„Bürokratisches Monster“
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Jetzt S+ abonnierenSALTO: Herr Schreyögg, Alps Coffee wurde letzte Woche von Fairtrade Italia als bester Partner ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung?
Stefan Schreyögg: Es ist eine Anerkennung für unsere Arbeit der letzten Jahre. Wir sind vor mehr als zehn Jahren mit einer Fairtrade-Espresso-Mischung gestartet. Heute bieten wir neben den konventionellen Produkten für jedes Produkt, ob Filterkaffee, entkoffeiniert oder in Kapseln, eine biologische und fair gehandelte Variante an. Mittlerweile beobachten wir, dass der Absatz bei den fairen Produkten stärker steigt als bei den konventionellen. Insgesamt macht der Absatz des fair gehandelten Segments rund 20 Prozent aus.
Zur Person
Stefan Schreyögg (41) führt in vierter Generation den Kaffeehandel seiner Familie in Rabland, eine Gemeindefraktion von Partschins. Sein Urgroßvater startete den Handel 1890 mit einem kleinen Kolonialwarengeschäft in Meran. Heute werden die Erzeugnisse aus der eigenen Kaffeerösterei in Rabland mit den Namen Alps Coffee verkauft. Schreyögg lebt in Meran, in seiner Freizeit stellt er sich gerne auf die Ski oder verreist und lernt andere Kulturen kennen.
Wieso haben Sie sich damals entschieden, bei Fairtrade einzusteigen?
Uns hat das Konzept von Fairtrade überzeugt, weil es vor Ort einen sehr großen Mehrwert schafft.
Wie schaut dieses Konzept aus?
Die Anbauer erhalten einen Mindestpreis für den Rohkaffee, auch wenn der Weltmarktpreis darunter liegt. Zudem nimmt die Organisation von Fairtrade eine Prämie pro verkauftes Kilogramm Kaffee ein, um die Entwicklung in den Ursprungsländern durch Projekte zu unterstützen. Dabei ist Fairtrade paritätisch aufgebaut. Das heißt, die Länder des globalen Südens oder der dritten Welt, wie sie früher genannt wurden, haben im Vorstand gleich viele Stimmen wie die europäischen und westlichen Länder.
Entscheidet der Vorstand über die Projekte?
Über die Projekte entscheiden die Mitglieder der Genossenschaften vor Ort beziehungsweise ein Komitee der Arbeiter bei größeren Plantagen. In den afrikanischen Ländern geht es meist um Infrastruktur, Trinkwasserversorgung und Schulen. In den süd- und zentralamerikanischen Ländern werden die Gelder ebenso in Schulen, aber auch in Arbeitsschutz und Arbeitsgeräte investiert, weil dort die Infrastruktur schon verhältnismäßig gut ist.
Was ist die größte Herausforderung entlang der Handelskette von fair gehandeltem Kaffee?
Bei Fairtrade wird jeder Schritt vom Anbau bis zur Verarbeitung rückverfolgt, dafür steht unsere Zertifizierung. Auch in unserem Betrieb werden die Kontrollen der Standards von FLOCERT durchgeführt, das ist eine weltweit tätige, unabhängige Behörde. Diese lückenlose Rückverfolgbarkeit setzen wir in unserem Betrieb auch bei konventionellem Kaffee um, aber nicht alle Hersteller achten darauf.
„Denn auch wenn die Ausgangsidee, gegen die weltweite Entwaldung vorzugehen, zweifellos gut ist, wurde das Gesetz leider zu einem bürokratischen Monster.“
Das EU-Lieferkettengesetz würde genau das regeln, ist aber ins Stocken geraten…
Die EU hat das Gesetz mehrmals aufgeschoben und dafür gibt es meiner Meinung nach gute Gründe. Denn auch wenn die Ausgangsidee, gegen die weltweite Entwaldung vorzugehen, zweifellos gut ist, wurde das Gesetz leider zu einem bürokratischen Monster und verfehlt damit das Ziel. Auch unsere Partner in den Ursprungsländern sagen, dass bei Einhaltung der bürokratischen Standards der EU Kaffee teuer nach Europa verkauft wird und jener, der sie nicht erfüllt, günstiger in andere Teile der Welt verschifft wird. Nun bleibt abzuwarten, wie das Gesetz überarbeitet wird und wann es wirklich in Kraft tritt.
Letzte Woche mussten vier Erntehelfer aus Afghanistan und Pakistan in Kalabrien mit ihrem Leben bezahlen, weil sie sich gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf den Erdbeerfeldern aufgelehnt hatten…
Ich kenne weder diesen tragischen Fall noch die genauen Umstände in Italiens Landwirtschaft.
Müsste angesichts solcher Vorkommnisse nicht auch in Europa ein Fairtrade-Siegel eingeführt werden?
Fairtrade konzentriert sich auf Produzenten aus dem globalen Süden, wo soziale und wirtschaftliche Herausforderungen viel größer sind als in Europa. Außerdem sind die Länder in Konsumenten- und Anbauländer eingeteilt. Inzwischen gibt es aber auch Länder wie Brasilien, die nicht nur als Anbauer, sondern auch als Konsument auftreten. Dieser Wandel ist bereits zu beobachten.