.“
Wie wichtig ist Handwerk in einer Zeit, in der vieles digital und schnell produziert wird?
Die Hand ist die Verlängerung meines Denkens und Fühlens. Wenn ich mich wochenlang mit einem Thema beschäftige und mich daraufhin an den Werktisch setze, arbeiten sich die Hände wie von allein an das Objekt heran. In der Grafik arbeite ich größtenteils digital, ich kann Veränderungen mit einem Mausklick herstellen. Wenn ich mit der Hand arbeite, zeichne, modelliere, dann mache ich dies in diesem Augenblick, konzentriert. Handarbeit braucht Mut und Tatkraft, ein Werk aus meiner Hand ist was Einzigartiges.
Gibt es Künstlerinnen oder Denkerinnen, die dich besonders geprägt haben?
Künstlerinnen, die mich geprägt haben und deren Arbeit ich bewundere, sind Rina Riva, Annemarie Laner, Julia Bornefeld und Gabriela Oberkofler. Aus meiner Theaterzeit sind Gardi Hutter, Erika Stucky Persönlichkeiten, deren Einzigartigkeit ihres Ausdruckes mich betört. International begeistern mich der unbeirrte Weg von Max Cole und Agnes Martin, die Kraft von Louise Bourgeois, Carla Rama, Maria Lassnig und Miriam Cahn.
Wie sehr beeinflusst deine Südtiroler Herkunft deine Arbeit? Ich denke an deine Arbeiten Bergwerk, Rosenkränze etwa. Aber nicht nur.
Ich bin stark mit Südtirol verknüpft und geprägt durch die Landschaft und die sogenannte traditionelle Tiroler Kultur. Ich bin mit Blasmusik und Gottesdienst und Auf-den-Berg-gehen am Sonntag aufgewachsen. Mich hat es immer irritiert, dass Kultur in Sprachen eingeteilt und aufgeteilt wurde. Mir ist es egal, ob ein Buch von einer Italienerin oder einer deutschsprachigen Bulgarin in der Schweiz geschrieben ist. Klar hat die Biografie einen Einfluss auf das, was wir machen, aber wir können uns in viele Richtungen entwickeln.
„Ich finde die Trennung Arbeit und Leben eh obsolet.“
Du warst Mitgründerin des Kleinkunsttheaters Carambolage in Bozen. Was hat dir diese Zeit über Öffentlichkeit, Kultur und Kulturpolitik vermittelt?
Ich war 27 Jahre jung, als wir die Carambolage gegründet haben und von Anfang an die Präsidentin des Vereins. Ich hatte keine Erfahrung, weder im Theater noch im Vereinswesen. Ich habe gelernt für eine Idee zu kämpfen und im Team zu arbeiten, Interviews zu geben und Gespräche mit Sponsoren und Politikerinnen zu führen. Ich habe Selbstwirksamkeit erfahren. Den Austausch mit den verschiedenen Akteuren im Kulturbetrieb, zwischen Künstlerinnen und Publikum, fand ich belebend und erkenntnisreich. Es sind die Menschen und ihre Geschichten, die mich interessieren.
Kannst du von deiner Kunst leben?
Ich bin seit 1994 selbstständig und ich kann von dem, was ich mache, leben. Dazu gehören viele verschiedene Arbeiten. Ich mache Kataloge und Bücher, ich organisiere und veranstalte Workshops, ich verkaufe meine Arbeiten auf Ausstellungen und Messen. Meine Arbeit ist bunt und abwechslungsreich, selbstbestimmt und inspirierend. Und ich finde die Trennung Arbeit und Leben eh obsolet.